Was Sie über Tabletten wissen sollten

Film-, Kau-, Lutsch- und Brausetabletten, außerdem Dragees und Kapseln: Ein Überblick über die vielfältigen Tablettenformen und auf was bei der Einnahme zu achten ist
von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 18.10.2016

Vielfältig: Medikamente kommen in vielen Größen, Farben und Formen vor

Thinkstock/istock/sakdawut14

Tabletten, Kapseln und Dragees sind die häufigste feste Darreichungsform von Medikamenten. Durch die feste Form lässt sich der Wirkstoff gut dosieren. Außerdem können Kapseln oder filmartige Überzüge den Wirkstoff vor äußeren Einflüssen wie Licht und Sauerstoff schützen, wenn nötig sogar vor Magensäure.

Hartkapseln

Diese Darreichungsform besteht aus zwei Gelatinehälften, die Pulver, Granulat, Pellets oder ölige Flüssigkeiten beinhalten können. Auch der Apotheker kann sie vor Ort füllen und zusammenstecken, wenn es das Rezept des Arztes erfordert.

Wer Probleme mit dem Schlucken der Kapsel hat, könnte relativ leicht die Kapselhälften auseinanderziehen und an den Inhalt gelangen. "Ob der Inhalt allerdings alleine genauso wirkt wie die ganze Kapsel oder ob er ohne Kapselhülle sogar schädlich ist, kann von Präparat zu Präparat verschieden sein. Das sollte der Patient am besten beim Apotheker nachfragen", rät Apotheker Dr. Wolfgang Kircher aus Peißenberg, Mitglied der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK).

Gelatinefreie Hartkapseln

Bei Kapselhälften aus Gelatine handelt es sich meist um gemischte Gelatine, die zudem aus verschiedenen Herkunftsländern kommt. Die Substanz kann von Schweinen, Rindern oder Fischen stammen. Deshalb lehnen Vegetarier und gläubige Muslime diese Darreichungsform unter Umständen ab. Alternativ gibt es Kapselhälften aus modifizierter Cellulose, bei denen der Grundstoff aus Pflanzen stammt.

Weichkapseln

Diese Kapselart ist stets ein Fertigprodukt von Pharmafirmen. Sie muss gar nicht unbedingt weicher sein als die Hartkapseln, wurde aber so benannt, weil in der Hülle oft mehr Weichmacher enthalten sind. Diese Kapseln enthalten immer eine Flüssigkeit. Wenn es vom Wirkstoff her zulässig ist, kann die Weichkapsel bei Schluckproblemen zerbissen oder angestochen und der Inhalt in den Mund ausgedrückt werden. Dafür ist aber ein gewisses Geschick nötig.

Filmtabletten und Dragees

Einige Tabletten werden mit einem Film überzogen, der sie vor Licht schützt. Außerdem lassen sich Tabletten mit Film üblicherweise leichter schlucken als ohne. Dragees sind aus ähnlichen Gründen mit einer Schutzschicht aus Zucker überzogen.

Kautabletten und Lutschtabletten

Soll der Patient große Mengen eines Wirkstoffs einnehmen, sind die Tabletten unter Umständen zu groß zum Schlucken. Deshalb kommen Kau- und Lutschtabletten zum Einsatz, die der Patient bereits in der Mundhöhle zerkleinern kann. "Ein typisches Beispiel sind Tabletten gegen Osteoporose, die zwischen 500 und 1.000 Milligramm Kalzium enthalten", sagt Apotheker Kircher.

Brausetabletten

Eine weitere Möglichkeit, um größere Wirkstoffmengen genau dosiert anzubieten, sind Brausetabletten. Sie werden vor der Einnahme in Wasser aufgelöst und ergeben in der Regel ein Getränk mit Geschmack. "Allerdings können Brausetabletten unverhältnismäßig viel Natriumcarbonat als sprudelnden Zusatz enthalten", warnt Kircher. Wer eine natriumreduzierte Diät einhalten muss, zum Beispiel aufgrund eines Nierenschadens, sollte deshalb vorsichtig sein.

Lingualtabletten und Sublingualtabletten

Die meisten Lingualtabletten haben keinen Überzug. Deshalb lösen sie sich rasch im Mund auf, bevor der Patient den Inhalt verschluckt. Darüber hinaus gibt es Sublingualtabletten, die unter die Zunge gelegt werden. Der Wirkstoff der Sublingualtabletten gelangt in der Regel über die Zunge und die Mundschleimhaut in den Körper, zum Beispiel Nitroglycerin zur Bekämpfung eines Angina pectoris-Anfalls bei einer koronaren Herzerkrankung.

Tipps, wie Sie Tabletten leichter herunterschlucken:

  • Tabletten und Kapseln mit einem großen Schluck Wasser in den Mund nehmen und den Kopf nicht in den Nacken legen, sondern das Kinn zur Brust ziehen. Dadurch ist das Risiko geringer, dass die Präparate nach dem Abfließen des Wassers beim Schluckversuch im Mund liegen bleiben.
  • Teilbare Tabletten zerkrümeln und unter visköse Speisen wie Apfelmus oder Kartoffelbrei mischen, um sie zu schlucken. Bei Kindern können es auch Wackelpudding, Speiseeis oder Nussnougatcreme sein.
  • In der Apotheke gibt es eine Schluckhilfe in Form eines Überzugs für Tabletten, der sie schmackhafter und rutschiger macht.
  • Manche Wirkstoffe kann der Apotheker "umformulieren": Er bereitet die Tabletten als Saft zu.

Magensaftresistente Tabletten

Bei manchen Wirkstoffen wie beispielsweise Diclofenac müssen die Tabletten mit einer Schicht überzogen werden, die Magensäure abhält. Das geht zum Beispiel bei Weichkapseln sehr gut. Manchmal bekommen aber auch Hartkapseln solch eine Schutzhülle, zum Beispiel Typhusimpfstoff. "Damit die Tabletten den Magen schnell passieren, sollten sie auf nüchternem Magen mit reichlich Leitungswasser geschluckt werden, also im Allgemeinen morgens mindestens eine halbe Stunde vor dem Frühstück", sagt Kircher. Grund ist der Schließmuskel am Ende des Magens, der Tabletten erst in den Dünndarm entlässt, wenn keine Speisereste mehr im Magen sind.

Retard-Tabletten

Retard-Tabletten sollen bei der Wanderung durch den Darm ihren Wirkstoff zeitverzögert abgeben. Sie sind angebracht, wenn ein konstanter Wirkstoffpegel erwünscht ist. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Unter anderem verwenden die Hersteller unverdauliche Trägerstoffe, aus deren Poren der Wirkstoff erst nach und nach entweicht. Der Trägerstoff wird dann scheinbar unverändert wieder ausgeschieden, was nicht informierte Patienten durchaus verwirren kann. "Der Trägerstoff kann auch sehr hart sein, deshalb nicht auf die Retard-Tabletten beißen", warnt Kircher. Immer mal wieder würden sich Patienten bei einem Kauversuch einen Zahn abbrechen.

Teilbare Tabletten

Eine Einkerbung bedeutet nicht immer, dass die Tablette geteilt werden darf: "Es gibt auch Formlinge mit Schmuckkerben", sagt Kircher und nennt als Beispiel, dass auch manche Zytostatika solche Kerben haben: "Wer aber diese Tabletten teilt, produziert unter Umständen Bruchstaub, der giftig sein kann, wenn er eingeatmet wird." Deshalb sollte man Tabletten nur teilen, wenn es im Beipackzettel steht und zum Beispiel auch eine halbe Tablette als Dosisoption angegeben ist. Oder man fragt beim Apotheker nach.

Grundsätzlich gelte es dabei noch zu unterscheiden, weshalb die Tablette geteilt werden soll: Wenn es nur darum geht, kleinere Teile zu erzeugen, um sie besser schlucken zu können, ist das bei relativ vielen Präparaten kein Problem. Wenn es aber darum geht, nur eine halbe Dosis einzunehmen, ist das problematischer: Denn nicht bei allen Medikamenten ist der Wirkstoff gleichmäßig auf die ganze Tablette verteilt. "Es könnte also passieren, dass der Patient mit der ersten Hälfte zu wenig Wirkstoff aufnimmt, mit der zweiten Hälfte aber eine zu hohe Dosis – oder anders herum", erklärt Kircher. Darüber hinaus ist es selbst bei geeigneten Medikamenten schwierig, eine Tablette in exakt gleich große Hälften zu teilen. Eventuell hilft ein Pillenteiler aus der Apotheke.

Kalt zu lagernde Arzneien

Manche Arzneimittel müssen im Kühlschrank gelagert werden. Der Grund ist in der Regel, dass sich bei Zimmertemperatur die Inhaltsstoffe schneller zersetzen. Dazu zählen zum Beispiel Impfstoffe. Vorsicht: Wer die Medikamente im Gefrierfach vereisen lässt, zerstört sie damit unter Umständen. "Eine unserer Kundinnen hatte sich Scheidenringe zur Verhütung auf Vorrat gekauft und sie eingefroren. Diese musste sie schließlich alle entsorgen, weil sie dadurch ihre Funktion einbüßten", berichtet Kircher.

Transdermalpflaster sollten zwar nicht im Kühlschrank, aber unter 25 Grad Celsius lagern, weil bei höheren Temperaturen der Wirkstoff aus dem Depot in die Kleberschicht wandern kann.

Überlagerte Medikamente

Präparate mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum sollten umgehend entsorgt werden, sagt der Experte: "Die Tabletten können nicht nur ihre Wirkung verlieren. Teilweise entstehen mit der Zeit sogar giftige oder ungenießbare Abbauprodukte." Überlagerte Antibiotika wie Tetrazyklin können beispielsweise Nierenschäden verursachen. Wer Acetylsalicylsäure überlagert, dem steigt beim Öffnen der Blisterpackung Essigsäure in die Nase.

Medikamente, die nach dem Essen einzunehmen sind

Manche Arzneimittel sollten nicht nüchtern eingenommen werden, weil sie sonst weniger verträglich sind und die Schleimhäute angreifen. Andere Stoffe werden besser aufgenommen, wenn sie in fettigen Nahrungsstoffen gelöst sind. "Der Mensch kann beispielsweise Carotin aus nicht bearbeiteten Karotten kaum verwerten", erklärt Kircher. "Deshalb Karotten immer mit ein paar Spritzern Öl essen!"

Mit reinem Wasser einnehmen

Apotheker Kircher plädiert dafür, Tabletten nur mit Wasser zu schlucken. "Sowohl Säfte, Cola, Kaffee und schwarzer Tee reagieren unter Umständen mit den Inhaltsstoffen", so der Fachmann. Außerdem sollte der Patient reichlich Wasser dazu trinken, mindestens 150 Milliliter, besser noch mehr: "In Studien zur Wirksamkeit der Medikamente müssen die Versuchsteilnehmer sogar 240 Milliliter Wasser zu den Tabletten trinken." Andernfalls treten eventuell mehr Nebenwirkungen auf. Oder das Medikament wirkt verzögert, weil es den Magen nicht schnell genug passiert.


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