Ein Glas Cholerabakterien für die Wissenschaft trinken

Max von Pettenkofer – damals Vorreiter in Sachen Hygiene – glaubte nicht, dass hinter der Cholera Keime stecken, sondern Ausdünstungen aus der Erde. Mutig trank er ein Glas voller Erreger
von Dr. Christian Heinrich, 15.12.2016
Nina Schneider

Ein Raunen geht am 7. Oktober 1892 durch die in München versammelten Mediziner und Wissenschaftler: Vor ihren Augen hat Max von Pettenkofer gerade ein Glas mit einer trüben Flüssigkeit getrunken. Der Inhalt: eine Kultur mit Cholerabakterien.

Seit Jahren schon wütete zu dieser Zeit die Seuche in Europa. In München ging es den Menschen immerhin noch besser als in vielen umliegenden Städten. Der Grund dafür sind die Pionierleistungen Max von Pettenkofers (1818 bis 1901), der in der bayerischem Metropole die Versorgung mit Trinkwasser und die Entsorgung von Abfall modernisiert hatte – sodass sich Krankheitserreger nicht so rapide verbreiten konnten.

Pettenkofer machte Hygiene zu einer Wissenschaft, gründete an der Ludwig-Maximilians-Universität sogar ein eigenes Institut für diesen Bereich. Doch sosehr Pettenkofer recht daran tat, in München eine Wasserversorgung mit Gebirgswasser und eine neue Kanalisation durchzusetzen und einen zentralen Schlachthof bauen zu lassen, sosehr irrte er in einem anderen Punkt: Der Wissenschaftler glaubte fest daran, dass Krankheiten auf üble Ausdünstungen aus dem Boden zurückzuführen sind – und nicht etwa auf Viren oder Bakterien. Er war damit Anhänger einer bereits jahrhundertealten These, der sogenannten Miasmentheorie.

Und er blieb es auch, als sein Berliner Kollege Robert Koch die Cholerabakterien nachweisen konnte. Die Erreger würden die Seuche nicht alleine übertragen, behauptete Pettenkofer. Es müssten noch andere Faktoren dazukommen, zum Beispiel eben die Ausdünstungen aus dem Boden. Um seine Argumentation zu belegen, trinkt er vor den Augen seiner Mitarbeiter eine Cholera-Kultur.

Tatsächlich wurde der Mediziner davon nicht krank. Womöglich hatte Pettenkofer bereits eine Cholera-Infektion durchgemacht und war nun immun gegen die Erreger. Oder Robert Koch hatte geahnt, was sein Kollege vorhat – und ihm keine hochinfektiöse Kultur zugesandt. An der Miasmentheorie jedenfalls kann es nicht gelegen haben, sie hat sich spätestens mit Robert Kochs Entdeckung als falsch erwiesen.


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