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Parodontitis: Zahnpflege ist Herzenssache

Entzündungen im Zahnfleisch sind von außen kaum sichtbar. Sie können jedoch als Risikofaktor für schwere Krankheiten Folgen für den gesamten Körper haben. Mit konsequenter Mundhygiene ist die Prognose aber gut

von Brigitte Krumm, aktualisiert am 02.09.2020
Früh übt sich: Gute Vorbilder fördern eine konsequente Zahnpflege

Früh übt sich: Gute Vorbilder fördern eine konsequente Zahnpflege


Die gute Nachricht vorneweg: Die Deutschen haben zunehmend gesündere Zähne. Die Karies- und Parodontitiszahlen sind seit Jahren rückläufig. Dennoch: Bei fast jedem Zweiten entsteht im Lauf seines Lebens eine zumindest mittelschwere Parodontitis. Das geht aus der letzten großen Erhebung hervor, der fünften Mundgesundheitsstudie.

Ein schleichender Entzündungsprozess

Oft merken Patienten, dass etwas nicht stimmt, wenn ihr Zahnfleisch blutet. "Das ist tatsächlich meist das erste Signal für eine Parodontitis", bestätigt Professor Christoph Benz, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. Das Problem: Zu dem Zeitpunkt haben die Entzündungen bereits die Zahnfleischränder angegriffen.

Die Ursache für Parodontitis sind Bakterien, die sich in den rauen Be­lägen aus Speichel- und Nahrungs­resten an Zähnen und Zahnhälsen einnisten. Sie bilden Schadstoffe und Säuren, die in den Schleimhäuten Entzündungsprozesse hervorrufen. Das Zahnfleisch wird so empfindlich, dass es bereits beim Reinigen oder herzhaften Zubeißen zu bluten beginnt.

In der Folge bilden sich tiefe Taschen, in denen sich die Bakterien gut vermehren können. Nach und nach zieht sich das angegriffene Zahnfleisch ­­zurück, die Zahnhälse liegen frei, der Kieferknochen baut sich ab – der Zahn wird locker. Früher Zahnverlust hat meist mit Parodontitis zu tun.

Zahnreinigung gegen chronische Erkrankungen

Zum Glück kann jeder selbst viel tun, um sein Zahnfleisch gesund zu erhalten. Das Ziel ist dabei immer, die Beläge auf den Zähnen in kurzen Abständen konsequent zu entfernen. Das entzieht den Bakterien die Lebensgrundlage.

Von den vorbeugenden Maßnahmen profitiert nicht nur das Gebiss. Denn bei einer Parodontitis können Entzündungsbotenstoffe und Bakterien leicht über das Zahnfleisch in den ganzen Körper gelangen.

Mögliche Folgen einer Parodontitis:

(Bitte mit dem Mauszeiger auf die gelben Punkte zeigen und die Erklärung unter dem Bild lesen):

 

"Die Erreger befeuern Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder Rheuma. In der Schwangerschaft erhöht Parodontitis das Risiko für eine Frühgeburt und ein niedrigeres Geburtsgewicht", erklärt der Parodontologe Professor Moritz Kebschull aus Birmingham (Großbritannien). Diskutiert würden auch Zusammenhänge mit Erek­tions­störungen oder Alzheimer.

Die Botenstoffe fördern zudem die Entwicklung von Bluthochdruck und die Verkalkung der Gefäße. "Wandern Bakterien weiter ins Herz, können sie sich dort an den Innenhäuten und Klappen festsetzen und gefährliche Entzündungen auslösen", warnt Professor Heribert Schunkert, Leiter des Deutschen Herzzentrums München.

Dreimal täglich putzen

Auf Verbindungen zwischen Parodontitis und dem Herz-Kreislauf-System hat erst im vergangenen Jahr erneut eine britische Forschergruppe hingewiesen. In einer großen Übersichtsarbeit konnten die Wissenschaftler zeigen, dass das Risiko für Bluthochdruck bei Patienten mit mittlerer bis schwerer Parodontitis um 22 Prozent höher war. Wurden nur die schweren Fälle einberechnet, stieg das Risiko sogar um 49 Prozent.

Prof. Dr. Moritz Kebschull

Auch südkoreanische Experten wiesen in einer aktuellen Studie Verbindungen zwischen Zahnfleisch- und Herzerkrankungen nach. Sie untersuchten die Gesundheitsdaten von über 160 000 Versicherten im Alter zwischen 40 und 79 Jahren. Aus ihren Ergebnissen schlussfolgern die Forscher unter anderem, dass dreimal tägliches Zähneputzen das Risiko für Vorhofflimmern oder Herzschwäche deutlich senkt.

Bewiesen ist das allerdings damit noch nicht. Zudem bleibt offen, ob sich die Ergebnisse auf Europäer übertragen lassen. "Dass es Zusammenhänge gibt, ist eigentlich schon lange bekannt", sagt Experte Kebschull. Ob im Umkehrschluss die Behandlung einer Parodontitis eine bestehende Herzerkrankung lindern kann, ließ sich bisher nicht eindeutig klären.

Jeder ist für sein Gebiss verantwortlich

Nahezu sicher ist dagegen, dass die Therapie von Zahnfleischentzündungen beispielsweise den Verlauf eines Diabetes positiv beeinflussen kann. Auf diese Weise konnten Londoner Mediziner im Rahmen einer Studie den Wert für den Langzeitblutzuckerwert HbA1c bei Diabetespatienten um 0,8 Prozent senken. "Allein durch die Zahnfleischbehandlung solche Effekte zu erzielen, das ist wirklich beeindruckend", findet Kebschull.

Die Zähne optimal pflegen

Eine gute Mundhygiene ist die Basis für gesundes Zahnfleisch

Der Zahnexperte betont, dass eine Therapie aber nur funktioniere, wenn der Patient aktiv mitmache. Zum Beispiel müssten in regelmä­ßigen Abständen Behandlungs- und Kontrolltermine wahrgenommen werden. Es sei zudem wichtig, dass Betroffene vom Zahnarzt immer wieder individuelle Anweisungen zur Mundpflege bekommen. Dann kann jeder sein Risiko für Parodontitis auf ein Minimum reduzieren – und damit auch für Folge­­erkrankungen.

Profis ranlassen

Um Beläge vollständig zu entfernen, kann professionelle Zahnreinigung (PZR) sinnvoll sein – idealerweise etwa ein- bis zweimal pro Jahr. Die Häufig­keit ist aber individuell verschieden. Die Behandlung lässt die Zähne nicht nur wieder strahlen, sondern entzieht den schädigenden Bakterien auch den Lebensraum und erleichtert dem Zahnfleisch die Regeneration.

Zahnspiegel und Kalender

Durchgeführt wird die PZR meist von einer speziell ausgebildeten Prophylaxeassistentin in der Zahnarztpraxis. Sie dauert je nach Aufwand bis zu eine Stunde, manchmal auch länger. Die Kosten (etwa 80 bis 120 Euro) müssen in der Regel von den Patienten selbst getragen werden. Über Ausnahmen oder Zuschüsse informiert die Krankenkasse. Nachfragen kann sich lohnen.

Regelmäßig kontrollieren

Um Schäden an Zähnen und Zahnfleisch rechtzeitig aufzuspüren, ist die regelmäßige Kontrolle beim Zahnarzt wichtig. Zweimal im Jahr entfernt er Zahnstein, der die Entwicklung von Parodontitis begünstigt.

Alle zwei Jahre sollte der Zahnarzt die Tiefe der Zahnfleischtaschen mit einer Spezialsonde überprüfen. Bei bestehender Parodontitis ist diese Kontrolle häufiger nötig. Die Ergebnisse, in die er verschiedene Kriterien einbezieht, fasst er mit einem Index-Wert zwischen 0 und 4 zusammen, dem "Parodontalen Screening-Index".

Risikofaktoren senken

Rauchen und Übergewicht zählen zu den wichtigsten beeinflussbaren
Risikofaktoren für Parodontitis. So erkranken Menschen mit hohem Body-Mass-Index (BMI) häufiger daran als Menschen mit niedrigem BMI. Nikotin erhöht die Parodontitis-Gefahr um das 2,7-Fache. Zudem sind die Ergebnisse der Parodontitis-Behandlung bei Rauchern deutlich schlechter.

Besonders tückisch: Weil Nikotin die Gefäße verengt, leiden Raucher weniger unter Zahnfleischbluten. Parodontitis wird daher schlechter erkannt, schreitet aber aufgrund der geringeren Durchblutung schneller fort.

Auch ein schlecht eingestellter Diabetes kann eine Parodontitis ­­verschlimmern. Umso wichtiger sind stabile Blutzuckerwerte.

Infografik Tee, Käse, Zahn

Sich gesund ernähren

Wer häufiger frisches Gemüse und Vollkornprodukte isst, kräftigt das Zahnfleisch, denn das feste Kauen regt die Durchblutung und die Speichelbildung an. Ungünstig wirken sich dagegen zuckerreiche Speisen aus: Zucker ernährt die Bakterien und trägt dadurch wesentlich zur Entwicklung von Karies und Parodontitis bei.

Von Vorteil ist ein Speiseplan mit entzündungshemmenden Fetten. Dazu zählen Raps- oder Leinöl sowie die wertvollen Öle in Seefisch.

In Untersuchungen haben sich auch Lebensmittel wie Grüntee und Käse bewährt. Der Grund: Grüner Tee enthält Tannine und Catechine, die ­­antibakteriell wirken. Ein kleines Stück Käse nach dem Essen hilft, den pH-Wert im Mund zu regulieren. Das könne aber allenfalls leicht unterstützen, betont Professor Christoph Benz. "Keinesfalls sollte man dafür an der mechanischen Zahnpflege sparen."

Auch Tee könne Beläge erzeugen. Zuckerfreier Kaugummi eignet sich für zwischendurch. Er regt die Speichelbildung an. Grobe Speisereste werden leichter weggespült.

Zur Abschätzung des ­eigenen Risikos hat die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie Smartphone-Apps entwickelt: "Parodontitis-Selbsttest"