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Hausbesuch: Wann der Arzt kommt

Viele Menschen schleppen sich auch krank in die Sprechstunde. Denn Besuche vom Arzt werden immer seltener

von Julia Rudorf, 20.03.2019
Dr. Jakob Berger

Unterwegs: Viele Tausend Hausbesuche hat der Allgemeinmediziner Dr. Jakob Berger aus Herbertshofen in seinem Berufsleben schon gemacht. Immer mit dabei: sein Arztkoffer - und viel Erfahrung im Umgang mit seinen Patienten


Der Anruf kam am Vormittag. Die Patientin klagte über Unwohlsein, auch das Atmen falle ihr schwerer als sonst. Ob der Herr Doktor vielleicht einen Besuch bei ihr machen könne? Dr. Jakob Berger, Hausarzt im bayerischen Herbertshofen, kam das merkwürdig vor. "Man kennt ja seine Leute." Und diese Patientin gehörte nicht zu denjenigen, die ohne triftigen Grund einen Arzt zu sich rufen.

Berger packte seinen Arztkoffer und stieg ins Auto. Sein Gefühl sollte ihn nicht trügen. Die Atembeschwerden, das Herzrasen waren Symptome einer akuten Herzschwäche. Ein medizinischer Notfall. Berger veranlasste sofort die Einweisung in ein Krankenhaus. "Das sind so Fälle, wo hinterher alle froh sind, dass es Hausbesuche gibt."

Der mobile Arzt - ein bedrohte Spezies

Doch nicht nur bei Notfällen macht sich der Arzt auf den Weg. Auch Patienten mit Grippe, fiebernde Kleinkinder oder alte Menschen mit chronischen Problemen besucht er in ihrer Wohnung. Irgendwann einmal hat Berger überschlagen, wie viele Besuche er in seinen 36 Berufsjahren wohl schon gemacht hat, und kam auf "irgendwas über vierzigtausend".

Dr. Jakob Berger

Deutschlandweit scheint der mobile Arzt immer seltener zu werden. 2010 gab es noch 33,4 Millionen Hausbesuche bei gesetzlich Versicherten. 2017 nur noch 29,4 Millionen. Genaue Zahlen können Experten aber noch nicht abschließend nennen, denn in der Statistik werden manche Besuche nicht erfasst. "In den vergangenen Jahren ist außerdem die Möglichkeit dazugekommen, dass Ärzte bestimmte Leistungen an besonders qualifizierte Praxismitarbeiter delegieren können", sagt Dr. Roland Stahl, Pressesprecher der Kassenärzt­lichen Bundesvereinigung KBV. Dann klingelt nicht der Arzt, aber immerhin eine Arzthelferin, um Patienten daheim den Blutdruck zu messen oder den Verband zu wechseln.

Der GKV-Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen geht zukünftig sogar von einem jährlichen Rückgang der Arztbesuche zwischen drei und fünf Prozent aus. "Die eine Erklärung" habe man dafür jedoch nicht, sagt eine GKV-Sprecherin.

Ein Problem für Ärzte und Patienten

Die Ärzteverbände verweisen unter anderem auf die geringe Bezahlung: Nach aktueller Gebührenordnung erhalten Mediziner für einen Besuch 22,59 Euro, dazu kommt noch eine Wegepauschale. Zu den häufigsten Gründen aber zählten Regresse: Rückzahlungen und Strafen, wenn sie zu viele Hausbesuche gemacht haben. Zwar waren davon in der Vergangenheit nur wenige Praxen in Bundesländern wie etwa Hessen betroffen, doch hatten die Verfahren abschreckende Signal­wirkung, sind viele Ärzte überzeugt.

Welche Folgen der Rückgang für Patienten hat, weiß Peter Friemelt, Geschäftsführer des Gesundheitsladens München, der ältesten unabhängigen Patien­ten­beratung. "Wir bekommen hier immer wieder Anfragen von Menschen, die große Probleme haben, einen Hausbesuch zu erhalten."

Aus dem System gefallen

Eine der Betroffenen ist Maria Berger (Name von der Redaktion geändert). Schon vor mehreren Jahren wurde bei ihr eine progressive Muskeldystrophie diagnostiziert. Die Muskulatur baut sich zunehmend ab –ein fortschreitender Prozess, der bisher nicht aufgehalten werden kann. Viele dieser Patienten sind auf einen Rollstuhl angewiesen, das Sprechen, Schlucken oder Atmen fällt ihnen schwer.

Die Münchnerin kann ihre Wohnung mittlerweile nicht mehr ohne Hilfe verlassen, und sie hat große Probleme mit dem Sprechen. Früher ging sie selbst in eine Praxis, doch seit sie auf Hausbesuche angewiesen ist, konnte sie keinen Arzt finden, der bereit gewesen wäre, sie regelmäßig zu besuchen. "Ich habe das Gefühl, aus dem System herausgefallen zu sein", schrieb sie zuletzt per Mail an die Patientenberatung.

Recht auf Hausbesuche

Oftmals würden sich Patienten mit der Situation abfinden, obwohl sie das nicht müssen, sagt Friemelt. Um einen Hausbesuch zu bekommen, muss grundsätzlich lediglich ein sogenannter Behandlungsvertrag zwischen Patient und Arzt bestehen. "Sobald man schon einmal in einer Praxis war und die Versichertenkarte dort eingelesen wurde, gilt dieser Vertrag als geschlossen – das ist alles."

Dr. Jakob Berger

Die Vereinbarung beinhaltet für den Arzt die Verpflichtung, den Patienten bei Bedarf auch zu Hause zu behandeln, wenn dieser aus gesundheit­lichen Gründen nicht selbst in die Praxis kommen kann und der Weg nicht zumutbar ist – etwa für Menschen, die wegen einer chronischen Lungenerkrankung auf Sauerstoff ­angewiesen sind, oder Schlaganfallpatienten mit einer Beinlähmung.

Doch die Verpflichtung gilt nicht unter allen Umständen. Zum einen muss der Besuch medizinisch gerechtfertigt sein. "Ich wurde schon mal zu einem Hausbesuch gebeten, weil man die Winterreifen noch nicht aufgezogen hatte", erzählt Hausarzt Dr. Berger. Das sei dann natürlich kein Grund für eine Visite.

Apotheken-Service - Wie kommen Medikamente nach Hause?

Menschen, die bettlägerig, pflegebedürftig oder eingeschränkt ­mobil sind, müssen nicht auf ihre Medikamente verzichten. Viele Apotheken bieten ihren Kunden einen Botenservice an und bringen bestellte Medikamente direkt an die Haustür. In der Regel ­können sowohl rezeptfreie als auch rezeptpflichtige Medikamente bestellt werden; dazu muss das gültige Rezept entweder vorab oder bei der Lieferung abgegeben werden.

Genauere Informationen, etwa ob der Service kostenfrei oder gegen eine kleine Gebühr angeboten wird, erfahren Sie direkt oder telefonisch bei Ihrer Apotheke.

Wann Patienten warten müssen

Auch der Wohnort und die Entfernung spielen eine Rolle. In der Regel statten die meisten Ärzte nur in einem gewissen Umkreis Hausbesuche ab. Auf dem Land können das schon mal mehrere Kilometer sein, in der Stadt ist der Radius oft nicht so groß. Selbst wenn diese Kriterien erfüllt sind, muss der Doktor nicht sofort kommen.

"Wenn ein Arzt etwa gerade einen Patienten behandelt und viele weitere Patienten im Warteraum sitzen, kann er durchaus anbieten, dass er den Besuch zu einer für ihn passenden Zeit abstattet", sagt Björn Gatzer, Experte für Krankenversicherungen, Pflege und Gesundheit bei der Verbraucherzentrale Baden-Würt­temberg. Zudem seien viele Mediziner während ihrer Sprechstundenzeiten für Notfälle nicht mehr erreichbar. So legen die meisten Ärzte die Termine für Hausbesuche beispielsweise vor oder nach ihre Sprechstunde, oder sie haben einen Tag in der Woche dafür reserviert.

Telefonnummern für Ausnahmefälle

Außerhalb der Sprechstundenzeiten sollte man bei Beschwerden, wegen denen man normalerweise zum Hausarzt gehen würde, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116 117 anrufen, bei Notfällen wie zum Beispiel akuten starken Schmerzen in der Brust aber immer den Notarzt unter 112.

Dass Hausbesuche trotz allem auch in Zukunft wichtig sind, davon ist
Jakob Berger überzeugt. Und er hofft, dass sich diese Einsicht auch bei seinen jüngeren Kollegen durchsetzt. Schließlich bekomme ein Arzt manche wichtigen Informationen nur bei einem Hausbesuch.

Beispielsweise falle es einigen Patienten in der Praxis schwer, über ihre Inkontinenzprobleme zu sprechen. "Wenn ich dort zu Hause bin und einen großen Windeleimer sehe, dann kann ich behutsam nachfragen", sagt Berger. Auch so mancher Klinikaufenthalt könnte sich durch Hausbesuche vermeiden lassen. Das erspare den Krankenkassen viel Geld, sagt der Hausarzt. "Und den Patienten unnötige Belastungen."

Peter Friemelt

Gesundheitliche Probleme im Alter

Der Bereitschaftsdienst versorgt die Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen genauso wie Privatversicherte. In dringenden Fällen veranlasst der Dienst auch einen Besuch zu Hause. Ein Ersatz für den normalen Hausbesuch sei diese Fahrbereitschaft dennoch nicht, sagt Peter Friemelt. "Gerade ältere Patienten oder chronisch Kranke möchten lieber von dem Arzt betreut werden, den sie schon lange kennen und dem sie vertrauen."

Vermutlich wird es diese Gruppe jedoch in Zukunft noch schwerer haben, tatsächlich auch so versorgt zu werden. Denn der Anteil der älteren Bevölkerung wächst. Deutlich wird das an den sogenannten Hoch­betagten, also Menschen, die älter als 80 Jahre sind. Nach Zahlen des statistischen Bundesamts gab es 2010 schon etwa 4,3 Millionen von ihnen. 2017 waren es bereits 5,1 Millionen Menschen. Sie sind in der Regel weniger mobil, haben aber häufiger gesundheitliche Probleme.

Arzt-Patienten-Beziehungen

Im Krankheitsfall einen Hausbesuch zu bekommen ist jedoch auch für die jüngeren Versicherten nicht einfach. "Sie ziehen berufsbedingt häufig um, einen klassischen Hausarzt haben viele nicht mehr", sagt Björn Gatzer von der Verbraucherzentrale. Die mangelnde Arzt-Patienten-Bindung kann dann zu einem Problem werden. "Wenn jemand noch nie in der Praxis war, dann besteht verständ­licherweise auch bei dem Arzt eher wenig Bereitschaft, ins Auto zu steigen und einen Besuch zu machen", sagt der Experte.

Das sollten Patienten und Angehörige wissen

Wem steht ein Hausbesuch zu?

Jedem Versicherten, sofern er aus ­gesundheitlichen Gründen nicht selbst in die Praxis kommen kann. ­Etwa bei hohem Fieber, bei Pflege­bedürftigkeit oder stark eingeschränkter Mobilität. Ob die medizinische Notwendigkeit für einen Hausbesuch gegeben ist, muss jedoch der behandelnde Arzt im Einzelfall beurteilen.

Wer macht Hausbesuche?

Nicht nur Hausärzte, auch Zahnärzte, Orthopäden und andere Fachärzte können einen Hausbesuch machen. In der Realität ist das aber selten. Laut aktuellen Zahlen der Kassen­ärztlichen Bundesvereinigung werden etwa 84 Prozent der Haus­besuche von Haus­ärzten erbracht, ­­lediglich 16 Prozent von Fachärzten.

Kann ein Arzt Besuche ablehnen?

Unter bestimmten Umständen ist es für Patienten zumindest schwieriger, tatsächlich von ihrem Arzt besucht zu werden. Etwa wenn der Arzt den Patienten gut kennt und deshalb ­keine medizinische Notwendigkeit sieht. Außerdem kann der Arzt den Hausbesuch auf eine für ihn passende Zeit legen – zum Beispiel vor oder nach seiner Sprechstunde.

Und außerhalb der Sprechstundenzeiten?

An Wochenenden oder in der Nacht können Versicherte den ärztlichen Bereitschaftsdienst anrufen. Er ist unter der bundesweit einheitlichen Telefonnummer 116 117 erreichbar. Patienten erfahren am Telefon, ob sie mit ihren Beschwerden in einer von bundesweit über 600 Bereitschafts­­praxen behandelt werden können oder ob ein diensthabender Arzt zu ihnen nach Hause kommt. Der ­ärzt­liche Bereitschaftsdienst steht ­sowohl gesetzlich als auch privat ­Versicherten zur Verfügung.

Was, wenn Ärzte Hausbesuche grundsätzlich verweigern?

Obwohl Beschwerden keinen Arzt zu einem Besuch zwingen, rät Patientenberater Peter Friemelt Versicherten dennoch, sich mit Absagen nicht vorschnell abzufinden. "Nur wenn sich viele Betroffene engagieren, entsteht ein Problembewusstsein und vielleicht auch eine Besserung der ­­Situation", meint der Münchner ­Experte. Versicherte können sich an ihre Versicherung oder an die Kassen­­ärztliche Vereinigung wenden. Das muss in der Regel schriftlich erfolgen, per Brief, Fax oder E-Mail.