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Parkinson: Ansätze gegen Blockaden

Das plötzliche Einfrieren von Bewegungen belastet viele Parkinsonkranke. Neurologen erforschen das Phänomen - und behandeln dieses "Freezing" mit neuen Ansätzen

von Dr. Christian Guht, 07.11.2019
Mann auf dem Fahrrad

Runde Gleichmäßigkeit: Wenn der innere Takt aus dem Gleichgewicht gerät, können Bewegungshilfen, wie die Pedale am Fahrrad, Orientierung geben


Die Ampel schaltet auf Grün, doch der Körper streikt, er will nicht gehen, bewegt sich nicht mehr. "Freezing" heißt dieses plötzliche Einfrieren einer Bewegung und gilt als typisches Symptom der Parkinsonkrankheit. Mindestens 60 Prozent aller Patienten ereilt das Problem früher oder später.

Neurologen der Universitätsklinik Düsseldorf untersuchten diese lästige und sturzträchtige Bewegungsstörung auf besondere Art: Sie ließen die Probanden unterschiedliche Bewegungen ausführen, während sie gleichzeitig die Aktivität im Gehirn beobachteten.

Fahrradfahren wirkt Wunder

Erstaunlich: Auf dem Fahrrad schien das Problem fast wie weggezaubert. In runder Gleichmäßigkeit traten die Kranken in die Pedale - ohne Blockade, die sonst ihre Glieder plötzlich befiel.

Beim Laufen und Gehen hingegen stockten die Schritte wieder in gewohnter Weise. Die Wissenschaftler suchten nach der Störquelle, die nur bei diesen bestimmten Bewegungen einsetzt, und wurden fündig.

Was ist Parkinson?

Bei der Parkinsonkrankheit gehen bestimmte Nervenzellen zugrunde, die mithilfe der Substanz Dopamin Bewegungsautomatismen steuern. Dadurch kommt es zu einer Verarmung der Bewegung, zu Muskelsteife, Instabilität der Körperhaltung und Zittern.

Gleicht man den Dopaminmangel mit Medikamenten aus, lassen sich die Symptome einige Zeit gut behandeln. Allerdings wird der Effekt immer schwächer, da der Nervenuntergang fortschreitet, oder es treten Nebenwirkungen auf.

In solchen Fällen kann die tiefe Hirnstimulation helfen. Dabei werden Elektroden in bestimmten Hirnregionen platziert, wo sie die Bewegungshemmung mit elektrischen Reizen unterdrücken.

"Wir haben bei Patienten mit Freezing ein abweichendes Erregungsmuster in der Tiefe des Gehirns gemessen", erläutert Studienleiter Professor Alfons Schnitzler. Den Fehler fanden die Mediziner im sogenannten Nucleus subthalamicus.

Schwierigkeiten beim Start

Diese Gehirnstruktur spielt eine besondere Rolle bei Bewegungsautomatismen und dient als Angriffspunkt der tiefen Hirnstimulation bei Parkinson. Einen solchen nutzen die Ärzte, um abzuleiten, wo sie bei der Hirnstrommessung sonst nicht hingelangten.

Die Untersuchungsergebnisse deuten darauf hin, dass Freezing mit Situationen verknüpft ist, in denen eine Bewegungsablauf startet oder wechselt: Beim Loslaufen, Drehen oder an Engstellen fangen die Betroffenen plrötzlich an zu trippeln oder kommen gar nicht mehr vom Fleck.

Akustische und visuelle Hilfssignale

Im Verlauf der Parkinsonkrankheit gehen immer mehr Nervenzellen zugrunde. Zu Freezing kommt es normalerweise erst in fortgeschrittenen Stadien. Wenn innere Taktgeber dann nicht mehr arbeiten, können äußere Orientierungshilfen das Manko ausgleichen. So hilft die pedalgeführte Bewegung auf dem Rad, dass diese ungestört verläuft.

Univ.-Prof. Dr. med. Alfons Schnitzler

Treppenstufen bieten meist ebenfalls eine wirksame Leitstruktur. "Beim Treppensteigen tritt Freezing praktisch nicht auf", so Schnitzler. Auch können Parkinsonpatienten oft noch relativ gut tanzen, da die Musik ihren Bewegungen den Takt vorgibt. Solche Hilfssignale sind wie eine Initialzündung, die zum Weitermachen anregt.

Inzwischen gibt es einige Tricks und Hilfsmittel, die den Alltag von Parkinsonpatienten erleichtern. Manchmal reicht es aus, mit einem Wanderstock einen Rhythmus vorzuklopfen. Ebenso kann das Klicken eines Metronoms die Schritte akustisch führen. Aber es gibt auch visuelle Signale.

Starten mit dem Laserpointer

Mithilfe eines Laserpointers können optische Lichtschranken auf den Boden projeziert werden, die zum Weitergehen anregen. Nutzen lässt sich auch ein Spazierstock: Dreht der Patient ihn um, dient der Griff als Startlinie, die zum Übersteigen anregt und so das Gehen wieder ermöglicht.

Wesentlich komfortabler sind spezielle Anti-Freezing-Stöcke mit integrierter Laserquelle, die per Knopfdruck am Griff eine Lichthürde auf die Straße projezieren. Auch bestimmte Verhaltensregeln können das Freezing reduzieren.

"Ablenkende Gedanken oder Tätigkeiten sollten beim Laufen unbedingt vermieden werden", sagt Dr. Daniel Weiß, Oberarzt an der Klinik für Neurologie der Universität Tübingen und Forschungsgruppenleiter am Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung.

Gangblockaden technisch überwinden

Da der Gebrauch von Hilfssignalen den Patienten mit fortschreitender Krankheit manchmal schwerfällt, prüft die Arbeitsgruppe um Weiß, ob es Möglichkeiten gibt, sie automatisch zu aktivieren, wenn sich eine Gangblockade ankündigt. Das könnte zum Beispiel durch fortlaufende Bewegungsmessung und den Einsatz von Smartphones funktionieren.

Mit den gängigen Parkinsonmedikamenten lässt sich Freezing ebenfalls lindern, wenngleich nicht in allen Fällen. Besondere Hoffnungen setzt das Forscherteam um Daniel Weiß aber auch in die tiefe Hirnstimulation und erprobt zurzeit eine besondere Variante, um die Freezing-Symptome zu verbessern.

Forschungsbereich Hirnstimulation

Dabei wird nicht nur der Gehirnbereich des Nucleus subthalamicus gereizt, sondern zusätzlich die benachbarte Struktur, die Substantia nigra reticulata. "Erste Studien zeigen gute Effekte, die wir aber noch an einer größeren Patientenzahl überprüfen müssen", so Weiß. Dazu läuft zurzeit eine große bundesweite Therapiestudie. Die Ergebnisse können viel in Gang bringen.


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