Verbrauchertrend: Wundermittel Aktivkohle?

Der alte Arzneistoff Aktivkohle feiert in Lifestyle-Produkten ein Comeback. Doch sein Konsum ist nicht immer unbedenklich

von Ute Essig, 25.07.2018
Aktivkohle als Arznei

Black is beautiful: Aktivkohle hüllt Kosmetik und Lebensmittel in Schwarz und Grautöne


Ein schwarzes Pulver hat sich zu einem der wichtigsten Verbrauchertrends der vergangenen Jahre gemausert. Aktivkohle ist laut dem Verbraucherpanel des Marktforschungsunternehmens GfK der am stärksten wachsende Ernährungs- und Lifestyle-Trend überhaupt – noch vor Protein, Soja und Veggie.

Aktivkohle in Kosmetik, Lebensmitteln und Zahncreme

Der Stoff steckt in Smoothies, Gesichtsmasken oder Zahnpasta. Mit Schlagworten wie Detox oder Cleansing (Reinigung) preisen Hersteller die Wirkung von Aktivkohle an und buhlen um die Gunst der Käufer. Viele Experten sehen das kritisch, sprechen von "reinem Marketing".

"Um die Aktivkohle ist ein Hype entstanden, in dem man Wahrheit und Wunsch strikt auseinanderhalten muss", sagt etwa Professor Matthias Melzig vom Institut für Pharmazie der Freien Universität Berlin. Viele der beworbenen Effekte des angeblichen Wundermittels seien wissenschaftlich nicht belegt.

Aktivkohle als Arznei

Der derzeit so begehrte Stoff hat bereits eine lange Karriere hinter sich. Aktivkohle oder medizinische Kohle (Carbo medicinalis) ist ein uraltes Arzneimittel, das gemäß den Regeln des Europäischen Arzneibuchs unter starker trockener Hitze meist aus Lindenholz oder Kokosschalen gewonnen wird. Bei diesem Prozess verflüchtigen sich alle Begleitsubstanzen, übrig bleibt nur der Kohlenstoff.

Schwamm in Magen und Darm

Die Erhitzung schafft zudem eine große Oberfläche und aktiviert die Kohle gleichermaßen. "Ein Gramm Aktivkohle erreicht eine Oberfläche von bis zu 2000 Quadratmetern", sagt Melzig. Diese Oberfläche wirkt wie ein riesiger Schwamm.

Deshalb kommt die Aktivkohle bei Vergiftungen zum Einsatz, etwa einer Überdosierung von Medikamenten. Sie bindet gefährliche Substanzen aus dem Magen-Darm-Trakt und befördert diese aus dem Körper. "Diese medizinische Wirkung ist der Hintergrund für die Vermarktung der Aktivkohle als Detox- Präparat", erläutert Melzig.

Wechselwirkung mit anderen Medikamenten

Das Problem dabei: Carbo medicinalis absorbiert so ziemlich alles – völlig unspezifisch. "Sie bindet sowohl Arzneimittel als auch sekundäre Pflanzenstoffe, Vitamine und Mineralstoffe", warnt der Pharmazeut.

Dieses große Saugpotenzial kann sich etwa für Patienten, die regelmäßig Medikamente schlucken und gleichzeitig schwarze Detox-Smoothies trinken, nachteilig auswirken. "Arzneistoffe werden in ihrer Wirkung gehemmt, wenn nicht sogar unterbunden", sagt Melzig. Deshalb sollte selbst der medizinische Einsatz immer zeitlich begrenzt und in Absprache mit einem Arzt erfolgen.

Reinigung von Haut und Zähnen

Auch bei Kosmetik wollen viele Hersteller glauben machen: Schwarz ist das neue Weiß. So enthalten diverse Produkte zur Haut- und Zahnpflege das dunkle Pulver. Peelings und Pasten sollen den Teint porentief reinigen und verfärbte Zähne heller strahlen lassen, indem sie zum Beispiel Partikel aus Tee, Kaffee und Wein von der Zahnoberfläche aufsaugen.

Zahnärzte aus den USA bezweifeln allerdings Sicherheit und Wirksamkeit solcher Zahnpflegeprodukte. Eine Analyse von mehr als 25 Studien im Journal of the American Dental Association (JADA), in denen Aktivkohle-Zahnpasta untersucht wurde, fand keine spezifischen Effekte der zugesetzten Substanz. In einigen Arbeiten entdeckten die Autoren der Universität von Maryland in Baltimore stattdessen Hinweise auf eine Schädigung der Zähne, etwa erhöhten Abrieb von Zahnschmelz.

Reinheitsproblem

Außerdem ist die in den Kosmetikprodukten verwendete Kohle häufig nicht so rein, wie es den Verbrauchern vermittelt wird. Sie enthält Kohlenstoffverbindungen, bei deren Herstellung sich gesundheitsschädliche Substanzen bilden können. Im vergangenen Jahr nahm eine Untersuchung 15 schwarze Beauty-Produkte unter die Lupe. Einige von ihnen enthielten sogenannte polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die als potenziell krebserregend gelten.