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Medizin-News richtig einschätzen

Richtig oder falsch? Mythen oder Fakten? Zum Thema Medizin kursieren viele Unwahrheiten. Und nicht selten bewirkt unser Medienkonsum, dass falsche Informationen in Erinnerung bleiben

von Sonja Gibis, 17.05.2019
Frau auf blauem Hintergrund mit digitalen Icons

Zugetextet: Falschmeldungen überrollen uns nicht nur im Netz


Erinnern Sie sich an die Ehec- Epidemie? Acht Jahre ist es her, als in Deutschland die Keimangst umging. Gesunde junge Menschen erkrankten urplötzlich an starken Durchfällen. Es kam zu inneren Blutungen, zu Nierenversagen. Die Ursache waren bestimmte Stämme des Bakteriums E. coli. Erinnern Sie sich auch an die Quelle der Erreger? Waren es nicht Gurken?

Wenn Sie jetzt zustimmen, sind Sie gewiss nicht allein. "Und das, obwohl damals auf der Titelseite fast jeder Zeitung stand, dass es eben nicht Gurken waren", sagt Philipp Schmid. Dass viele bei Ehec an grünes Gemüse denken, überrascht den Psychologen trotzdem nicht.

Schmid forscht an der Universität Erfurt über die Prozesse der Meinungsbildung und weiß, dass Studien zeigen: Werden wir mit einer Sache konfrontiert, die sich leicht einprägt, bleibt sie hängen. Dass die Sache nicht stimmt, gerät nach einiger Zeit oft in Vergessenheit.

Gesundheitsgefährdung durch Falschnachrichten

Dass die menschliche Erinnerung mitunter schwächelt, ist nicht nur ärgerlich. In Zeiten, in denen Falschnachrichten grassieren, kann das zu einer Gesundheitsgefahr werden. Gerade im medizinischen Bereich werden Verbraucher mit Falschmeldungen konfrontiert. "Vitamine heilen Krebs." "Pflanzen­extrakt lässt Pfunde purzeln."

Ob in sozialen Netzwerken oder bei Dr. Google, im Ratgeberregal des Buchladens, am Zeitungskiosk oder aus dem Mund von Politikern: sogenannte Fake News sind überall. "Sie nehmen nicht nur insgesamt zu, sondern auch überproportional", beklagt Professor Gerd Antes vom deutschen Cochrane-Institut in Freiburg, das medizinische Therapien wissenschaftlich fundiert bewertet.

Zudem werden falsche Nachrichten häufiger weiterverbreitet als Tatsachen, wie eine Analyse im Fachblatt Science zeigt. Sie haben oft alles, was Interesse weckt: Sie sind neu, brisant, bedienen verbreitete Vorurteile oder Wunschvorstellungen. Etwa zum Thema Impfen. "Hierzu findet man zahllose unbewiesene Behauptungen", weiß Schmid, der für die Weltgesundheitsorganisation an einer Richtlinie mitarbeitete, wie man mit Impfkritikern umgeht.

Medizinische Mythen im Netz

Von den acht "erfolgreichsten" Falsch­­meldungen, die 2017 in dem sozialen Netzwerk Facebook verbreitet wurden, enthielten zwei die unwahre Aussage, ungeimpfte Kinder seien "signifikant weniger krank". Das Online-Netzwerk Pinterest reagierte jetzt mit einer drastischen Maßnahme: Wer dort "Impfen" in das Suchfeld eingibt, erhält keine Treffer mehr. Das soll Verbraucher vor gefährlichen Falschinfos schützen.

Fakten oder Fake? Die Frage stellt sich nicht nur im Internet. Der Medizinmarkt ist heiß umkämpft. Vertreiber von Arzneien und Therapien sind teils sehr aktiv darin, positive Berichte in Zeitungen und Zeitschriften zu lancieren. Nicht immer sind sie als Werbung zu erkennen.

Warum Falschmeldungen so schwer zu bekämpfen sind

Doch sind Unwahrheiten einmal in der Welt, bekommt man sie nur schwer wieder aus den Köpfen. "Wer medizinische Mythen widerlegen will, muss sie nennen", erklärt Schmid. Doch damit stößt man viele überhaupt erst darauf. Und wie die Ehec-Gurke zeigt: Nach einiger Zeit wird der Mythos in der Erinnerung nicht selten zur Wahrheit.

Doch Gedächtnislücken sind nicht das einzige Problem im Kampf gegen Falschnachrichten. Wenn es um Meinungen geht, spielt oft etwas viel Tieferes eine Rolle: unsere Identität. Überzeugungen sind die Bausteine unseres Weltbilds und damit Teil der Persönlichkeit.

Von lang gehegten Ansichten zu lassen ist fast, wie ein Stück ­seines Selbst aufzugeben. "Sehr schmerzhaft", sagt Schmid. Konfrontiert mit Argumenten, die ihren Ansichten widersprechen, reagieren Überzeugte häufig mit grober Abwehr. Mitunter schießen sie sich in der Folge noch mehr auf ihre falschen Überzeugungen ein.

Fakten vs. Weltbild

Untersucht haben diesen Effekt US- Psychologen etwa am Beispiel konservativer Amerikaner. Den Testpersonen wurde ein Zitat von Ex-Präsident George W. Bush vorgelegt, der Irak habe vor dem Krieg Massenvernichtungswaffen besessen. Im Anschluss bekamen sie eine umfassende Widerlegung dieser Behauptung zu lesen. Danach waren viele jedoch noch tiefer davon überzeugt, es hätte die Waffen gegeben. Wer hofft, militante Impfgegner oder Klimawandel-Leugner zu belehren, hat schon verloren. "Hier verschwendet man nur Zeit und Energie", lautet Antes’ Erfahrung.

Rationalität ist bei der Meinungs­bildung nicht das oberste Gebot. "Wir picken uns gern die Fakten heraus, die unser Weltbild bestätigen", sagt Schmid. Vom sozialen Umfeld verstanden zu werden scheint uns oft wichtiger als die ­Suche nach der Wahrheit. Zu viele Fakten und Argumente schrecken eher ab, als dass sie überzeugen.

Die Strategien der Verfasser aufdecken

Aufklärungserfolge erzielt man deshalb vor allem, indem man Verbraucher ­­gegen Falschinformationen impft, sie zum Beispiel mit typischen Strategien von deren Verfassern vertraut macht. Eine davon: unmögliche Forderungen stellen.

"Eine Impfung soll 100 Prozent sicher sein, bevor ich sie nutze." Wer möchte dem nicht zustimmen? "Doch so etwas gibt es bei keinem medizinischen Produkt", betont Psychologe Schmid. "Garantiert keine Nebenwirkungen." Wer das über eine Therapie behauptet, hat sich laut Antes ebenfalls disqualifiziert. "Das heißt umgekehrt nämlich auch, dass die Therapie garantiert keine Wirkung hat."

Kriterien seriöser Berichterstattung

Wird auf Forschungsergebnisse verwiesen, deren Quelle ungenannt bleibt, sollte das ebenfalls skeptisch machen. "Eine einzelne Studie liefert nie einen Beweis", sagt der Experte für wissenschaftlich fundierte Medizin. Aufschluss gibt nur eine Analyse der gesamten aktuellen Studienlage, wie etwa die Cochrane-Institute sie weltweit durchführen.

Wichtig ist zudem die Frage: Wer steckt hinter der Information? Gibt es finan­­zielle Interessen? Oft hilft ein Blick ins Impressum des Mediums. Finden sich Hinweise zu Kaufmöglichkeiten oder werden im Bericht Produktnamen genannt, sollte man wachsam sein. Auch einseitig euphorische oder vernichtende Texte sind wenig vertrauen­erweckend. Seriöse Berichterstattung stellt verschiedene Sichtweisen dar und nennt mehrere Quellen.

Um sich zu vergewissern, dass eine Behauptung aus dem Medizinbereich richtig ist, kann man sie bei renommierten Portalen prüfen. Etwa bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen oder den Seiten von Cochrane Deutschland und Österreich.

Kritisch bleiben

Beim Identifizieren von Falschnachrichten hilft oft schlicht eine Portion gesunder Menschenverstand. Hätten nicht alle eine Bikinifigur, wenn pflanzliche Pillen der Weg dazu wären? Würden jedes Jahr mehr als 200 000 Menschen in Deutschland an Krebs sterben, wenn man ihn mit Vitaminen heilen könnte? Mitunter ist es unsere tief verwurzelte Hoffnung auf Wunder, die Falschmeldungen so erfolgreich macht.

Das wirksamste Mittel dagegen heißt daher: kritisch bleiben, auch den eigenen Überzeugungen und Wünschen gegenüber. Und seinem Medizin-Wissen gelegentlich beim Lesen fundierter Berichte eine Auffrischung gönnen.

Übrigens: Als Quelle der Ehec-Epidemie von 2011 gelten mit hoher Wahrscheinlichkeit Bockshornklee-Sprossen aus Ägypten. Zweifelsfrei aufgeklärt wurde dies aber nie.