Die wichtigsten Fakten zur Stammzellspende

Eine Stammzellspende ist für Menschen mit Blutkrebs oft die einzige Chance, wieder gesund zu werden. Das sollten Spender wissen

von Diana Engelmann, 26.04.2016
Speichelprobe

Erster Schritt bei einer Stammzellspende: Ein Abstrich der Mundschleimhaut


Aufwand und Risiken sind gering, die Wirkung ist dafür riesengroß. Wer Stammzellen spendet, kann Leben retten. Für Menschen mit Blutkrebs stellt eine entsprechende Transplantation häufig den einzigen Weg dar, wieder gesund zu werden. Doch momentan wartet jeder fünfte Patient vergeblich darauf, dass sich ein geeigneter Spender findet. Die Wahrscheinlichkeit steigt, je mehr Menschen sich registrieren lassen.

Wer kann spenden?

Gesunde Menschen zwischen 18 und 55 Jahren können sich registrieren lassen. Wer an einer schweren oder chronischen Krankheit leidet, etwa an Diabetes oder Rheuma, kann keine Stammzellen spenden.

Wie werde ich Stammzellspender?

Indem Sie sich bei einer der rund 30 Spenderdatenbanken in Deutschland eintragen lassen. Bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS), mit fünf Millionen Registrierten die größte, geht das zum Beispiel online. Sie bekommen dann Unterlagen und ein Wattestäbchen zugeschickt. Damit nehmen Sie einen Abstrich von Ihrer Mundschleimhaut und schicken die Probe zurück. Im Labor werden Gewebemerkmale bestimmt. Oder Sie beteiligen sich an einer regionalen Typisierungsaktion. In manchen Bundesländern kann man sich auch beim Blutspenden typisieren lassen. Einen Überblick über Spenderdatenbanken finden Sie auf der Internetseite des Zentralen Knochenmarkspenderregisters Deutschland (www.zkrd.de), wo alle Daten zusammenlaufen. Von dort aus werden auch passende Spender gesucht. Findet sich niemand innerhalb von Deutschland, wird weltweit abgeglichen.

Wie viele Registrierte spenden auch?

Die Wahrscheinlichkeit, einen genetischen Zwilling zu finden, gleicht jener, im Lotto zu gewinnen. "Höchstens sind es fünf von hundert, die in zehn Jahren tatsächlich für eine Spende infrage kommen", sagt Dr. Alexander Schmidt, Geschäftsführer der DKMS. Es müssen möglichst viele Gewebemerkmale übereinstimmen, damit das Immunsystem des Empfängers die Stammzellen des Spenders annimmt. Oder umgekehrt: damit die implantierten Zellen die Organe des Patienten nicht angreifen. Gewebemerkmale sind Eiweißstrukturen auf der Oberfläche der weißen Blutzellen. Für jedes der fünf wichtigsten Merkmale, die getestet werden, gibt es bis zu hundert verschiedene Varianten.

Wie viele Blutkrebs-Patienten bekommen fremde Stammzellen?

"Wir finden in etwa 80 Prozent der Fälle einen Spender", sagt Professor Christof Scheid. Er leitet den Bereich für Stammzelltransplantation der Klinik für Innere Medizin an der Uniklinik Köln. Wichtig ist, auf eine sehr große Zahl Registrierter zugreifen zu können. Nur so kann man die Trefferquote hoch halten und vergrößern, damit in Zukunft noch mehr Patienten Hilfe bekommen.

Meine Gewebemerkmale passen zu einem Patienten. Wie geht es weiter?

Bei einem Treffer werden Sie benachrichtigt. "Es wird erneut Mundschleimhaut untersucht, und weitere Gesundheitschecks folgen", so Scheid. Gespendet wird in einer der 43 Entnahmekliniken in Deutschland. Der Spender kann je nach Wohnort bestimmen, wo.

Wer Stammzellen spendet, muss sich operieren lassen – richtig?

Eher nein. In 80 Prozent der Fälle stammen die Zellen aus dem Blut. "Sie werden mit einem speziellen Gerät abgesammelt. Das restliche Blut geht wieder zurück zum Spender", erklärt Scheid. Insgesamt dauert das drei bis fünf Stunden; der Spender ruht so lange mit zwei Zugängen in den Armvenen auf einer Liege. Damit genügend Stammzellen vorhanden sind, wird ihm vorher über fünf Tage ein Wachstumshormon gespritzt. Dadurch wandern mehr Zellen aus dem Knochenmark ins Blut. In den übrigen Fällen wird Knochenmark unter Vollnarkose aus dem Becken entnommen. Zwei bis drei Tage bleibt der Spender im Krankenhaus.

Und wenn ich es mir anders überlege und doch nicht spenden möchte?

Einem anderen Menschen mit Stammzellen zu helfen, geschieht freiwillig. Wer sich nach einer Registrierung doch umentscheidet, sollte aber so früh wie möglich aussteigen. "Am besten sofort, wenn man erfährt, dass man wirklich als Spender infrage kommt", sagt Schmidt. Schließlich geht es um das Leben eines Menschen.

Welche Risiken birgt der Eingriff?

Ärzte filtern seit 25 Jahren Stammzellen aus dem Blut. Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden seither nicht bekannt. Durch das Wachstumshormon sind grippeähnliche Symptome möglich, die nach kurzer Zeit abklingen. Wurden Zellen aus dem Knochenmark entnommen, können Wundschmerz, Blutergüsse und eine Infektion auftreten. Auch bestehen die generellen Risiken, die eine Vollnarkose mit sich bringt. Das Knochenmark stellt der Körper innerhalb einiger Wochen wieder her, auch im Blut bilden sich schnell neue Zellen.

Ich spende. Bin ich krankgeschrieben?

Der Arbeitgeber stellt Sie für die notwendige Zeit frei. Alternativ kann Sie auch Ihr Hausarzt krankschreiben. Kosten entstehen Ihnen in keinem Fall: Die Krankenversicherung des Empfängers zahlt den Eingriff, die Spenderdatenbank finanziert den Lohnausfall.

Ich möchte den Menschen, dem ich geholfen habe, kennenlernen. Geht das?

Ja. Allerdings erst zwei Jahre nach dem Eingriff und nur, wenn beide einverstanden sind. "Vorher können Patient und Spender anonym zum Beispiel Briefe austauschen. Die DKMS vermittelt den Kontakt", so Schmidt.

Wieso brauchen Blutkrebs-Patienten die Stammzellen so dringend?

Ärzte transplantieren Stammzellen erst, wenn Bestrahlung und Chemotherapie erfolglos geblieben sind. Für den Krebspatienten ist dieser Eingriff sehr anstrengend. Sein Immunsystem muss komplett unterdrückt werden, damit ein neues entstehen kann. Diese Zeit – mehrere Wochen – verbringt er in einer Art Quarantäne oder Isolation. Ob die Stammzelltherapie angeschlagen hat, zeigt sich erst in den Wochen danach.