Schwellung am Hals – Ursachen: Abszess

Unter einem Abszess versteht man eine neu gebildete Gewebehöhle mit Eiter, die durch Einschmelzung bakteriell infizierten Gewebes entstanden ist – am Hals potenziell gefährlich

von Dr. med. Claudia Osthoff, aktualisiert am 14.03.2017

Der längliche strangförmige Muskel ist der Halswender


Abszess am Hals: Wie es dazu kommen kann

Eine Gewebehöhle mit Eiter, entstanden durch einschmelzendes, infiziertes Gewebe: Das ist ein Abszess. Um die Höhle bildet sich bald eine Kapsel. Abszesse können in vielen Körperbereichen vorkommen. Größe, Lage und der verantwortliche Keim machen den Unterschied. So ist ein Eiterbläschen der Haut fast nichts im Vergleich zu einem Abszess am Hals. Hier besteht wirklich dringender oder auch notfallmäßiger Behandlungsbedarf.

Glücklicherweise muss man Halsabzesse aber heute nicht mehr so oft befürchten. Vereiterte Mandeln im Hals oder eitrige Entzündungen des Mittelohrs, typische Erkrankungen bei Klein- und Schulkindern, gehören zwar zu den klassischen Ausgangspunkten. Um die Mandeln herum (peritonsillar) treten Abszesse inzwischen aber fast häufiger bei jungen Erwachsenen auf.

Infektionen der Zähne oder Unterkieferspeicheldrüsen und seitliche Halszysten (siehe Kapitel "Schwellung am Hals – Ursachen: Zysten, Fisteln und Divertikel") sind weitere mögliche Abszessquellen. Auch Verletzungen von Gesichtsknochen und eindringende Fremdkörper kommen infrage. Im Falle der Mandeln muss ein Abszess allerdings erst einige Barrieren überwinden, bis er die Halsweichteile erreicht. Dem kommt der Arzt in der Regel zuvor. Daher wird ein "Mandelabszess" kaum an der Oberfläche des Halses in Erscheinung treten. Bei einem Knochenabszess infolge einer eitrigen Mittelohrentzündung dagegen ist die Eiterstraße zu den äußeren Halsmuskeln zwar kurz und äußerlich durch eine Schwellung erkennbar. Aber die Erkrankung namens Bezold-Mastoiditis ist wiederum sehr selten, da Mittelohrentzündungen im Allgemeinen ausreichend kuriert werden.

Abszess am Hals: Worin liegt die Gefahr?

Findet der Abszess Anschluss an ein Blutgefäß im Hals, kann das wegen einer drohenden Blutvergiftung oder Gefahr eines Hirnabszesses lebensbedrohlich sein. Von einer Abszesshöhle hinter dem Rachen (retropharyngeal) kann ein Abszess auf einen Halswirbel übergehen oder sich in den Brustraum absenken – keineswegs weniger gefährliche Varianten. Rechtzeitige Therapie des Infektionsherdes verhindert in der Regel, dass es zu derartig schweren Komplikationen kommt.

In Kürze: Abszessarten im und am Hals

  • Bezold-Abszess bei akuter Entzündung des Knochens hinter dem Ohr: Der Warzenfortsatz oder Mastoid genannte Knochenvorsprung hinter dem Ohr enthält Schleimhautgewebe und ist mit dem Mittelohr verbunden. Daher kann eine nicht ausgeheilte Mittelohrentzündung im Extremfall auf den Knochen übergreifen (Mastoiditis). Zunächst entstehen durch die Bakterien kleinste Abszesse. Ein größerer Abszess dort hat es bis zum Halswendermuskel nicht sehr weit.
  • Peritonsillarabszess: Abszess zwischen der Gaumenmandel und ihrer Kapsel, zum Beispiel als Komplikation einer eitrigen Mandelentzündung (Tonsillitis oder ausgehend von einem vereiterten unteren Weisheitszahn. Bei weiterer Ausdehnung über die Kapsel hinaus wird daraus ein Parapharyngealabszess im Hals, was deutlich seltener passiert.
  • Retropharyngealabszess: Nach Verletzungen durch einen Fremdkörper oder bakterielle Entzündungen der oberen Atemwege können beteiligte Lymphknoten eitrig einschmelzen und einen Abszess verursachen. Dieser liegt dann hinter dem Rachen im Hals.
  • Mundbodenabszess (Zungengrundabszess): Er entwickelt sich in der Mundboden- und Zungengrundmuskulatur, zum Beispiel ausgehend von einem kranken unteren Zahn oder bei Entzündung eines Lymphknotens, einer Unterkieferspeicheldrüse, einer Zungengrundmandel, schließlich infolge einer Verletzung im Mund.

Symptome bei einem Abszess im oder am Hals: Die Beschwerden hängen, abgesehen von Allgemeinsymptomen wie hohes Fieber, Krankheitsgefühl, Halsschmerzen, Ohrenschmerzen oder Nackenschmerzen, vom Ursprung und Verlauf des Abszesses ab.
Mögliche weitere Anzeichen: In der Nähe des Kopfwendermuskels gelegene Lymphknoten können anschwellen und (druck-)schmerzhaft sein. Der Hals lässt sich schlechter bewegen oder gerät wegen Muskelverkrampfung in eine Schiefhaltung (sogenannter Torticollis). Die Sprache ist kloßig, es kommt zu Schluckbeschwerden, etwa bei einem Peritonsillarabzess oder bei einem Mundbodenabszess. Wenn der Eingang zum Kehlkopf anschwillt, droht Atemnot. Bei einem Abszess in den oberflächlichen Halsweichteilen kann eine deutliche, beim Berühren schmerzhafte Schwellung seitlich am Hals sichtbar sein. Eventuell lässt sich die enthaltene Flüssigkeit als ein elastisches Schwappen tasten.
Bei einem Parapharyngealabszess oder Mundbodenabszess kann eine Kieferklemme auftreten: Der Mund lässt sich nicht mehr richtig öffnen, die Betroffenen haben meist nur noch wenig oder gar nichts mehr gegessen / getrunken und sind entsprechend geschwächt. Bei einem Mundbodenabszess ist zudem die Schleimhaut im Mund stark gerötet, unter der Zunge findet sich eine harte Schwellung. Im äußersten Fall kann sie sich unter dem Kinn vorne am Hals ausbreiten.
Bei einem Abszess unter der Knochenhaut des Knochenfortsatzes hinter dem Ohr (Bezold-Abszess wird eine gerötete Beule hinter dem Ohr zum Hals hin sichtbar. Das Ohrläppchen steht ab. Zugleich kann die hintere obere Gehörgangswand sich absenken und das Hören verschlechtert sein.

Diagnose: Der Abszess innen im Hals kann zum Beispiel bei der Untersuchung von Mund und Rachen als stark geschwollene, gerötete und eitrige Mandel oder als gerötete Vorwölbung am Gaumen sichtbar sein. Auf die Spur führen eventuell auch Eiter, der unter einer Zahnkaries oder aus dem Grübchen einer Unterkieferspeicheldrüse austritt, eine äußerlich sicht- oder tastbare Schwellung, weitere Begleitsymptome (siehe oben) und natürlich die Krankengeschichte (Anamnese). In Computertomografie (CT)- oder Magnetresonanztomografie (MRT)-Aufnahmen sind Abszesse und ihre Ausdehnung sicher feststellbar. Vorab kann teilweise schon eine Sonografie Aufschluss geben. Laboranalysen einschließlich Erregerbestimmung sind wichtige Zusatzuntersuchungen.

Therapie: Angezeigt ist eine sofortige Behandlung, bei Atemnot unter Intubations- und Beatmungsbereitschaft. Der Abszess wird chirurgisch behandelt, wobei es hier unterschiedlich eingreifende Maßnahmen gibt, etwa Entlastung des Abszesses durch eine Punktion oder chirurgische Eröffnung und Drainage, je nach Einzelfall von innen und / oder außen). Der Patient erhält außerdem geeignete Antibiotika über die Blutbahn. Ansonsten zielt die Therapie auf die Sanierung der Abszessquelle, sobald der Betroffene außer Gefahr ist.


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