{{suggest}}


Lieferengpass bei Venlafaxin: Was tun?

Seit Monaten sind Medikamente mit dem Wirkstoff Venlafaxin nicht lieferbar. Was das für Menschen bedeutet, die mit einer Depression leben, erklärt Professor Ulrich Hegerl

von Dr. Martin Allwang, 20.02.2020
Beratung in der Apotheke

Rezept nicht einlösbar: Wenn es kein anderes Medikament mit demselben Wirkstoff gibt, muss der Arzt eine Alternative verordnen


Professor Ulrich Hegerl ist der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Wir haben ihn interviewt:

Herr Professor Hegerl, der Wirkstoff Venlafaxin ist seit Monaten nicht lieferbar. Was bedeutet das für die Patienten?

Die Depression ist eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung, die die Lebenserwartung statistisch gesehen um zehn Jahre verkürzt. Eine konsequente Behandlung ist deshalb sehr wichtig und Venlafaxin ist ein nicht selten verschriebenes Antidepressivum. Wenn dieses Antidepressivum nicht lieferbar ist, dann ist das für viele Menschen schon ein großes Problem.

Pro Jahr sind mehr als fünf Millionen Menschen depressiv erkrankt. Die Lebensqualität ist in der depressiven Krankheitsphase stärker als bei so gut wie jeder anderen Erkrankung reduziert, was man daran erkennen kann, dass sehr viele Betroffene in Ihrer Verzweiflung versuchen, sich das Leben zu nehmen . Von den jährlich mehr als 9200 Suiziden  in Deutschland geht der Großteil auf das Konto der Depression.

Prof. Dr. Ulrich Hegerl

Viele Laien sehen Depressionen vor Allem als Folge von äußeren Belastungen wie Beziehungsproblemen, Einsamkeit, Arbeitsbelastung oder Jobverlust an und verstehen dann nicht, warum Antidepressiva eine sinnvolle Therapie sind. Depressionen sind jedoch recht eigenständige Erkrankungen, die jeden treffen können, auch ohne äußere Belastungen. Sie sind oft nicht Folge bestehender Probleme sondern Ursache für Trennung, Arbeitslosigkeit oder Überforderungsgefühle. Depression ist eine Erkrankung, die zu veränderten Hirnfunktionen führt und hier setzt die medikamentöse Therapie an.

Die häufigste Therapie ist die Behandlung mit Antidepressiva, die von Hausärzten und Fachärzten, d.h. Psychiatern und Nervenärzten angesetzt wird. Die zweite wichtige Behandlungssäule ist die Psychotherapie, die nicht nur von Ärzten sondern auch von Psychologischen Psychotherapeuten angeboten wird. Nicht selten ist auch eine Kombination von Pharmako- und Psychotherapie sinnvoll.

Was bedeutet die Nichtlieferbarkeit für einen Patienten, dessen Depression gut mit Venlafaxin eingestellt ist?

Zum Einen sollte man Arzneimittel wie Venlafaxin nicht abrupt absetzen, weil es dadurch zu unangenehmen Absetzphänomenen – sogenannten "Reboundphänomenen" – kommen kann. Der Patient ist angespannt, hat psychische und körperliche Missempfindungen. Normalerweise wird eine Behandlung mit Antidepressiva deshalb über einige Wochen hinweg ausgeschlichen, das heißt schrittweise abgesetzt, um solche Absetzphänomene zu verhindern. Das geht natürlich nicht, wenn es plötzlich nicht mehr verfügbar ist.

Zum anderen ergibt sich das Problem, dass die Depression nicht mehr behandelt wird und das Risiko des Rückfalls in eine erneute Krankheitsphase erhöht ist. Das ist das gravierendere Problem. Depression ist, wie gesagt, keine Befindlichkeitsstörung, sondern eine sehr ernste Erkrankung.

Lieferengpässe gibt es ja auch bei anderen Wirkstoffen. Welche zusätzlichen Probleme gibt es, wenn ein Antidepressivum nicht lieferbar ist, im Vergleich zu einem sagen wir mal Blutdrucksenker?

Viele Menschen in einer depressiven Krankheitsphase neigen schon krankheitsbedingt zu Ängsten und Hoffnungslosigkeit. Sie geben sich selbst die Schuld nach dem Motto: "Ich habe alles falsch gemacht, es gibt keinen Ausweg, mir kann eh keiner helfen." Sie sind verunsichert und sehr empfänglich für Vorbehalte gegen die Medikamente, wie sie in teils unverantwortlicher Weise im Internet und anderswo verbreitet werden. Wenn dann noch Unsicherheit und Unruhe reinkommt, weil das Medikament nicht lieferbar ist, dann ist das Risiko besonders groß, dass die Therapie abgebrochen wird.

Was sollen Patienten tun, wenn sie in der Apotheke erfahren, dass ihr Antidepressivum nicht lieferbar ist?

Wenn das Medikament nicht lieferbar ist, muss der Patient mit dem verordnenden Arzt Kontakt aufnehmen. Es gibt noch andere Antidepressiva mit einer ähnlichen Wirkweise, auf die man umstellen kann. Aber den Austausch kann nicht die Apotheke vornehmen. Dort kann man nur ein Ersatzpräparat mit demselben Wirkstoff in derselben Stärke abgeben. Wenn Venlafaxin von keinem Hersteller lieferbar ist, muss der Arzt einen alternativen Wirkstoff verordnen.