Als das Herz die Heimat der Gefühle und Gedanken war

Wo sitzt unsere Seele? Das beschäftigt die Menschen schon seit Jahrtausenden
von Dr. Christian Heinrich, aktualisiert am 05.12.2016
Nina Schneider

Unser Ich, unsere Identität, die Gedanken und Gefühle, Erinnerungen und die Persönlichkeit – wo sind sie zu finden? Die große Frage nach dem Sitz der Seele beschäftigt die Menschen seit Jahrtausenden. Schließlich sind sie es, die den Menschen ausmachen, ihn zum Individuum formen.

Heute scheint klar: Das Ich, die Persönlichkeit, der Verstand, all das sitzt im Gehirn. Für die alten Ägypter war das Gehirn vor mehr als 4000 Jahren hingegen nur eine Art Füllmasse für den Schädel. Bei der Mumifizierung etwa von Pharaonen entsorgten sie das Organ und stopften stattdessen Sägemehl oder in Harz getränktes Leinen in den Kopf, um dessen Form zu erhalten.

Das einzige Organ, das sie im Körper beließen, war das Herz. Denn dieses war nach Vorstellung der alten Ägypter die Heimat der Gedanken und Gefühle. In der Mythologie spielte das Herz eine wichtige Rolle bei der Reise in die Welt der Toten. Beim Totengericht wurde es auf einer Waagschale gegen die sogenannte Feder der Maat gewogen. Bleiben Herz und Feder bei der anschließenden Rechtfertigung der Verstorbenen im Gleichgewicht, öffnet der Gott Osiris den Eingang zum Paradies.

Die Sache mit der Feder erinnert entfernt an die Versuche eines Arztes aus dem 20. Jahrhundert, das Gewicht der Seele zu bestimmen. Duncan MacDougall (1866 bis 1920) wog im Jahr 1901 sechs sterbende Patienten, weil er beweisen wollte, dass die Seele materiell und messbar sei. Schließlich verkündete er sein Ergebnis: Die Gewichtsdifferenz zwischen den Lebenden und den Toten betrug durchschnittlich 21 Gramm – so viel musste also die Seele wiegen.

Auch diesen Irrtum hat die Wissenschaft hinter sich gelassen. Der Stand der Dinge heute, den die Mehrheit der Neurowissenschaftler, Psychologen und Biologen vertritt: Die Seele verbirgt sich wohl hinter einer großen Zahl an Nervenverbindungen, die ganz individuell verschaltet sind und miteinander kommunizieren. Mit anderen Worten: Das Ich sitzt im Gehirn, in Form von Millionen feuernder Neuronen. Das mag manchem ernüchternd vorkommen. Bei genauer Betrachtung aber ist diese Vorstellung äußerst faszinierend – und auch ein bisschen poetisch, fast magisch. Und vor allem: sehr plausibel.


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