Als Medizintourist ins Ausland?

Neue Zähne – plus Urlaub am Strand? Für viele Deutsche ist der Gedanke, für eine Behandlung ins Ausland zu reisen, nicht mehr abwegig. Geringere Kosten locken. Im Vorfeld ist eine gute Vorbereitung notwendig

von Julia Rudorf, 14.09.2016
Arzt

Reise zum Arzt: Viele erhoffen sich vom Medizintourismus eine Kostenersparnis


Manche Werbeangebote im Netz klingen nach Reiseveranstaltung. Zumindest auf den ersten Blick: "Wir bieten Ihnen die besten Skipisten Rumäniens. Und zahnärztliche Versorgung auf höchstem Niveau!!!" Oder "Angebot für Antalya: Mehrere Operationen im Preis gesenkt!" Im Text darunter ist dann zu lesen, dass es sich nicht um günstigen Badeurlaub handelt, sondern um eine Sonderaktion für eine Haartransplantation – Shampoo und Medikamente inklusive.

Medizintourismus für jedermann ist nicht so abwegig, wie es manche Angebote vermuten lassen. In einer repräsentativen Umfrage der Internationalen Hochschule Bad Honnef/Bonn konnte sich mehr als die Hälfte aller Befragten vorstellen, für eine Behandlung ins Ausland zu reisen. Doch nur ein Bruchteil setzt die Idee in die Tat um: Lediglich fünf Prozent gaben an, bereits als Medizintouristen unterwegs gewesen zu sein.

Gründe: Wartezeit umgehen oder Kosten sparen

Tatsächlich kann man das Phänomen schwer in Zahlen fassen. Zwischen 500.000 und vier Millionen Deutsche lassen sich Schätzungen zufolge pro Jahr im Ausland behandeln. "Wenn man Kururlaube oder ästhetische Behandlungen nicht berücksichtigt, fallen die Zahlen geringer aus", sagt Jens Juszczak, der an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg den Forschungsbereich Medizintourismus leitet.

Die Gründe für eine Behandlung jenseits der deutschen Grenzen sind unterschiedlich. Manche Patienten wollen lange Wartezeiten umgehen, andere suchen mit einer seltenen Erkrankung einen internationalen Spezialisten auf. "Bei den meisten Deutschen ist es jedoch der Preis, der entscheidet", sagt Juszczak. Viele Eingriffe, deren Kosten die Krankenkassen gar nicht oder nur teilweise übernehmen, erscheinen Patienten aus Deutschland im Ausland wie ein Schnäppchen. Das klassische Beispiel sind zahnmedizinische Behandlungen in Osteuropa.

Bernd Christl

Unabhägige Beratung für alle Versicherten

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen auch bei einer Zahnbehandlung im europäischen Ausland einen Teil der Kosten – allerdings nur in der Höhe, die auch bei der Behandlung durch einen Kassenarzt in Deutschland fällig wäre. "Es ist in jedem Fall wichtig, dass Versicherte sich vorab genau über die Behandlung im Ausland informieren", sagt Bernd Christl von EU-Patienten.de, der Nationalen Kontaktstelle für die grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung.

Seit 2013 gibt es solche Kontaktstellen auf Anordnung der EU in jedem Mitgliedsland. Der Grund: "Für Patienten ist es oft kompliziert, sich alle Informationen zu einer Behandlung in einem anderen EU-Land zusammenzusuchen", sagt Christl. Die Einrichtung arbeitet unabhängig und wird von den gesetzlichen und privaten Kassen finanziert. Sie steht allen Versicherten gleichermaßen offen. Etwa 2000 Anfragen bekommt die Stelle pro Jahr.

Manche Kassen besitzen Kooperationspartner im Ausland

Fragen gibt es viele: Wo findet man im Ausland Experten für eine bestimmte Krankheit? Wer trägt die Kosten der Therapie? Welche Dokumente muss man vielleicht übersetzen lassen? Was tun, wenn etwas schiefläuft?

In vielen Fällen können die Krankenkassen weiterhelfen. Versicherte sollten sich dort unbedingt informieren, wenn sie nicht auf den Kosten sitzen bleiben wollen. Denn auch vor einer Zahnbehandlung in Ungarn muss die Kasse zuerst einen Heil- und Kostenplan genehmigen. Außerdem können bei einer Auslandsbehandlung vom Erstattungsbetrag Verwaltungsgebühren abgezogen werden, die unterschiedlich hoch ausfallen.

Manche Kassen kooperieren schon seit Jahren mit bestimmten Kliniken und Medizinern im Ausland. Der Vorteil solcher Programme: Der Patient muss nicht in Vorleistung treten, die Anbieter rechnen mit der Versicherung direkt ab. Außerdem achten diese darauf, dass Leistung und Qualität mit deutschen Standards vergleichbar sind. Doch selbst hier raten die deutschen Kooperationspartner wie die AOK Nordost den Versicherten, "die Vor- und Nachteile einer Behandlung im Ausland gründlich gegeneinander abzuwägen."

Qualitätsrecherche vor jeder Reise unverzichtbar

Ein wichtiger Punkt, den manche vor einer solchen Reise leichtfertig übergehen, sei das Thema Nachbehandlung, sagt Bernd Christl von der Nationalen Kontaktstelle: "Wenn man nach einem Eingriff noch zwei Mal nachbessern lassen muss oder es qualitative Probleme gibt, dann rechnet sich ein vermeintliches Schnäppchen schnell nicht mehr."

Patienten sollten deshalb vorab nicht nur Preise vergleichen, sondern auch die Qualität. Zertifikate wie die ISO-Norm oder das TÜV-Siegel, Ausbildung und Sprachkenntnisse des Arztes und des Personals können erste Anhaltspunkte bieten. So eine Recherche sei zwar nicht einfach, aber unverzichtbar, sagt der Bonner Wissenschaftler Juszczak: "Auf die eigene Gesundheit legt man doch Wert."