Warum auf dem Land Notärzte fehlen

In vielen ländlichen Regionen gibt es immer weniger Notärzte. In Krankenhäusern fehlen spezialisierte Einrichtungen. Droht ein Versorgungsengpass?

von Christian Andrae, 25.09.2015

Schneller Einsatz: Im Notfall zählt jede Minute


Eine alternde Gesellschaft, Klinikschließungen, Spar- und Effizienzdruck – das Gesundheitswesen ist seit Jahren im stetigen Wandel. Und dieser bedingt auch andere Anforderungen an die Rettungsdienste. Nur können die mit den Veränderungen kaum Schritt halten. Das zeigt sich vor allem auf dem Land. Dort gibt es vermehrt Probleme damit, die Lücken im Dienstplan der Notärzte zu füllen. 

Große Unterschiede zwischen den Bundesländern

Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern. Notarztmangel ist kein bundesweites Problem. Rettungsdienst ist Ländersache. Aber warum die eine Region besser zurechtkommt als die andere, lässt sich pauschal noch nicht sagen. "Im Gegensatz zum stationären Bereich gibt es für das Rettungswesen nur unzureichende Daten", sagt die Ge­sund­­heits­ökonomin Dr. Cornelia Henschke. Manche Dienststellen würden ihre Akten sogar lediglich in Papierform ablegen.

Und das mache einen strukturellen und finanziellen Vergleich unter den Ländern unmöglich. Henschke und ihr Team von der Technischen Universität in Berlin haben deshalb damit begonnen, einen deutschlandweiten Datensatz zum Rettungsdienst zu erstellen. Am Ende sollen die Länder durch die Unterschiede voneinander lernen können. Welche das sind, ist noch offen – die ers­ten Daten werden gerade erst ausgewertet. Fest steht laut Henschke bislang aber, dass es definitiv einen Notarztmangel gibt.

Notarztmangel auf dem Land

Auf dem Land macht sich dieser Missstand besonders bemerkbar, zum Beispiel im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Er ist mit 5400 Quadrat­­kilometern Fläche rund doppelt so groß wie das ­Saarland – hat aber im Vergleich dazu lediglich 48 statt 385 Einwohner pro Quadratkilometer. Die Jungen ziehen weg, und die Alten bleiben. Dieser strukturelle Wandel ist für Andreas Zeuner eine von vielen Ursachen für den Notarztmangel in seinem Landkreis. Woche für Woche kämpft er als ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes damit, die Lücken in den Dienstplänen zu füllen.

Fragt man ihn nach den Gründen, findet er fast kein Ende mehr. "Die gesamte Notarztlandschaft hat sich in den letzten zehn Jahren drastisch geändert", sagt Zeuner. "Früher haben unsere Kliniken nur Ärzte eingestellt, die auch die Zusatzqualifikation zum Notarzt hatten. Heute sind wir im Osten schon froh, wenn sich überhaupt ausreichend Ärzte bewerben." Hinzu kommt, dass sich die Kliniklandschaft verändert. Und gerade die stellen auf dem Land in der Regel viele Notärzte.

Schlecht bezahlte Notarztdienste

Zusätzlich verschärft hat die Situa­tion in den vergangenen Jahren laut Zeuner das Arbeitszeitgesetz – was aber auch sein Gutes habe. "Ich kann nicht 10 Stunden im Krankenhaus arbeiten und anschließend 15 Stunden Bereitschaftsdienst als Notarzt machen", sagt Zeuner. Die finanziellen Aspekte würden Ärzte ohnehin kaum mehr dazu motivieren. Denn die Arbeit im Rettungswesen werde im Vergleich zu der im Klinikum oder in der Praxis wesentlich schlechter bezahlt. "Vom Geld abgesehen, ist es zudem nicht besonders attraktiv, wenn es auf dem Land Notarztwachen gibt, die nur 1,2 Einsätze in 24 Stunden haben", sagt Zeuner. Die Versorgungssicherheit, also in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein, habe er in seinem Kreis bislang immer gewährleisten können. "Entwickelt sich die Situation im Rettungsdienst aber so weiter, kann es ein Problem werden", befürchtet Zeuner.

Gesundheitsreform notwendig

Schließen Kliniken, fehlen Notärzte. Spezialisieren sich die Krankenhäuser, um nicht geschlossen zu werden, fehlt bei einem Herzinfarkt vielleicht eine dringend notwendige Ausstattung – die Wege werden länger. Dass das zunehmend geschehen wird, liegt für Dr. Boris Augurzky vom Rheinisch-West­fäli­schen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) auf der Hand. Schließlich schreibt jede dritte Klinik in Deutschland rote Zahlen.

Und die aktuellen Gesundheitsreformen werden laut Augurzky diesen Trend nicht umkehren. Dass dadurch automatisch die Versorgungssicherheit gefährdet ist, glaubt er allerdings nicht. "Etwa 80 Prozent der Klinikschließungen werden sich darauf nicht auswirken", meint der Gesundheitsökonom. Aber dort, wo es zu ­Versorgungslücken kommt, müsste die Klinik erhalten oder der Rettungsdienst optimiert werden. Wie, könne man zum Beispiel von Dänemark lernen. Dort hat man vor 15 Jahren das Gesundheitswesen umgekrempelt. "Fast jedes zweite Kran­ken­­haus wurde geschlossen. Paral­lel wurde das Rettungswesen massiv gestärkt", sagt Augurzky.

Lösung Telenotarzt?

Informationstechnik sei in ländlichen Regionen zum Beispiel eine Möglichkeit, die Versorgungsqualität im Notfall zu verbessern: "Rettungs­­wagen müss­ten sofort telemedizinisch mit einer guten Klinik verbunden werden, sobald der Patient im Fahrzeug ist." Erfahrene Notfallmediziner können so das Rettungsdienstpersonal aus der Ferne unterstützen und anleiten. Ein ähnliches Modellprojekt wurde bereits in Aachen gestartet.

Für einen sogenannten Telenotarzt braucht es allerdings auch ein wesentlich professioneller ausgebildetes Rettungspersonal. "In Dänemark wurde dadurch die Versorgungsqualität sogar verbessert", sagt Augurzky. Zudem sei die Bevölkerung inzwischen auch wesentlich zufriedener mit ihrem Gesundheitswesen als noch vor dem radi­kalen Klinikabbau.