Sport bei MS? Ja, bitte!

Regelmäßige Bewegung wirkt sich positiv auf die Symptome einer Multiplen Sklerose aus und verbessert die Lebensqualität. Einige Regeln sollten MS-Patienten allerdings beachten

von Ulrich Kraft, 29.08.2017
Nordic Walking

Sport ist – entgegen früheren Empfehlungen – gut für Menschen mit MS


Im März 2013 unterschrieb Chris Wright einen Spielervertrag bei den Dallas Mavericks in der nordamerikanischen Basketballprofiliga NBA. Das allein ist schon ein Kunststück, das nur den talentiertesten und fittesten Basketballern gelingt. Doch beim damals 23-Jährigen lagen die Hürden noch höher. Knapp ein Jahr zuvor, während des Trainings, fühlt sich sein rechter Fuß plötzlich taub an – und wenig später die gesamte Körperhälfte. Wright schiebt es auf die Erschöpfung und legt sich früh ins Bett. Als er morgens aufwacht, geht nichts mehr. Der durchtrainierte Athlet kommt kaum aus dem Bett hoch, kann nicht mehr laufen, muss ins Bad krabbeln.

Noch am selben Tag erhält er die niederschmetternde Diagnose: Multiple Sklerose. Das war‘s mit der Sportlerkarriere, sagen die Ärzte. Doch Chris Wright kämpft weiter für seinen Traum und erhält als erster MS-Kranker überhaupt einen NBA-Vertrag. Inzwischen wirft er seine Körbe für Auxilium CUS Torino in der italienischen Profiliga.

Körperliche Aktivität schadet nicht

Vor nicht allzu langer Zeit hätten Neurologen ihm das schlichtweg verboten. Denn es hieß: Patienten mit Multipler Sklerose sollten körperliche Anstrengungen möglichst vermeiden, weil dadurch Krankheitsschübe ausgelöst werden könnten und die Betroffenen alle Kräfte bräuchten, um ihren Alltag zu bewältigen. So lautete einst die Lehrmeinung, die sich bei manchen Ärzten und nicht wenigen Betroffenen auch heute noch hält, wie Professor Mathias Mäurer vom Klinikum Würzburg Mitte sagt.

Und das obwohl nach aktuellem Stand der Erkenntnis eigentlich das Gegenteil zutrifft. "Es gibt keine wissenschaftliche Untersuchung, die irgendwelche Anhaltspunkte dafür liefert, dass sportliche Betätigung – egal in welchem Ausmaß – den Patienten schadet", sagt Mäurer, der in Würzburg die Fachabteilung Neurologie und neurologische Frührehabilitation leitet. "Dafür belegen aber mittlerweile sehr viele Studien, dass sich Sport und körperliche Aktivität positiv auf die Symptome der MS und die Lebensqualität der Erkrankten auswirken."

Bremst Sport sogar den Verlauf der MS?

Mehr als 200.000 Menschen mit Multipler Sklerose leben derzeit in Deutschland. Bei dieser chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS) richtet sich die körpereigene Abwehr vermutlich fälschlicherweise gegen die als Myelinscheiden bezeichneten Hüllen von Nervenfasern und zerstört sie. Langfristig schädigt die Entzündung auch die Nervenfasern und -zellen selbst. Dadurch können Nervenimpulse in Gehirn und Rückenmark nicht mehr richtig weitergeleitet werden.

Das kann zahlreiche Symptome auslösen: Zum Beispiel Empfindungsstörungen, Muskelschwäche, Lähmungserscheinungen, steife Muskeln (Spastik), Koordinations- und Gleichgewichtsprobleme, Sehstörungen und ungewöhnliche Müdigkeit (Fatigue). Die zunächst meist in Schüben und später oft kontinuierlich fortschreitende Krankheit lässt sich nach wie vor nicht heilen.

Ob sportliche Betätigung den Entzündungsprozess im ZNS zu bremsen oder gar zu stoppen vermag, ist gerade ein heißes Thema in der MS-Forschung. Körperliche Aktivität regt die Ausschüttung von bestimmten Botenstoffen an. Sie schützen die Nervenzellen vor Schädigungen und fördern deren Wachstum. "Deshalb besitzt Sport das Potenzial, den Krankheitsverlauf zu modifizieren", erläutert Mathias Mäurer. Wie der Experte aber gleich hinzufügt, ist dieser Effekt wissenschaftlich noch nicht gesichert.

Video: Was ist Multiple Sklerose?

Mittlerweile außer Zweifel steht jedoch, dass Menschen mit MS in vielerlei Hinsicht von einem Bewegungsprogramm profitieren. Wie verschiedene Studien zeigen, fördert körperliches Training Mobilität, Ausdauer und Koordinationsfähigkeit der Patienten, verbessert Gleichgewichtsstörungen und Spastik, lindert Schmerzen, verringert die oft besonders belastende Müdigkeit und wirkt auch den Depressionen, die eine MS häufig begleiten, entgegen.

Ausdauer- und Krafttraining kombinieren

Besonders empfehlenswert ist ein Mix aus Ausdauer- und Kräftigungstraining. Dabei gelten mehr oder minder die gleichen Regeln wie bei Gesunden. Beim Ausdauertraining sollte der Puls bei 60 bis 80 Prozent der maximalen Herzfrequenz liegen und die Patienten sollten sich unterhalten können, ohne außer Atem zu kommen. Optimal sind mindestens zwei bis drei Einheiten pro Woche.

Beim Krafttraining gilt als Faustregel: Jeweils 8 bis 15 Wiederholungen, zwei bis drei Serien im Abstand von zwei bis vier Minuten. Die Pausen dazwischen sind etwas länger als üblich, weil die mit sportlicher Aktivität einhergehende Erwärmung des Körpers die MS-Symptomatik vorübergehend verstärken kann. Durch eine Abkühlung, zum Beispiel eine Dusche nach dem Sport, gehen diese Beschwerden normalerweise schnell wieder zurück. Dieses Uhthoff-Phänomen ist zwar häufig und auch unangenehm, aber nicht gefährlich und lässt mit steigender Fitness oft nach. Bei Bedarf kann auch der Einsatz von Kühlkleidung das Phänomen abmildern.

Welche Sportart eignet sich?

Viele Patienten mit neu diagnostizierter MS fragen, ob sie die Sportart, die sie bisher ausgeübt haben, auch weiterhin betreiben können. "Ja, auf jeden Fall", antwortet Mathias Mäurer dann in der Regel. "Wenn der Patient keine körperlichen Einschränkungen hat, kann er sportlich tun, was er will", weiß der Experte. "Die oberste Maxime ist, dass es Spaß macht." Wie jeder andere Sportler auch, sollten MS-Kranke ihre Leistungsgrenzen berücksichtigen und sich nicht zu sehr verausgaben. Ein Sporttagebuch kann dabei helfen, einen Überblick über Schwankungen in der Leistungsfähigkeit zu behalten. Während eines akuten Krankheitsschubs ist es besser, unter Anleitung eines qualifizierten Physiotherapeuten Sport zu treiben.

Sind schwerere körperliche Beeinträchtigungen vorhanden, muss das Sportprogramm entsprechend angepasst werden. Radfahren beispielsweise ist mit einer spastischen Lähmung schwierig. Schwimmen hingegen eignet sich für diese Patienten gut, weil sie sich im Wasser ähnlich leicht bewegen können wie Gesunde. Bei einer Stand- und Gangunsicherheit birgt das Krafttraining mit freien Gewichten die Gefahr, sich zu verletzen. Besser eignen sich dann die Maschinen, die in jedem Fitnessstudio stehen.

"Welche Sportart die richtige ist, kann nur individuell beantwortet werden", sagt Mäurer. Im Zweifelsfall hilft ein Beratungsgespräch mit einem Physio- oder Sporttherapeuten weiter. Dass Multiple Sklerose – je nach Ausprägung – selbst einer Karriere als Leistungssportler nicht im Wege stehen muss, hat Basketballprofi Chris Wright auf eindrucksvolle Weise gezeigt.