Ein besseres Recht auf Sterben in Würde

Die Palliativmedizin ist mehr als Händchenhalten bei todkranken Menschen. Ein neues Gesetz hat die Versorgung der Patienten aufgewertet. Kritikern geht die Regelung nicht weit genug

von Michael Aust, aktualisiert am 04.04.2016

Im Hospiz: Begleitung für todkranke Menschen


Das Hospiz- und Palliativgesetz, das im November 2015 vom Bundestag beschlossen wurde, soll den Umgang mit Sterbenden in Deutschland verbessern. Zumindest ist das die Hoffnung von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), der für das Gesetz verantwortlich zeichnet. "Schwerkranken Menschen Hilfe im Sterben zu bieten ist ein Gebot der Menschlichkeit. Deshalb stärken wir die Hospiz- und Palliativversorgung überall dort, wo Menschen ihre letzte Lebensphase verbringen", sagte er über seinen Gesetzesentwurf, der mit einigen Änderungen inzwischen in Kraft getreten ist.

Der Begriff "Tod" tauchte auf den 37 Seiten des Entwurfs zwar nur zwei Mal auf. Und doch steht er eigentlich im Mittelpunkt des neuen Gesetzes: Es geht um einen Umgang mit Schwerstkranken, der den Tod nicht ausklammert. Die Palliativmedizin, also die Behandlung von Schmerzen und Beschwerden sowie die psychosoziale Betreuung todkranker Menschen, wurde von vielen Ärzten lange als "Händchenhalten" belächelt. Heute herrscht Einigkeit darüber, dass die Arbeit der Medizin nicht dort endet, wo keine Heilung mehr möglich ist. Das Fach Palliativversorgung ist nun Pflicht für jeden Medizinstudenten.

Hospize finanziell besser ausstatten

Eines stellt das Gesetzgeber nun klar: Jeder hat das Recht auf ein Sterben in Würde. Zwar hatten gesetzlich Versicherte schon zuvor Anspruch auf angemessene Versorgung am Lebensende, doch erst mit dem neuen Gesetz ist Palliativversorgung ausdrücklich Bestandteil der Regelversorgung. Um die Situation sterbender Menschen zu verbessern, sieht das neue Gesetz Reformen vor, die laut Koalition wohl mit 200 Millionen Euro zu Buche schlagen. So werden Hospize, von denen es derzeit 228 in Deutschland gibt, finanziell besser ausgestattet: Sie erhalten einen höheren Tagessatz je betreutem Versicherten: Statt 198 Euro gibt es nun 261 Euro. Zudem tragen die Krankenkassen jetzt 95 Prozent statt nur 90 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen fünf Prozent sollen die Hospize weiter selbst erwirtschaften, vor allem über Spenden. Auch die ambulanten Hospizdienste wurden finanziell bessergestellt: Hier werden künftig neben den Personalkosten auch die Sachkosten bezuschusst, also etwa Fahrtkosten für ehrenamtliche Mitarbeiter.

Ausgebaut werden soll durch das Gesetz auch die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV), bei der professionelle Teams Sterbenden in schwersten Versorgungssituationen zu Hause beistehen. SAPV ist bislang nur für einen Teil der Schwerstkranken zugänglich. Laut der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) wurden 2013 knapp 37.500 Patienten neu aufgenommen, der Bedarf liege allerdings bei 89.000 Patienten im Jahr. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz findet gar, dass zwei Drittel der Sterbenden in ihren letzten Stunden eine professionelle Versorgung bräuchten – das wären mehr als 500.000. Sie legt dabei aber einen anderen Begriff der Bedürftigkeit zugrunde.

Krankenkassen zur Beratung verpflichtet

Der SAPV-Versorgungslücke vor allem in ländlichen Gebieten soll das Gesetz nun entgegenwirken. Um besonders außerhalb von städtischen Regionen den Ausbau der SAPV zu beschleunigen, wurde ein Schiedsverfahren für entsprechende Versorgungsverträge der Krankenkassen mit den Palliativ-Teams eingeführt. Streitfälle zwischen Kassen und Versicherten, die in der Vergangenheit häufig vorkamen, sollen durch das Schiedsverfahren schnell geklärt werden.

Außerdem werden mit dem Gesetz jetzt auch Sterbebegleitungen im Krankenhaus gefördert: So ist es Krankenhäusern nun leichter möglich, Zuschüsse für eine Palliativstation mit den Kostenträger zu verhandeln. Zudem verbessert das Gesetz die ambulante Hospizarbeit in Pflegeheimen. Nicht zuletzt hat das Gesetz für Patienten auch mehr Transparenz gebracht: Die Krankenkassen sind nun verpflichtet, Versicherte bei der Auswahl verschiedener Leistungen der Palliativ- und Hospizversorgung individuell zu beraten.

Sterbende werden nicht richtig betreut

Der Deutsche Hospiz- und Palliativverband erklärte, die beschlossenen Maßnahmen verbesserten die Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland "ganz wesentlich". Doch nicht alle Experten teilen diese Ansicht. Kritiker bemängeln, dass das Gesetz die Situation in Pflegeheimen und Krankenhäusern nur wenig verbessere. Für Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, greift das Gesetz zu kurz: "Es reicht nicht aus, die wenigen Inseln der Hospizarbeit sturmfest zu machen. Vielmehr müssen wir endlich die Ertrinkenden auf dem weiten Ozean erreichen." Die Deutsche Stiftung Patientenschutz verlangte, auch Pflegeheimbewohner müssten einen Anspruch auf Hospizleistungen erhalten.

Tatsächlich sterben nach Angaben der DGP aktuell etwa 30 Prozent der Deutschen zu Hause, ein bis zwei Prozent im Hospiz. Der Rest erlebt die letzten Tage in Kliniken, Alters- oder Pflegeheimen. Vor allem in Letzteren ist die Betreuung Sterbender zuweilen wohl mehr als fragwürdig, wie kürzlich Umfrage von Gießener Versorgungsforschern bei 2600 Heimmitarbeitern zeigte. Demnach kritisierte ein Drittel der Pflegekräfte, dass Schmerzen, die Sterbende zu erleiden hätten, nicht ausreichend behandelt würden. Ein Drittel berichtete sogar, dass Heimbewohner in ihren letzten Stunden ganz allein gelassen würden.