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Halbgott in Weiß? Eine Klinikärztin erzählt

Dr. Mechthild Haake arbeitet seit einem Jahr als angehende Internistin in der Notaufnahme. Hier erzählt sie, was das mit Ampelfarben zu tun hat – und warum es wichtig ist, auf die Pflegekräfte zu hören

von Julia Rudorf, 12.02.2019
Kinderbetreuung

Mechthild Haake arbeitet in der Notaufnahme des Klinikums Darmstadt


"Beim Arbeiten in der Notaufnahme macht einem zunächst der Geräuschpegel zu schaffen. Telefone klingeln, Geräte und Monitore piepsen, Leute reden durcheinander. Und als Arzt ist man nicht nur Ansprechpartner für die Patienten und Angehörigen, sondern auch für die ­Kollegen. Oft habe ich zwei Telefone in den Taschen – und wenn ich Pech habe, klingeln beide gleichzeitig.

Meine Aufgaben sind in erster Linie, im Blick zu haben, wem zuerst geholfen werden muss, die Patienten gut zu untersuchen und eine strukturierte Anamnese durchzuführen – also alle möglicherweise medizinisch wichtigen Informationen abzufragen.

Ein krisensicherer Beruf

Dazu kommen die Fragen zur weiteren Therapie: Kann der Patient nach Hause? Muss er stationär behandelt werden, also im Krankenhaus bleiben? Da kann man an vieles anknüpfen, was schon im Studium vorkam.

Nach der Schule hätte ich mir nicht nur Medizin vorstellen können, sondern auch Lehramt, Bionik oder Kunst. Ein längerer Auslandsaufenthalt in Ghana half mir bei der Entscheidung. Ich wohnte dort bei einer Gastfamilie und arbeitete in einem Krankenhaus. Nach deutschem Maßstab war es eher ein Krankenhäuschen, doch ich war fasziniert. Davon, dass man als Arzt mit so vielen Menschen zu tun hat, vom Kleinkind bis zum alten Mann. Und wie offen und positiv sie einem gegenüberstehen. Ärzte werden außerdem überall auf der Welt gebraucht. Ich habe mir damals schon Gedanken darüber gemacht, dass die ärztliche Tätigkeit ein krisensicherer Beruf ist.

Zurück in Deutschland, studierte ich dann Medizin in Lübeck. Eine gute Entscheidung. Es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, und ich würde mich immer wieder dafür entscheiden.

Enthusiasmus und Respekt

Jetzt im ersten Job herrscht bei mir eine Mischung aus Enthusiasmus und Respekt vor der Verantwortung. Da ist es toll, Teil eines funktionierenden Teams zu sein. Ich finde zum Beispiel, dass wir eine gute Fragekultur im Haus haben. Hier fragt jeder jeden, schließlich kann niemand alles wissen.

Bei merkwürdigen Symptomen lesen wir auch mal nach. Bei tropischen Erkrankungen fällt einem manchmal nicht alles aus dem Lehrbuch ein.

Kinderbetreuung

Einmal hatten wir einen Patienten mit ­juckenden Ausschlägen, außerdem erzählte er von Durchfall, Übelkeit und Erbrechen. Es stellte sich heraus, dass er kürzlich von einer Südamerikareise zurückgekommen war und dort einen exotischen Fisch gegessen hatte. Danach begannen die Symptome. Leider wusste er nicht mehr, wie der Fisch hieß. Vielleicht war es eine Reaktion auf die Gifte des Fisches. Da tappt man dann natürlich etwas im Dunkeln. In so einem Fall können wir nur die Symptome lindern.

Ampeln in der Notaufnahme

Das Prinzip "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" gilt in der Notaufnahme nicht. Die medizinische Versorgung erfolgt nach Dringlichkeit. Wenn Patienten in die Notaufnahme kommen, werden sie zuerst von geschulten Mitarbeitern der Pflege gesichtet. Sie werden nach Symptomen eingeteilt und im System mit den Ampelfarben Rot, Gelb und Grün erfasst. Rot heißt: akute Lebensgefahr! Da muss sofort gehandelt werden. Probleme, die etwas warten können, sind dagegen grün.

Was manche Patienten vielleicht auch noch wissen sollten: Es gibt in der Notaufnahme kein Essen. Wir haben nur Wasser und für Diabetiker Traubenzucker. Wenn also jemand selbst in die Notaufnahme geht, sollte er sich vielleicht eine Kleinigkeit zu essen einpacken – das wäre, glaube ich, eine gute Idee. Denn lange warten und dann auch noch hungrig sein ist natürlich nicht sehr angenehm.

Ich kann nie sagen, was der Tag bringt oder wann es besonders stressig wird. Die Leute kommen ja nicht  mit Termin. Und sie kommen mit allem, was es medizinisch gibt: vom Herzinfarkt bis zum Tuberkulose-Verdacht. Auch nachts ist viel los. Dann erscheinen Patienten, die vielleicht so nur in der Notaufnahme zu finden sind. Menschen mit Drogen- oder Alkoholproblemen etwa. Manche teilen ihre ganze Lebensgeschichte mit mir – auch zum wiederholten Mal. Das kann einen schon traurig stimmen. Man kann sich denken, dass man sie vermutlich immer wieder sehen wird. Da kann ich noch so oft sagen: "Es wäre wichtig, dass Sie Ihren Alkoholkonsum reduzieren!"

Internist im Job-Profil

Fachgebiet: Internisten sind Fach­ärzte für innere Medizin. Damit sind ihre Aufgaben sehr vielseitig. Sie diagnostizieren und behandeln ­­Erkrankungen der inneren Organe wie etwa Herz, Lunge und Magen, aber auch Infektionen oder Stoffwechselleiden.

Ausbildung: Nach dem Studium folgt die Facharztausbildung in einer Klinik. Sie dauert in der Regel fünf Jahre. Bis zu 18 Monate können auch in einer Praxis abgeleistet werden.

Arbeitsplatz: Rund 53 000 Internisten gibt es in Deutschland. Die Mehrheit arbeitet in Praxen, etwa 24 000 in Kliniken.

Auf die Pfleger hören

Wenn es eine Regel gibt, die jeder neue Arzt in der Notaufnahme berücksichtigen sollte, dann ist es sicher: immer auf die Pflegekräfte hören! Die Mitarbeiter haben jahrelange Erfahrung in der Notaufnahme. Wenn also eine Schwester zu mir kommt und sagt, "diesen Patienten solltest du dir schnell ansehen", dann mache ich das. Und zwar sofort.
Manche Leute denken, dass in der Notaufnahme täglich Patienten sterben.

Doch das passiert viel seltener, als man meinen könnte. Trotzdem ­erleben wir dramatische Situationen. Etwa wenn ein Notarzt bei uns anruft und einen Schockraum anmeldet. Dort werden Patienten versorgt, die zum Beispiel nach einem Unfall schwer verletzt sind. Anästhesisten, Chirurgen, Internisten oder Ärzte aus anderen Fachabteilungen werden dafür zusammengerufen.

Manche Fälle hinterlassen Spuren

Einmal hatten wir im Schockraum eine Patientin mit schwerer Lungenembolie. Sie war etwa so alt wie ich. Als der Rettungswagen sie brachte, ging es ihr sehr schlecht. Nachdem wir sie stabilisiert hatten, kam sie ­direkt auf die Intensivstation. Solche Fälle gehen nicht spurlos an uns vorbei. Dann helfen Gespräche im Team, mit Kollegen aus der Psychosomatik oder mit Notfallseelsorgern. Was ich an solchen Tagen mit nach Hause nehme, kann ich nicht sagen.

Wenn ich Redebedarf habe, hört mir mein Freund zu. Manches will ich aber gar nicht besprechen. Das ist dann auch gut so. Was mir sehr wichtig ist: Ich möchte wissen, wie es mit den Patienten nach der Notaufnahme weitergeht. Darin besteht ja auch die einzige Chance zu erfahren, ob unsere Versorgung gut war, unsere Diagnosen zutrafen. Deshalb haken wir meistens auf der Sta­tion nach und freuen uns, wenn alles gut ging.

Wie lange ich in der Notaufnahme arbeiten werde, wird sich zeigen. Für den Facharzt muss ich noch andere Stationen kennenlernen. Im Moment weiß ich nur, dass ich oft nach der Schicht nach Hause gehe und denke: Das ist ziemlich genau das, warum ich Ärztin werden wollte."