{{suggest}}


Gold als Heilmittel

Das Edelmetall gehört zu den ältesten Heilmitteln der Welt. In Zukunft sollen seine Partikel Übergewicht bekämpfen und Krebspatienten helfen

von Bettina Rackow-Freitag, 13.02.2019
Goldnugget

Wertvoller Rohstoff, sogar für die Medizin: Goldnuggets


Nummer 79 im Periodensystem ist mehr als nur ein chemisches Element. Dahinter verbirgt sich das begehrteste Edelmetall der Welt: Gold. Seit mehr als 5000 Jahren waschen Menschen auf allen Kontinenten Nuggets aus Flüssen oder schürfen Erz aus Bergstollen. Aber nicht nur, um aus Gold Kronen, Schmuck und Münzen zu schmieden. Weniger bekannt ist, dass das Edelmetall seit Jahrtausenden auch einen festen Platz in der Medizin hat – und das nicht nur bei schadhaften Zähnen.

Traditionelle Medizin: Gold für Lebensenergie und als Jungbrunnen

In fast allen Kulturen symbolisierte es die Kraft der Sonne. Wer es pulverisiert einnahm, versprach sich davon mehr Vitalität. Erste Hinweise dafür finden sich in mehr als 4500 Jahre alten Hieroglyphen. Die Ägypter waren überzeugt, Gold heilt Geist und Körper. In der Traditionellen Chinesischen Medizin stärken nach wie vor Goldmedikamente den
sogenannten Nieren-Blasen-Meridian. Ziel dieser Behandlung: mehr Lebens­­energie.

Im Mittelalter avancierte das Edelmetall zum Anti-Aging-Mittel. Arabische Ärzte bewarben es als Jungbrunnen für mehr Jugendlichkeit. In Europa waren Unsterblichkeitselixiere mit Goldstaub über Jahrhunderte schwer in Mode. "Das Gold kann den Körper unzerbrechlich erhalten", schrieb der Alchimist Paracelsus im 16. Jahrhundert und kreierte ein Rezept für das trinkbare Gold "aurum potabile".

Noch hundert Jahre später schwor der französische Naturwissenschaftler René Descartes darauf – und hoffte auf ewiges oder zumindest sehr langes Leben. Doch mit Gold lässt sich weder der Tod überlisten noch Depression, Epilepsie, Migräne oder Syphilis heilen. Nachgewiesen ist allerdings eine antibakterielle Wirkung des Edelmetalls.

Goldener Bakterientod

Diese erahnten bereits antike Gelehrte. Plinius beispielsweise berichtete in seinen Schriften, wie er Wunden und Fisteln mit einer Mixtur aus Gold, "getrocknet mit Salzen und Schiefer", behandelt hatte.  Er wollte auf diese Weise Infektionen aufhalten.

Erste wissenschaftliche Hinweise für diese Wirkweise lieferte Robert Koch. Nachdem der deutsche Mikrobiologe 1882 den Erreger der Lungenerkrankung Tuberkulose entdeckt hatte, forschte er in seinem Labor nach einem Heilmittel. Dabei stellte er fest, dass Tuberkelbazillen in der wasserlöslichen Verbindung Kaliumgoldcyanid mit einem Anteil von fast 70 Prozent Gold abstarben. Allerdings ist Kaliumcyanid giftig und als Medikament völlig ungeeignet. Doch die moderne Medizintechnik hat den Ansatz aufgegriffen.

So arbeitet beispielsweise die Universität Hannover an neuartigen Oberflächen für Medizinprodukte wie Paukenröhrchen fürs Ohr oder Blasenkatheter. Das soll das Infektionsrisiko in Krankenhäusern eindämmen. Spezielle Goldbeschichtungen setzen dazu Ionen frei, die in feuchter Umgebung Bakterien abtöten.

Auch auf einem anderen medizinischen Gebiet hat das Edelmetall über Jahrhunderte Karriere gemacht. Die Äbtissin Hildegard von Bingen war die erste Heilkundige, die eine Goldkur für Gicht- und Rheumakranke entwickelte.

Goldkur gegen Gelenkleiden

Die Benediktinerin mischte Dinkelmehl und reines Flussgoldpulver, um daraus Plätzchen zu backen. Ihre Patienten mussten diese jeden Morgen essen. "Das räumt für ein Jahr mit der Gicht in ihm auf", versprach die Nonne. "Denn das Gold verbleibt zwei Monate im Magen." Noch heute wird das Goldmehlpulver nach altem Rezept verkauft.

Der französische Arzt Jacques Forestier kombinierte beide Ansätze zu einer Rheumatherapie. In den 1930er-Jahren behandelte er seine Patienten mit löslichen Goldverbindungen – im Glauben, rheumatoide Arthritis sei eine Form von Tuberkulose. Er hatte Erfolg. "Bis Ende der 80er-Jahre waren Goldinjektionen bei starker rheumatoider Arthritis das Mittel der Wahl", erinnert sich Professor Klaus Krüger vom Berufsverband der Rheumatologen.

Er gab den chronisch Kranken einmal wöchentlich eine Spritze. Doch es konnte ein halbes Jahr dauern, bis das Medikament anschlug. Zudem waren die Nebenwirkungen so gravierend, dass die Therapie abgebrochen werden musste. "Bei einigen Patienten zeigten die Augen einen Blauschimmer, oder sie bekamen Hautekzeme", erinnert sich Krüger. Auch Nieren und Leber nahmen mitunter Schaden. "Inzwischen haben Kortison, Immunsuppressiva und moderne Biologika Gold als Rheumatherapeutikum abgelöst."

Gold beeinflusst das Immunsystem

Erst vor rund zehn Jahren fand eine schwedisch-amerikanische Studie he­­raus, warum Gold Rheumabeschwerden lindert. In winzigen Mengen wirkt es regulierend auf das Immunsystem. Goldsalze können in bestimmten Immunzel­len (Makrophagen) verhindern, dass entzündungsfördernde Proteine freigesetzt werden. "Nun, da wir den Wirkmechanis­­mus genauer kennen, können wir neue und bessere Medikamente gegen rheumatoide Arthritis entwickeln, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren", erklärte David Pisetsky von der Duke-Universität in Durham (USA) der Presse.

Hoffnungen der Nanomedizin

Die Geschichte von Gold als Arznei hat eine Zukunft. Nanomediziner sehen in der entzündungshemmenden Wirkung des Edelmetalls Potenzial, um Thera­pien für krankhaftes Übergewicht, Blutzucker- und Fettstoffwechselstörungen zu entwickeln. Forscher an der Universität Sydney (Australien) ­injizierten übergewichtigen Mäusen Nanopartikel aus Gold – und beobachteten nach kürzester Zeit, dass sich das Bauchfett der Nager reduzierte und ihr Glukosespiegel im Blut sank.

Ob und wie sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, ist noch Zukunftsmusik. Auch Wissenschaftler vom Georgia Institute of Technology in Atlanta (USA) arbeiten an neuen Ansätzen in der Tumortherapie von Leukämie-Patienten. Goldene Nanobestandteile sollen als Transportvehikel die Aufnahme von Arzneistoffen in die Zellen verbessern. Wenn das gelingt, könnte Gold wertvoller werden denn je.