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Geräuschempfindlichkeit lindern

Sensibles Gehör: Rund eine Million Deutsche leiden stark unter alltäglichen Geräuschen. Mediziner nennen das Hyperakusis. Doch die Ohren lassen sich therapieren

von Bettina Rackow-Freitag, 20.05.2019
Comic: Mann mit Tinnitus

Manche Menschen nehmen Laute aus der Umgebung besonders laut und unangenehm wahr. Betroffene, die besondere Angst um den Verlust des Gehörs haben, schützen ihre Ohren mit allen Mitteln


Wenn der Vater die Kohle aus dem Ofen gekratzt hat oder sein Schlafrock über den Boden wischte, schmerzte es Franz Kafka in den Ohren. In seiner Biografie beklagt der bekannte ­Autor den Lärm, den die Menschen verursachen. "Kafka litt höchstwahrscheinlich an klassischer Phonophobie, einer besonderen Art der Geräuschempfindlichkeit", konstatiert Professor Gerhard Goebel. Die Patienten reagieren auf Geräusche, die für sie emotional negativ besetzt sind.

Das ist nur eine Form der sogenannten Hyperakusis, die der HNO-Arzt in der Schön-Klinik Roseneck in Prien behandelt. Die meisten Menschen mit dieser Empfindlichkeit nehmen generell alles deutlich lauter und unangenehmer wahr als Menschen mit normalem Gehör.

Erst seit den 80er-Jahren wird die Erkrankung erforscht. "Vorher hielten Mediziner das Phänomen für einen Teil der Persönlichkeit", erzählt ­­Goebel. Inzwischen weiß man mehr über die körperlichen Ursachen. Normalerweise stellt sich die Ohrschnecke auf alle Laute von außen ein, indem sich die Haarzellen strecken und zusammenziehen – je nach Frequenz und Lautstärke. Geregelt wird dieser Ausgleich lauter Geräusche durch ein Zusammenspiel von Haarzellen, Hörnerv und dem entsprechenden Gehirnareal. Laufend wird das aus­­geklügelte System neu justiert, sogar im Schlaf.

Ein sensibles Organ

Doch ist dieses Hin und Her gestört, werden die Haarzellen stetig aktiviert. "Hyperakusis ist sozusagen eine Verarbeitungsstörung im Gehirn. Vergleichbar mit einer Verstärkeranlage im Gehör", erklärt Goebel.

Der Mediziner ist auch Vorstand der Deutschen Tinnitus-Liga und berichtet über einen Zusammenhang: "Wer unter einer Hyperakusis leidet, hat meist auch ein Problem mit Tinnitus." Mindestens jeder dritte Tinnitus-Patient klage neben dem ständigen Rauschen und Piepen im Ohr auch über Geräuschempfindlichkeit. "Vermutlich verstärkt die Erkrankung die im Ohr wahrgenommenen Tinnitus-Geräusche."

Beeinflusst wird die Hyperakusis von unserer Gefühlslage. Das Gehör ist unser sensibelstes Organ, es soll uns seit jeher vor Gefahren warnen. "Wer Angst hat, hört deshalb auch die Mäuse besonders laut rascheln", sagt Goebel. Eine Erklärung dafür, warum etwa Menschen mit einer posttraumatischen Störung selbst bei leisen Lauten erschrecken oder gar Gespräche am anderen Ende des Raumes mithören können.

Comic: Vogel krächz laut

Angst vor Geräuschen

Die verstärkte Wahrnehmung setzt manchmal einen Teufelskreis in Gang. Wer alles zu laut hört, hat Angst, das Gehör könne Schaden nehmen. Viele Betroffene vermeiden jede Art von Geräuschen, wollen sich schützen. "Manche gehen nicht mehr aus dem Haus und ziehen sich zurück", berichtet HNO-Arzt Goebel. Sie nutzen Watte, Stöpsel oder gar einen professionellen Gehörschutz, um ihr Ohr – und damit sich selbst – abzuschirmen. Doch das ist kontraproduktiv. Die ­Geräuschempfindlichkeit nimmt auf diese Weise nur weiter zu.

Früher vermuteten Mediziner hinter Hyperakusis eine Durchblutungsstörung und verschrieben den Betroffenen oft blutverdünnende Medikamente. Eine wirksame Behandlung der Geräuschempfindlichkeit gibt es erst seit rund fünf Jahren.

Aufklärung und Entwöhnung

Findet sich kein medizinischer Grund für das Gehörproblem, wird der Patient zunächst aufgeklärt. Er muss die irrationale Angst verlieren, dass sein Innenohr durch den falsch wahrgenommenen Geräuschpegel Schaden nimmt. Vielen hilft das bereits. Ziel ist auch eine Entwöhnung von Ohrstöpseln und anderen Schutzmaßnahmen.

Doch nicht jeder Patient schafft das allein. Man muss sich schrittweise wieder an eine normale Geräuschkulisse gewöhnen", erklärt Professor Gerhard Hesse von der Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen. "Es ist wie ein akustisches Abhärten. Der Hörsinn wird so neu justiert."

Audiotherapie

Rund vier bis sechs Wochen bleiben die Patienten normalerweise in seinem Institut. Hör- oder Audiotherapeuten kümmern sich gemeinsam mit Psychotherapeuten um die Betroffenen. "Ich muss im Gespräch sehr behutsam vorgehen, besonders dann, wenn womöglich ein schwerwiegenderes Problem dahinterstecken könnte", sagt Hesse. Es sei wichtig, dass der Patient mitarbeitet und nicht verzweifelt.

Meist dauert es mehrere Monate, schlimmstenfalls sogar Jahre, bis die Hyperakusis abklingt. "Das Gehirn muss wieder lernen, die Störgeräusche auszufiltern", erläutert Hesse. Eine gute Übung sei es zum Beispiel, während eines Sinfoniekonzerts nur die Oboe oder die Geigen herauszuhören – und die anderen Instrumente auszublenden. Oder man versucht mit geschlossenen Augen herauszuhören, aus welcher Richtung ein ­Geräusch kommt. Der Betroffene fokussiert sich auf die Raumorientierung und lenkt sich so vom gefühlten Lärm ab.

Auch Hypnose oder Biofeedback kann ein Weg sein. Ziel beider Methoden ist es, dass der Patient entspannt bleiben kann – auch wenn er gerade lautere Geräusche wahrnehmen muss.

Lärmende Umwelt

Weitere Therapie-Option: sogenannte Noiser. Diese Geräuschgeneratoren werden – ähnlich wie Hörgeräte – am Ohr angebracht. Sie geben ein neu­­trales Rauschen ab, das störende Geräusche überdeckt und die Aufmerksamkeit davon wegleitet. "Noiser kommen auch bei Tinnitus zum Einsatz, um vom inneren Piepsen oder Brummen im Innenohr abzulenken", berichtet Hesse.

Er und seine Kollegen beobachten eine Zunahme der Hyperakusisfälle. "Es ist ein Phänomen der zivilisierten Welt", meint er. Handyklingeln, Radio, Verkehrslärm – der ständige Geräuschpegel lässt heutzutage viele von uns kaum noch zur Ruhe kommen.

Geräuschkulisse im Ohr: Tinnitus

Mehr als drei Millionen Deutsche leiden unter Tinnitus – belastenden Ohrgeräuschen wie Klingeln, Piepsen oder Summen. Die Ursachen sind vielfältig: Stress, Hörsturz, Depressionen, Schwerhörigkeit oder auch Durchblutungsstörungen können Tinnitus auslösen.

Die Behandlung richtet sich nach Auslöser, Krankheitsdauer und Intensität. Eine Verhaltenstherapie unterstützt bei psychischen Belastungen. Ziel eines Noisers ist es, die Störgeräusche im Ohr zu übertönen. Ein Retraining kann helfen, TinnitusGeräusche auszublenden und sie als weniger störend zu empfinden.

Weiterführende Hilfe online auf www.tinnitus-liga.de