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Tremor: Therapien gegen das Zittern

Wenn sich Muskeln unkontrolliert bewegen, sollten Patienten und Ärzte auf die Suche nach der Ursache gehen. Denn es gibt wirksame Behandlungsmöglichkeiten

von Dr. Achim G. Schneider, 21.06.2017

Vor Kälte oder Angst, vor Anstrengung oder Aufregung: Dass ab und an einmal die Beine, Arme oder Hände zittern, ist ganz normal. Die Muskeln beruhigen sich meist schnell wieder. Doch was, wenn jemand einfach so zittert, ohne irgendeinen offensicht­lichen Grund, immer wieder?

Dr. Michel Rijntjes rät, sich medizinische Hilfe zu holen, sobald solche Beschwerden auftauchen. "Viele Ursachen sind behandelbar. Man muss sie nur herausfinden", sagt der geschäftsführende Oberarzt der Neurologischen und Neurophysiologischen Uniklinik Freiburg.

Ist ein Medikament schuld?

Oft kann bereits der Hausarzt oder ein niedergelassener Neurologe erkennen, wo das Problem liegt. Stellt er fest, dass eine Arznei das Zittern verursacht, verordnet er dem Patienten einen anderen Wirkstoff. Manchmal besteht die Lösung auch darin, dass der Betroffene Stress abbaut, weniger Kaffee trinkt, mit dem Rauchen aufhört. Alles Einflüsse, die das natürliche Zittern der Muskeln verstärken. Doch es gibt viele weitere Ursachen für einen sogenannten Tremor, harmlose und schwerwiegende.

Arzneimittel als Auslöser

Es gibt viele Medikamente, die als unerwünschter Nebeneffekt, vor allem bei zu hoher Dosierung, die Muskeln zum Zittern bringen können. Dazu zählen etwa bronchienerweiternde Mittel für ­Menschen mit Asthma und COPD, das Hormon Thyroxin für ­Patienten mit einer Unterfunktion der Schilddrüse ­­sowie bestimmte Arzneien gegen psychische ­Erkrankungen.

Patienten, die den Verdacht haben, dass solch eine Nebenwirkung besteht, sollten sich damit an ihren Arzt oder Apotheker wenden. Manchmal ­genügt es, den Wirkstoff durch einen anderen zu ­ersetzen oder die Dosierung anzupassen. Keinesfalls ­jedoch sollten die Betroffenen das ärztlich verord­­nete Medikament eigenmächtig absetzen.

Der Zeigefinger kann es zeigen

Die Suche nach Hinweisen auf den Auslöser beginnt mit einfachen Tests. Mediziner überprüfen, ob das Zittern in Ruhe, bei Bewegungen oder beim Halten auftritt, wie schnell und wie ausgeprägt es ist. So bittet der Arzt den Patienten zum Beispiel, beide Arme hochzuheben oder einen Zeigefinger in einer großen Bewegung zur Nase zu führen.

Verstärkt sich etwa das Zittern der Hand, kurz bevor der Finger sein Ziel erreicht, liegt ein sogenannter Intentionstremor vor – was ein Anzeichen von multipler Sklerose sein kann. Das einseitige Zittern in Ruhe wiederum gibt einen Hinweis auf Morbus Parkinson, sofern noch weitere typische Symptome bestehen.

Häufigste Form ist der essenzielle Tremor

Um eine gesicherte Diagnose zu stellen, sind noch viele zusätzliche Untersuchungen nötig. Dazu gehört die Tremor­analyse, die meist in einer Ambulanz für Bewegungsstörungen stattfindet. Dort lässt sich auch die mit Abstand häufigste Form des Zitterns verlässlich nachweisen: der sogenannte essenzielle Tremor, an dem rund eine Million Menschen in Deutschland erkrankt sind, also etwa doppelt so viele wie an Parkinson und multipler Sklerose zusammen. Der essenzielle Tremor kann schon in jungen Jahren auftreten. Doch das Risiko steigt mit dem Alter. Rund fünf Prozent der über 65-Jährigen leiden darunter.

Charakteristisch für die Krankheit ist der Haltetremor: wenn etwa die Arme nach vorne gestreckt werden und dann zittern. Doch auch der Bewegungs- oder Intentionstremor kommt vor. Im Speziallabor analysieren Experten das Zittern mithilfe von Apparaten, die die elektrischen Ströme der Muskeln und die Bewegungen der Hand messen. Wenn beides synchron zueinander schwingt und dieser Takt auch während der Belastung mit Gewichten erhalten bleibt, steht die ­Diagnose essenzieller Tremor ziemlich sicher fest – sofern auch die anderen Befunde dazu passen.

Wann wird das Zittern behandlungsbedürftig?

Für die Patienten bedeutet die Diagnose "essenzieller Tremor" oft eine große Erleichterung. Denn der essenzielle Tremor ist kein Leiden, das auch das Gehirn in Mitleidenschaft zieht – anders als etwa Morbus Parkinson. Und es kommen keine weiteren Beschwerden und Einschränkungen hinzu. Dazu der Neurologe Rijntjes: "Manche Patienten sagen mir, so lästig ist das Zittern nicht. Ich komme damit zurecht." Und verlassen das Tremorlabor, ohne ein Medikament verschrieben zu bekommen.

Das gilt allerdings nur bei milden Symptomen. Denn bereits Zittern allein kann die Lebensqualität massiv beeinträch­tigen. Dann lassen Betroffene zum Beispiel ständig Gegenstände fallen, können nicht einmal eine Tasse Kaffee halten, ­ohne etwas zu verschütten. Oder es beschleicht sie das Gefühl, dass bei einem Gespräch alle nur auf ihre Hände starren, die sich unkontrolliert bewegen.

Patienten reagieren auf Medikamente unterschiedlich

Medikamente helfen den meisten Pa­tienten, deren Alltag durch einen essen­­ziellen Tremor beeinträchtigt ist. Als Mittel der ersten Wahl gelten Betablocker, die Ärzte ansonsten vor allem zum Blutdrucksenken verordnen. Auch bestimmte Epilepsiepräparate können das Zittern eindämmen.

"Leider lässt sich nicht vorhersagen, auf welchen Wirkstoff der Einzelne anspricht und welche Dosierung dieser benötigt", erklärt Experte Rijntjes. Ärzte müssen also ausprobieren, was dem Patienten am besten hilft. Mitunter kommt es vor, dass die Beschwerden mit den Jahren medikamentös immer schlechter in den Griff zu bekommen sind.

Elektroden im Kopf

Dann bleibt nur noch die sogenannte tiefe Hirnstimulation als Option – eine Methode, bei der in das Gehirn eingebrachte Elektroden mit leichten elektrischen Strömen das Zittern stoppen. Mit diesem Verfahren werden auch Parkinson-Patienten behandelt, wenn Arzneien nicht mehr viel ausrichten und sie zu diesem invasiven Eingriff bereit sind.

Doch den weitaus meisten Zitterpatienten kann auf einfachere Weise geholfen werden. Einzige Voraussetzung: Die Ursache muss bekannt sein. Es lohnt sich also, sich auf die Suche zu machen, um eine verlässliche Diagnose zu erhalten.