{{suggest}}


Arznei macht MS-Patienten Hoffnung

Manche Betroffene mit Multipler Sklerose haben von Anfang an keine beschwerdefreien Phasen. Der neue Wirkstoff Ocrelizumab verspricht Besserung

von Silke Droll, 08.11.2016
Klinische Studien

Weltweit arbeiten Forscher an neuen Therapien bei Multipler Sklerose


Meist zeigt sich multiple Sklerose (MS) in Schüben. Betroffene sehen plötzlich nichts mehr, leiden unter Missempfindungen, Muskelschwäche oder sogar Lähmungen. Danach kehrt wieder Ruhe ein. Erst nach 15 bis 25 Jahren schreitet die Krankheit häufig kontinuierlich voran. Etwa zehn Prozent der rund 200 000 Patienten in Deutschland kennen jedoch keine beschwerdefreien Phasen, sie fühlen sich ab Beginn der Erkrankung zunehmend schlechter.

Bisher galt: Je effektiver die Therapie, desto unangenehmer

Bisher gibt es kein zugelassenes Medikament, das bei diesen Menschen die  fortschreitende Behinderung aufhält. Das soll sich mit Ocrelizumab demnächst ändern. Anfang 2017 soll der Wirkstoff auf den Markt kommen. "Für die primär fortschreitende MS ist das ein gewisser Durchbruch", sagt Professor Bernhard Hemmer, Direktor der Neuro­logischen Klinik der Technischen Universität München und Sprecher des Kompetenznetzes Multiple Sklerose.

Vorteilhaft ist Ocrelizumab offenbar auch für Patienten mit Schüben. Die Substanz wirkte in den Tests besser als Stoffe aus der Gruppe der Interferone – die aktuelle Standardtherapie bei multipler Sklerose. Und: Es gab keine oder nur leichte Nebenwirkungen. Bislang galt bei MS-Medikamenten: je wirksamer, desto mehr und unangenehmere Nebenwirkungen.

Eine Infusion pro Halbjahr reicht aus

Ocrelizumab muss zudem nur alle sechs Monate als Infusion gegeben werden. "Viele ältere Mittel, wie die Interferone, sind sehr lästig. Patienten müssen sie zum Teil jeden zweiten Tag oder einmal pro Woche selbst spritzen und können grippeartige Beschwerden bekommen", sagt Hemmer, der an den noch unveröffentlichten Studien zu Ocrelizumab beteiligt war.

Multiple Sklerose

Gleichwohl mahnt der Experte zur Vorsicht. Ocrelizumab sei nur zwei Jahre lang beobachtet worden, bei anderen MS-Medikamenten zeigten sich gefährliche Effekte aber erst später. Der einstige Hoffnungsträger Natalizumab etwa wird heute sehr zurückhaltend eingesetzt – weil sich herausstellte, dass die Substanz in seltenen Fällen Infek­tionen des Gehirns begünstigt.

Wirkstoff ähnelt der länger erprobten Vorläufersubstanz

Eine so böse Überraschung erwartet man bei Ocrelizumab nicht, denn die sehr ähnliche Vorläufer-Substanz Rituximab wird schon seit Jahren bei MS-Patienten angewendet. Dabei zeigte sich, dass der Wirkstoff – ursprünglich gegen Blutkrebs und rheumatoide Arthritis entwickelt – gut verträglich ist. Doch weil dem Mittel die Zulassung für MS fehlt, muss immer zuerst die Krankenkasse des Patienten überzeugt werden, die Kosten zu übernehmen. "Bei etwa der Hälfte der Fälle klappt das", sagt Hemmer.

Statt aber an einer Zulassung von Rituximab auch für MS zu arbeiten, wurde Ocrelizumab entwickelt. "Es hat vielleicht ein, zwei weitere kleine Wirkvorteile, aber maßgeblich getrieben wurde diese Entscheidung wohl durch die bessere Vermarktbarkeit", sagt der Experte. Vermutlich wird Ocrelizumab deutlich teurer angeboten als Rituximab.

Ansatz Stammzelltherapie: Alles zerstören, um zu heilen

Aufsehenerregende Ergebnisse erzielten Forscher mit einer Knochenmark-Stammzelltherapie: In Kanada behandelten sie 23 Menschen mit sehr aggressiver MS im Anfangsstadium. Die Mediziner zerstörten deren Immunsystem komplett und bauten es anschließend wieder auf – mithilfe autologer, also vom Patienten selbst gewonnener Stammzellen. So sollte das Immunsystem aufhören, Nervenzellen anzugreifen.

Bei mehr als drei Viertel der Patienten wurde das Leiden fast sieben Jahre lang vollkommen gestoppt. Doch einer starb, ein anderer wurde schwer leberkrank. In der Zeit ohne jegliches Immunsystem sind die Patienten durch Erreger besonders gefährdet. Bern­hard Hemmer geht daher nicht davon aus, dass sich die Stammzelltherapie bei der Behandlung von MS durchsetzen wird. Das Risiko sei zu hoch.


Ändern Sie Ihr Verhalten aufgrund der stark gestiegenen Zahl an Corona-Neuinfektionen?
Zum Ergebnis