Warum sind wir kitzelig?

Mütter kitzeln ihr Kind, um es zum Lachen zu bringen. Paare drücken damit Nähe aus. Doch das alltägliche Ritual stellt Forscher immer noch vor Rätsel

von Stephan Soutschek, 02.11.2015

„Nicht, ich bin doch kiiitzelig ...“ Wir lieben und hassen diese Empfindung


Das Opfer windet sich in wilden Zuckungen hin und her, das Gesicht zur Grimasse verzerrt. Obwohl der so gepeinigte Mensch die Berührungen oft als ausgesprochen unangenehm wahrnimmt, kann er nicht anders, als unablässig Gluckslaute von sich zu geben oder gar schallend zu lachen.

Kitzeln gehört zu den widersprüchlichsten Phänomenen im menschlichen Miteinander. Bis heute sind sich Experten uneinig, ob es vor allem dem sozialen Austausch dient oder ein Schutzreflex ist. Erst in jüngerer Zeit brachten die modernen Methoden der Gehirnforschung neue Erkenntnisse über die eigentümliche Verhaltensweise ans Tageslicht.

Zwei Arten von Kitzeln

Im Mittelalter diente Kitzeln als Foltermethode. Heute ist es vor allem eine scherzhafte Geste zwischen Eltern und Kind oder eine intime Handlung unter Paaren. Warum ruft eine harmlose Berührung eine so extreme Reaktion hervor? "Dazu gibt es viele Überlegungen – aber noch keine eindeutige Antwort", sagt Dr. Maike Hesse, leitende Oberärztin am Zentrum für Neurologie und Psychiatrie an der Uniklinik Köln.

Kitzeln ist nicht gleich Kitzeln. Fachleute unterscheiden zwei Arten: Knismesis meint eine sanfte Berührung der Haut. Gargalesis ist dagegen eine heftigere Form des Kitzelns, die durchaus schmerzhaft sein kann. Bei ihr bearbeitet zum Beispiel jemand den Bauch seines Gegenübers unablässig mit den Fingern, sodass dem Mitmenschen vor Lachen die Tränen kommen. Während die leichte Variante unter Säugetieren weit verbreitet ist, kommt Gargalesis wohl nur bei Menschenaffen vor, unseren nächsten Verwandten im Tierreich.

Schutz vor Fremdkörpern

Eine mögliche Erklärung ist, dass die Reaktion beim Kitzeln eine Art Schutzreflex darstellt. Leiten die Nerven eine Berühungsempfindung an das Gehirn weiter, schlägt das Denkorgan Alarm. Der Reiz auf der Haut könnte ja von einer Giftspinne stammen. Der anschließende Schüttelreflex dient dazu, den Eindringling auf der Haut loszuwerden.

Mit dieser Theorie lässt sich zumindest erklären, warum Menschen an einigen Körperstellen wie Füßen oder Bauch besonders kitzelig sind. Unter der Bauchdecke sitzen die inneren Organe, die Füße sind am Boden vielen Gefahren ausgesetzt. Deshalb benötigen sie einen speziellen Schutz.

Die Anzahl der Sinneszellen der jeweiligen Körperregion spielt wohl keine wesentliche Rolle. "Sonst müssten wir an den Händen besonders kitzelig sein, wo unser Tastempfinden sehr sensibel ist", sagt Hesse. Das Gegenteil ist der Fall: Obwohl die Hände besonders empfindlich für Berührungen sind, sind wir an ihnen nicht sonderlich kitzelig. Unter den Achseln oder am Bauch dagegen sehr wohl.

Kitzeln als sozialer Kitt

Manche Forscher betonen den sozialen Aspekt beim Kitzeln. Zu ihnen zählte schon Charles Darwin. Der Vater der Evolutionstheorie vermutete, die Handlung diene vor allem dazu, zwischenmenschliche Bindungen zu stärken. Tatsächlich scheint die Beziehung zwischen den beiden Beteiligten ein wichtiger Faktor zu sein. Je näher wir jemandem stehen, desto kitzeliger sind wir in der Regel. Das Lachen könnte dann eine gewisse "Erleichterung" zum Ausdruck bringen, wenn wir erkennen, dass keine echte Gefahr besteht.

Die zwischenmenschliche Komponente scheint allerdings gar nicht notwendig zu sein. Die US-Psychologin Christine Harris von der University of California in San Diego konnte in einem Versuch nachweisen, dass Menschen auch dann auf einen entsprechenden Reiz reagieren, wenn sie glauben, dass eine Maschine sie kitzelt.

Harris nahm in einer weiteren Untersuchung zudem die Gesichtsausdrücke von Menschen näher unter die Lupe, die gerade gekitzelt wurden. Dabei stellte sie fest, dass bestimmte Muskelbewegungen teilweise fehlten, die typischerweise bei echter Freude auftreten – auch wenn die Versuchspersonen unter dem Kitzelreiz rein äußerlich lachten. Und selbst wenn die Teilnehmer ein echtes Lachen zeigten, berichteten sie, dass sie das Kitzeln als unangenehm empfanden.

Warum wir uns nicht selbst kitzeln können

Eine Maschine kann uns anscheinend kitzeln. Wer aber schon einmal versucht hat, sich selbst zu kitzeln, weiß: Es klappt einfach nicht. Das liegt vermutlich an der Arbeitsweise unseres Denkorgans.

"Das Gehirn bildet nicht einfach nur passiv äußere Reize wie auf einer Leinwand oder einem Film ab, sondern schafft sich bereits im Voraus mithilfe von Vorerfahrungen, Vorhersagen und Erwartungen aktiv ein Bild unserer Umwelt", sagt Hesse. Unerwartete Reize erregen deshalb unsere Aufmerksamkeit, während andere als weniger wichtig eingestuft werden. Diese Auslese dient dazu, die relevanten, also potenziell gefährlichen Reize aus der Flut der Sinneseindrücke herauszufiltern, um rechtzeitig handeln zu können, erklärt Hesse.

Kleinhirn steuert unbewusste Bewegungen

Bei den oben beschriebenen Vorgängen übernimmt das Kleinhirn eine wichtige Rolle. Es steuert unbewusste Bewegungsprozesse. Die Neurowissenschaftlerin Sarah-Jayne Blakemore untersuchte die Gehirne von Menschen in einem Magnetresonanztomografen, während diese von sich selbst oder jemand anderem gekitzelt wurden. Stammte der Reiz von den Teilnehmern selbst, war das Kleinhirn tatsächlich weniger aktiv, als wenn er von einem anderen Menschen kam.

Dagegen fand Blakemore eine erhöhte Aktivität im sekundären somatosensorischen Cortex, wenn eine zweite Person die Teilnehmer zu kitzeln versuchte. Der somatosensorische Cortex ist ein Teil der Großhirnrinde und verarbeitet unter anderem Berührungsempfindungen. Das Gleiche stellte eine Arbeitsgruppe um Hesse in einem ähnlichen Experiment für den primären somatosensorischen Cortex fest – also eine Verarbeitungsstufe früher im Gehirn.

Unser Denkorgan verarbeitet dieselbe Berührung also scheinbar unterschiedlich. Und zwar abhängig davon, von wem sie stammt. Versucht man sich selbst zu kitzeln, weiß das Gehirn genau, wo der Finger auf die Haut treffen wird und dass von dem Kontakt keine Gefahr ausgeht. Es kann der Berührung deshalb gelassen entgegensehen. Diese Gewissheit gibt es dagegen nicht, wenn jemand anderes uns zu kitzeln versucht.

Sich selbst zu kitzeln, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die meisten Menschen dürften damit kein Problem haben. Andere zu kitzeln ist schließlich angenehmer, als selbst das Opfer zu sein.