{{suggest}}


Digitale Medizin: Apps auf Rezept

Der Arzt kann medizinische Anwendungen für Handy oder PC künftig auf ­Kosten der gesetzlichen ­Krankenkasse verordnen

von Tina Haase, 13.03.2020
Smartphone in der Hand: Apps auf Rezept

Digitale Helfer: Ob auf Handy, Tablet oder Computer - Spezielle Gesundheitsanwendungen können Patienten unterstützen, Krankheiten besser zu bewältigen


Deutschland will Vorreiter sein. Und das ausgerechnet im Bereich der digitalen Medizin – wo die Bundesrepublik seit Jahren anderen Ländern hinterherhinkt. Mit dem Digitale-Versorgung- Gesetz hat der Bundestag 2019 den Weg für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) frei gemacht.

Auf Kosten der gesetzlichen Krankenkasse sollen Ärzte sie in Zukunft wie Arzneimittel verordnen können. Apps auf Rezept also. Eine Weltneuheit. Doch was steckt hinter den Applikationen? Wie werden sie zugelassen? Und wie kommt der Patient an die Anwendungen?

Medizinprodukte niedriger Risikoklasse

Selbst Experten fällt es noch schwer, diese Fragen im Detail zu beantworten. "Wir betreten Neuland", sagt Dr. Henrik Matthies, Geschäftsführer am Health Innovation Hub des Bundesgesundheitsministeriums. "Die nächsten Monate werden sehr spannend."

DiGa sind Programme oder andere digitale Technologien, die man meist über Handy, Tablet oder PC bedient. "Sie können eingesetzt werden, um Krankheiten zu erkennen, zu lindern oder zu behandeln", sagt Henrik Matthies.

"Es handelt sich um Medizinprodukte niedriger Risikoklassen." Sie helfen zum Beispiel, besser mit Schmerzen umzugehen, erinnern an die Einnahme von Arzneimitteln, dokumentieren Blutzuckerwerte oder unterstützen bei Sprach- oder ­Physiotherapie.

Zertifizierung als Medizinprodukt

"Viele Ärzte stehen dem Einsatz von Gesundheits-Apps offen gegenüber. Aber hier gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen", sagt Norbert Butz, Digitalisierungsexperte der Bundesärztekammer in Berlin. Es müssten strenge Standards gelten. Gesundheitsanwendungen seien ein Risiko, wenn sie nicht wirken, fehlerhaft arbeiten oder vertrauliche Daten an Dritte übermitteln.

Damit DiGA auf Rezept verschrieben werden können, müssen sie vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) geprüft und ins "DiGA-Verzeichnis" aufgenommen werden. Dieses soll das BfArM bis Januar 2021 erstellen. Zugang dazu haben sowohl Ärzte und Psychotherapeuten, die die Apps verordnen, als auch Patienten – via Internet.

Die genauen Prüfkriterien für DiGA werden gerade festgelegt. "Die Technologie muss in Europa als Medizinprodukt zertifiziert sein, Funktion und Sicherheit sind also bereits geprüft", sagt Henrik Matthies. Das BfArM schaut sich zudem Qualität, Nutzerfreundlichkeit, Datenschutz und -sicherheit an.

Medizinischen Nutzen nachweisen

Der Anbieter muss plausibel darlegen, dass sein Produkt einen positiven Versorgungseffekt hat – also den Gesundheitszustand und/oder die Lebensqualität des Nutzers verbessert. Kann das ein Hersteller bei Antragstellung nicht nachweisen, erfüllt die DiGA jedoch die anderen Anforderungen, kann die Anwendung vorläufig ins Verzeichnis aufgenommen werden. "Innerhalb eines Jahres muss der Anbieter dann aber die positiven Effekte darlegen, sonst wird die DiGA wieder aus der Liste gestrichen", sagt Matthies.

Viele Mediziner kritisieren diese Regelung. "Digitale Gesundheitsanwendungen sollten zwingend ihren medizinischen Nutzen nachweisen, bevor sie in die Regelversorgung kommen. Wie sollen Ärzte und Patienten ihnen sonst vertrauen?", sagt Norbert Butz.

Gesundheitsanwendungen könnten noch 2020 verordnet werden

Der Spitzenverband Bund der Krankenkassen schließt sich der Kritik an. Zudem fürchtet er, dass auf die Kassen schwer kalkulierbare Ausgaben zukommen. Denn ist eine ­DiGA nach erster Prüfung im Verzeichnis, muss sie vorläufig ein Jahr lang finanziert werden – zum Preis, den der Hersteller vorgibt. Parallel dazu beginnt die Preisverhandlung zwischen Spitzenverband und Anbieter.

Das BfArM geht davon aus, dass im zweiten Quartal 2020 die ersten Prüfverfahren starten. Legt der Hersteller alle erforderlichen Unterlagen vor, sollen sie nicht länger als drei Monate dauern. Somit könnten noch im Lauf des Jahres erste digitale Gesundheits­anwendungen verordnet werden.


Ändern Sie Ihr Verhalten aufgrund der stark gestiegenen Zahl an Corona-Neuinfektionen?
Zum Ergebnis