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Beginnende Schwerhörigkeit: Früh reagieren

Hörst Du mich? Meist bemerkt zuerst das Umfeld, wenn das Gehör nachlässt. Wer rechtzeitig handelt und zum Arzt geht, kann sein Hörvermögen länger erhalten

von Bettina Rackow-Freitag, 05.03.2020
Schwerhörig

Schätzungen zufolge leben in Deutschland 3,7 Millionen Menschen mit einem Hörgerät. 1,7 Millionen Betroffene nehmen keine Hörhilfe in Anspruch - obwohl sie dringend eine bräuchten


Weniger hören – das passiert nicht einfach, es ist meist ein schleichender Prozess über Jahre. Deshalb merken schwerhörige Menschen selbst oft gar nicht, dass ihr Hörsinn nicht so funktioniert, wie er sollte. Wenn sie Fernseher oder Radio immer lauter schalten, ständig nachfragen, Dinge falsch verstehen, wird oft zuerst das Umfeld aufmerksam.

Weitere Indizien, die Angehörige aufhorchen lassen: Viele Betroffene überhören das Klopfen an der Tür oder das Klingeln des Telefons, ermüden schnell bei langen Gesprächen, schauen währenddessen verstärkt auf die Lippen des Gegenübers oder rücken nah heran, um besser hören zu können. Viele reagieren auch gereizt, weil sie nicht alles mitbekommen, oder ziehen sich zurück.

Mit Schwerhörigkeit umgehen

"Anfangs können Schwerhörige der Kommunikation mit einer Person noch gut folgen. Doch kommen Hintergrundgeräusche dazu oder reden viele Menschen durcheinander, können sie sich nicht mehr am Gespräch beteiligen", erklärt Dr. Michael Deeg vom Berufsverband der Hals-Nasen- Ohren-Ärzte.

Anstatt sich dem Problem zu stellen und zum Hörtest zu gehen, seien etliche der festen Überzeugung, die anderen müssten nur deutlicher und lauter sprechen. In seiner Freiburger Praxis macht Deeg die Erfahrung, dass deshalb viele Patienten zu spät zu ihm kommen und er eine bereits fortgeschrittene Schwerhörigkeit feststellen muss.

Sein Rat: Auch wenn es für Angehörige schwierig ist, sollten sie zwar verständnisvoll bleiben, trotzdem aber immer wieder versuchen, den Partner oder das Familienmitglied dazu zu bewegen, einen Hörtest zu machen. Bieten Sie sich als Begleiter an!

Verdrängen rächt sich

Denn zu langes Abwarten hat Folgen. Der Gehörsinn passt sich über die
Jahre an. Werden die betreffenden Nervenzellen im Gehirn nicht mehr genügend gereizt, beeinflusst das auf Dauer auch die Verarbeitung der Reize.

Die Gewöhnung an das Hörgerät dauert länger: "Selbst wenn der Betroffene dann ein Hörgerät bekommt, kann er zwar wieder die Lautstärke wahrnehmen, doch das Sprachverstehen hat meist gelitten", sagt Deeg.

Das Gehirn stellt sich trotz der Hörhilfe nicht spontan um. "Betroffene empfinden Geräusche mit einem Hörgerät als besonders laut und tragen es ungern und selten", berichtet Deeg. Doch das verstärkt die Negativspirale.

Beratung bei der Auswahl des Hörgeräts

Wird hingegen das Hörgerät frühzeitig und regelmäßig getragen, kann die Sprachverständlichkeit zu fast 100 Prozent erhalten werden oder sich langsam verbessern. "Idealerweise sollte man es den ganzen Tag tragen", rät der HNO-Arzt. Schon eine tägliche Nutzung von sechs Stunden zeige positive Effekte.

Beim Umgang mit dem neuen Gerät im Ohr helfen Hörakustiker mit individuellen Trainings. Dort können sich schwerhörige Menschen mit einem entsprechenden Rezept vom Hals-­Nasen-Ohren-Arzt ein Hörsystem anpassen lassen.

Zuschüsse von der Krankenkasse

  • Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland übernehmen den Festbetrag von bis zu 784,94 Euro für ein Hörgerät, für beide Ohren bis zu 924,94 Euro. Die Rezeptgebühr von 10 Euro trägt der Patient selbst. Alle sechs Jahre kann ein neues Gerät beantragt werden.
  • Wer ein zuzahlungspflichtiges Hörgerät wählt, muss die Mehrkosten selbst tragen. Jede Kasse hat eigene Zusatzbeitragssätze.
  • Was viele nicht bedenken: Auch bei Reparaturen oder zusätzlicher Pflege dieser Geräte zahlt die Kasse nichts dazu.

"Dabei werden Hörtest­-Ergebnisse ebenso mit einbezogen wie persönliche Wünsche und Bedürfnisse. Denn ein Musiker stellt an seinen persönlichen Hörgenuss andere Anforderungen als etwa ein Sportler", sagt Marianne Frickel, Präsidentin der Bundesinnung der Hörakustiker.

Angst und Eitelkeit

Insgesamt gehen Schätzungen von rund 3,7 Millionen Hörgeräte-Trägern hierzulande aus. Wobei das Durchschnittsalter in den letzten zehn Jahren von 74 um mehr als fünf Jahre gesunken ist. Dennoch gibt es immer noch 1,7 Millionen Betroffene, die ­bislang keine Hörhilfe in Anspruch nehmen – obwohl sie eine bräuchten.

Neben der Angst vor einer Stigmatisierung spielt bei vielen auch ein anderes, ganz menschliches Gefühl eine Rolle. Eitelkeit haben sowohl die Techniker als auch die Barmer Krankenkasse bei Umfragen als einen der Gründe ausgemacht, warum Menschen ihr Problem verdrängen.

"Davon gehen wir auch aus", bestätigt Frickel. Obwohl Hörsysteme mittlerweile hochleistungsfähige Minicomputer und smarte Begleiter mit vielfältigen Funktionen seien, die weit über das gute Hören hinausgehen.

Online-Hörtest der Fördergemeinschaft Gutes Hören: www.fgh-info.de

Das Gespräch beim HNO-Arzt suchen

"Viele ärgern sich hinterher oft, dass sie sich nicht früher für die Hörhilfe entschieden haben, denn sie gibt ein bedeutendes Maß an Lebensqualität zurück", berichtet Frickel.
 Auch wenn Hörakustiker ebenfalls Hörtests anbieten, rät Deeg besonders für die Erstverordnung, zum HNO-Arzt zu gehen.

"Eine Schwerhörigkeit – besonders wenn sie nur einseitig auftritt – kann viele Ursachen haben und bedarf einer Diagnosestellung und oft einer weiteren ärztlichen Behandlung." In manchen Fällen könne eine Operation sogar den Grund für die Hörminderung beheben – und ein Hörgerät ist dann gar nicht mehr nötig.