Patientenverfügung: Schon alles geregelt?

Ein Unfall, eine schwere Krankheit, der Tod – daran möchte niemand denken. Damit im Ernstfall aber Ihr Wille zählt, bedarf es einer Patientenverfügung. Was Sie wissen müssen

von Dr. Reinhard Door, aktualisiert am 22.11.2015

Patientenverfügung: Vermeiden Sie pauschale Anweisungen, werden Sie konkret


Vielleicht sind Sie gerade 30 geworden oder doch schon 60 Jahre alt, aber völlig gesund – und ans Kranksein oder gar Sterben verschwenden Sie keinen Gedanken. Was eine Patientenverfügung ist, wissen Sie. Aber warum sollten Sie sich schon jetzt dem unangenehmen Thema widmen?

Das hat noch Zeit – so denken viele. Und doch nimmt die Zahl derer zu, die sich den Umständen am Lebensende vernünftigerweise frühzeitig stellen. Denn sonst läuft man Gefahr, dass andere über einen verfügen. Oder dass die Angehörigen entscheiden müssen – in einer auch für sie belastenden Situation. Laut einer GfK-Umfrage im Auftrag der Apotheken Umschau hat sich jeder Vierte in Deutschland von solchen Argumenten überzeugen lassen.

Man kann es sich dabei leicht machen. Im Internet kursieren Dutzende Patientenverfügungen sowie Textbausteine. Sie einfach und ohne weitere Gedanken zu übernehmen wäre kein guter Rat. Die oberste Regel lautet: Konkret werden und pauschale Anweisungen vermeiden, auch wenn dies unangenehme Abschätzungen verlangt. Einfache Sätze aufzuschreiben wie "Ich möchte nicht an Schläuchen hängen" birgt Fallen. Denn in diesem Fall dürfte ein Arzt nicht einmal eine kurzzeitige Infusion legen. Worauf es sonst noch ankommt, lesen Sie im Folgenden.

Was ist eine Patientenverfügung?

Kein Arzt darf gegen den Willen des Patienten eine Behandlung vornehmen. Das gilt auch, wenn dieser weder ansprechbar noch einwilligungsfähig ist. Deshalb kann jeder in einer Patientenverfügung vorab festlegen, welche Behandlung er in diesem Fall wünscht – und vor allem, was Mediziner unterlassen sollen. Seit 2009 ist auch gesetzlich geregelt, dass Ärzte sich an die Patientenverfügung halten müssen. Alles andere wäre strafrechtlich gesehen eine Körperverletzung. Mediziner dürfen nur von der Verfügung abweichen, wenn der Patient Strafbares verlangt wie eine aktive Tötung. Oder wenn es konkrete Anhaltspunkte gibt, dass er seine Meinung geändert hat. "Ich habe schon den Eindruck, dass die Ärzte die Verfügung seit Inkrafttreten des Gesetzes eher umsetzen", berichtet Professor Georg Marckmann, Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität München.

Welche Situationen soll eine Patientenverfügung abdecken?

Das ist die erste Frage, die Sie klären sollten. Soll die Verfügung nur gelten, wenn Sie bereits im Sterben liegen oder an einer unheilbaren Krankheit leiden? Oder auch, wenn Sie im Wachkoma liegen oder sich wegen einer vollständigen Lähmung nicht mehr verständigen können? Jeden möglichen Krankheitsfall in die Patientenverfügung aufzunehmen sei allerdings nicht sinnvoll, meint Medizinethiker Georg Marckmann. Beispiel Krebs: Zum einen sei man da in der Regel bei Bewusstsein und benötige die Verfügung nicht. "Außerdem würde ich mir nicht zutrauen, im Vorhinein zu entscheiden, ob ich etwa bewusstseinsdämpfende Medikamente zur Schmerzlinderung möchte oder lieber die Schmerzen aushalte, um klar im Kopf zu bleiben", sagt er.

Wenn Sie die Fälle festgelegt haben, in denen die Verfügung gelten soll, folgt der zweite Schritt: Nun sollten Sie angeben, welche Behandlungen Sie in einem solchen Fall wünschen oder nicht mehr wünschen – zum Beispiel eine künstliche Beatmung oder die Gabe zuvor festgelegter Medikamente.

Kann ich bestimmte Behandlungen einfordern?

Selbstverständlich. Was im Ernstfall medizinisch sinnvoll ist, würden Ärzte aber nach Rücksprache mit Ihrem Bevollmächtigten oder Betreuer ohnehin tun. So erhalten Sie beim Abstellen der künstlichen Beatmung Medikamente, die die Atemnot lindern. Wird Ihrem Wunsch entsprechend eine bereits gelegte Magensonde entfernt, dann wird Ihr Durst durch Befeuchten des Munds gelindert. Und Sie können beispielsweise angeben, Sie wollen eine maximale Schmerzlinderung auch um den Preis, dass der Tod früher eintritt.

Ist eine ärztliche Beratung unverzichtbar?

Ja. Wissen Sie zum Beispiel, was bei einem Wachkoma im Gehirn vor sich gehen kann oder wann eine Schluckstörung heilbar ist? Viele solcher Einzelheiten sollten Sie kennen, damit das Dokument Ihrem Willen gerecht wird. Leider haben der Gesetzgeber und das zuständige Gremium versäumt, die ärztliche Beratung zur Kassenleistung zu machen. Nur bei Patienten, die bereits eine palliative Behandlung erhalten, bezahlen die Kassen das Arztgespräch. Ob Sie selbst dafür einstehen müssen und wenn ja, was die Beratung kostet, hängt vom einzelnen Arzt ab. Er sollte dann auch auf dem Dokument unterschreiben, dass sich der Patient der Tragweite seiner Angaben bewusst geworden sei und einwilligungsfähig war.

Selbst verfassen, Textbausteine oder Fertigformulare verwenden?

"Wie man vorgeht, ändert nichts an der Gültigkeit der Patientenverfügung", betont Fachanwältin Anna Grub. Hilfreiche Broschüren und Textbausteine stellen zum Beispiel das Bundesjustizministerium sowie das Bayerische Justizministerium zur Verfügung.

Die Patientenverfügung ist nicht eindeutig – was nun?

Eine Patientenverfügung wird nie alle Situationen abdecken können, und manchmal passen die Angaben nicht eindeutig zur Lage des Patienten. In diesen Fällen muss der Bevollmächtigte oder Betreuer den mutmaßlichen Willen des Kranken ermitteln. Dabei sind laut Gesetz frühere mündliche oder schriftliche Aussagen ebenso zu berücksichtigen wie ethische oder religiöse Überzeugungen des Patienten. Werden sich der Arzt und der Bevollmächtigte/Betreuer nicht einig, muss das Betreuungsgericht eingeschaltet werden. Oft aber ist dieses Vorgehen unnötig, weil eine medizinische Maßnahme ohnehin nicht angezeigt ist, die dem Patienten nichts nützt und nur sein Leiden verlängert. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Mensch nach einem Kreislaufstillstand wiederbelebt wird, obwohl er bereits im Sterben liegt.

Kann man eine begonnene Behandlung beenden?

Stellen Sie sich vor, die Verfügung ist nicht auffindbar, der Arzt legt eine Magensonde an, und am nächsten Tag taucht das Dokument auf, in dem der Patient genau dies ablehnt. "Dann muss sein Wille umgesetzt und die Sonde entfernt werden", sagt Anna Grub. "Es spielt keine Rolle, ob die künstliche Ernährung bereits begonnen hat." Dasselbe gilt für jede andere Behandlung, wenn der Betroffene sie in seiner Verfügung abgelehnt hat und die Situation mit den angegebenen Bedingungen übereinstimmt. Etwa, wenn er nach einem Herzstillstand mit schwerer Hirnschädigung maschinell beatmet werden muss und in der Verfügung für diesen Fall weitere lebensverlängernde Maßnahmen ablehnt.

Was kann ich sonst dafür tun, dass die Verfügung angewendet wird?

Vor allem dafür sorgen, dass sie an einem eindeutigen Ort leicht auffindbar ist. Idealerweise stellen Sie eine Vollmacht aus, geben der betreffenden Person eine Kopie und besprechen mit ihr den Inhalt der Patientenverfügung. Sinnvoll ist auch ein Dokument im Geldbeutel, in dem Sie angeben, dass eine Verfügung vorliegt und wer informiert werden soll. Wenn Sie sichergehen wollen, können Sie das Vorhandensein einer Patientenverfügung kostenpflichtig bei der Bundesnotarkammer registrieren lassen (www.vorsorgeregister.de).

Kann ich die Patientenverfügung widerrufen?

Jederzeit, formlos und ohne Begründung. Denken Sie dann daran, weitergegebene Kopien zu vernichten. Auch Änderungen sind jederzeit möglich. Ohnehin ist es sinnvoll, die Patientenverfügung in regelmäßigen Abständen zu überprüfen und die Gültigkeit mit neuem Datum und Unterschrift zu bestätigen.

Wer entscheidet, wenn man selbst nicht mehr kann?

Vorsorgevollmacht

Damit bestimmt man, wer für einen entscheiden soll, wenn man selbst dazu nicht mehr in der Lage ist. Der Ehepartner und die Kinder sind dazu nicht automatisch berechtigt. Der Bevollmächtigte soll etwa in Rechtsfragen handeln, das Vermögen verwalten, Geldgeschäfte tätigen oder bestimmen, welches Heim im Pflegefall gewählt wird. Und er soll dafür sorgen, dass die Patientenverfügung umgesetzt wird. Eine Vollmacht ist auch formlos gültig – es sei denn, der Betreffende wird beispielsweise ermächtigt, Grundstücke zu verkaufen oder zu erwerben; dann ist eine notarielle Beurkundung Pflicht. Dr. Anna Grub, Fachanwältin für Medizinrecht in Stuttgart, empfiehlt, immer den Notar einzuschalten, wenn es um Geld geht: "Man kann die Kompetenzen auch auf verschiedene Personen verteilen, aber in jedem Fall sollte man dem oder den Bevollmächtigten voll vertrauen."

Betreuungsverfügung

Wenn ein Mensch nicht mehr entscheidungsfähig ist und niemandem eine Vollmacht erteilt hat, kann ihm das Betreuungsgericht bei Bedarf einen Betreuer zur Seite stellen. Wer dies sein soll, kann er vorher in einer Betreuungsverfügung festlegen. Daran hat sich das Gericht zu halten – es sei denn, es gibt Anhaltspunkte, dass der Betreffende nicht im Sinne des Verfügers handeln würde. Ein Betreuer muss vor dem Gericht regelmäßig Rechenschaft ablegen sowie Einnahmen und Ausgaben dokumentieren.