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Gewichtszunahme durch Medikamente

Manche Arzneimittel begünstigen einen Anstieg des Körpergewichts. Die Umstellung auf einen anderen Wirkstoff oder eine Lebensstiländerung kann dann hilfreich sein

von Barbara Kandler-Schmitt, 07.06.2019
Tabletten

Gut beraten: Ihr Apotheker weiß, welche Medikamente dick machen


"Schon wieder zwei Kilo zugenommen – und das innerhalb eines Monats. "Ich esse doch gar nicht mehr als sonst. Bestimmt sind das die neuen Tabletten, die mir der Arzt verordnet hat. Die lasse ich besser wieder weg ..." Kommen Ihnen solche Gedanken bekannt vor?

"Dann sollten Sie Ihre Medikamente auf keinen Fall eigenmächtig absetzen", betont Manfred Vogt, Apotheker aus dem niedersächsischen Nordenham. Er empfiehlt, sich bei Verdacht auf eine medikamentenbedingte Gewichtszunahme zunächst in der Apotheke beraten zu lassen: "Wir überprüfen dann die gesamte Medikation des Patienten auf mögliche Neben- und Wechselwirkungen."

Mehr Appetit, weniger Stoffwechsel

Tatsächlich können einige häufig verordnete Arzneimittel das Körpergewicht erhöhen – weil sie den Appetit anregen oder den Stoffwechsel drosseln. Wie kanadische Forscher im Fachblatt Diabetes, Metabolic Syndrome and Obesity schreiben, betrifft das vor allem bestimmte Diabetesmittel, Psychopharmaka, Kortisonpräparate und Betablocker.

"Neben den negativen gesundheitlichen Folgen des Übergewichts besteht dann die Gefahr, dass Patienten ihre Arzneimittel nicht mehr wie vom Arzt verordnet einnehmen ", sagt Vogt.

Manfred Vogt, Apotheker in der Viktoria-Apotheke Nordenham

Übergewicht kann aber auch Ur­sache oder Symptom einer Erkrankung sein: Rund 80 Prozent der Typ-2-Diabetiker sind übergewichtig, auch Menschen mit Bluthochdruck oder Depressionen bringen oft zu viel auf die Waage. Wer durch die Einnahme eines neuen Medikaments weiter zunimmt, sollte deshalb mit seinem Arzt reden.

Dieser kann gegebenenfalls die Dosis reduzieren oder den Patienten auf einen anderen Wirkstoff umstellen. Als ergänzende Maßnahme empfiehlt Apotheker Vogt eine Lebensstiländerung: Durch Ernährungsumstellung und mehr Bewegung lassen sich neben dem Gewicht auch Blutdruck und Blutzuckerspiegel kontrollieren. "Und so kann der Patient wiederum Medikamente einsparen."

Antidiabetika

Typ-2-Diabetiker, die während der Therapie weiter zunehmen, sollten mit ihrem Arzt reden. "Am problematischsten sind Sulfonylharnstoffe wie Glibenclamid", weiß Apotheker Vogt. Es gibt aber gewichtsneutrale Alternativen und sogar Wirkstoffe, die beim Abnehmen helfen. Auch das  blutzuckersenkende Hormon Insulin begünstigt eine Gewichtszunahme. Eine notwendige Insulintherapie darf aber nicht hinausgezögert werden.

Gewichtsneutral: Metformin, Exenatid

Gewichtsreduzierend: Lira­glutid, Dapagliflozin

Psychopharmaka  

Es kann an der Stabilisierung der Psyche liegen, aber auch an einer unerwünschten Medikamenten­wirkung: Rund 70 Prozent der Patienten, die Psychopharmaka einnehmen, legen während der Behandlung an Gewicht zu. Diese Medikamente greifen gezielt in den Hirnstoffwechsel ein.

"Warum sie auch das Gewicht beeinflussen, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt", sagt Professor Johannes Kornhuber, Direktor der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik am Universitätsklinikum Erlangen.

"Offenbar wirken sie sich aber auf den Appetit, das Sättigungsgefühl und den Stoffwechsel aus." Wenn Gewichtsveränderungen auftreten, dann meist schon in den ersten Wochen nach Behandlungsbeginn. "Dazu tragen auch die Bedingungen eines stationären Aufenthalts bei, etwa regelmä­ßige Mahlzeiten, weniger Bewegung und längere Schlaf- und Ruhezeiten", erklärt Psychiater Kornhuber.

Antidepressiva wirken sich zwar meist nicht so stark auf das Gewicht aus wie andere Psychopharmaka, werden aber häufiger verordnet. Laut einer aktuellen Studie nimmt im zweiten Behandlungsjahr fast jeder zweite Patient deutlich zu. Wie die Autoren im British Medical Journal schreiben, betrifft das nicht nur ältere Wirkstoffe wie Amitriptylin, sondern bei längerer Einnahme auch neuere wie Fluoxetin, Citalopram und Sertralin. Betroffene sollten deshalb ihren Arzt ansprechen.

Gegenmaßnahmen: Ernährungsumstellung und mehr Bewegung

Betablocker  

Über eine Gewichtszunahme klagen gelegentlich auch Patienten, die wegen Bluthochdruck, koronarer Herzkrankheit oder Herzschwäche Betablocker wie Metoprolol oder Bisoprolol einnehmen. Hier gibt es jedoch genügend Alternativen, die keinen Einfluss auf das Gewicht haben.

Gewichtsneutrale Wirkstoffe: z. B. ACE-Hemmer, Diuretika