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Arzneiengpässe durch das Coronavirus?

Ein Leser hat uns gefragt, ob durch das Coronavirus noch mehr Lieferengpässe bei Medikamenten entstehen können. Der Apotheker Dr. Martin Allwang aus unserem Verlag nimmt dazu Stellung:

von Dr. Martin Allwang, 07.02.2020
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Anfällige Produktion: Zunehmende Lieferengpässe gibt es bereits seit längerem, schon lange vor der Coronavirus-Epidemie


Um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, hat die chinesische Regierung in der Provinz Hubei Millionen von Menschen unter Quarantäne gestellt und damit das wirtschaftliche Leben fast zum Erliegen gebracht. In der Provinz sind auch etliche Chemiewerke angesiedelt, die Arzneistoffe produzieren. Diese Werke beliefern unter anderem indische Arzneihersteller, die viele Generika für den deutschen Markt produzieren. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass viele Menschen sich Sorgen machen, dass sich durch den Virus-Ausbruch die Versorgung mit Arzneimitteln verschlechtern könne. 

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat daher beim Bundesverband Pharmazeutische Industrie (BPI) nachgefragt, ob die Gefahr von Lieferengpässen besteht. Die Möglichkeit sieht der BPI bei insgesamt 48 Wirkstoffen. Doch bisher ist es noch nicht zu Lieferengpässen gekommen, die durch die Epidemie oder die Maßnahmen der Regierung bedingt sind.

Generell anfällige Versorgung mit Arzneimitteln

Ob das bis zum April so bleiben wird, wenn Virologen mit einem Abklingen der Epidemie rechnen, ist noch nicht abzusehen. Alles in Butter also? Nicht unbedingt. Denn schon lange vor dem Ausbruch der Epidemie war die Versorgungslage mit Arzneimitteln heikel. Die Situation, dass wenige Hersteller in wenigen Ländern, vor allem in Indien und China, heute einen großen Teil des Weltmarkts mit Arzneimitteln beliefern, macht die Versorgung anfällig. Fällt die Produktion bei einem Hersteller warum auch immer aus, dann lässt sich das nicht durch andere Lieferanten ausgleichen.

Möglicherweise trägt die Epidemie in Hubei dazu bei, das Problem der Lieferengpässe energischer anzugehen. Denn Lieferengpässe haben verschiedene Gründe, daher wird auch nicht eine einzige Maßnahme die Gefahr bannen.

Geplante Maßnahmen für eine stabilere Versorgung

Doch es sind eine Reihe von Maßnahmen auf dem Weg, die gemeinsam dazu führen können, dass sich das Problem der Nichtlieferbarkeit bessert:

  • Rabattverträge sollen dahingehend geändert werden, dass jede Kasse mit mehreren Herstellern Vereinbarungen trifft.
  • Apotheker sollen schneller und einfacher als bisher ein wirkstoffgleiches Präparat an den Patienten abgeben dürfen, wenn das verordnete Präparat nicht lieferbar ist.
  • Durch gesetzliche Regelungen soll ausgeschlossen sein, dass Lieferengpässe zu einer finanziellen Belastung für Patienten führen. Wenn der Patient Aufzahlungen leisten muss, weil "sein" Medikament nicht lieferbar ist, sondern nur ein anderes, teureres, dann soll dies künftig zu Lasten der Krankenkasse gehen. Diese Aufzahlung für wirkstoffgleiche Präparate kann im Extremfall einen dreistelligen Eurobetrag ausmachen.
  • Für wichtige Arzneistoffe sollte es einen europäischen Vorrat geben, sodass Lieferausfälle überbrückt werden können. Wer diesen Notvorrat anlegt, Hersteller oder pharmazeutische Großhändler, ist noch Gegenstand von Verhandlungen.

Das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) sollte ein Jahr, nachdem es in Kraft getreten ist, mit Leben gefüllt werden. Es sieht vor, dass Arzneimittelhersteller auf einer Webseite offenlegen, woher sie ihren Wirkstoff beziehen. Das würde nicht nur drohende Lieferengpässe früher erkennbar machen. Bei Qualitätsproblemen eines Wirkstoffherstellers wäre es möglich zu erkennen, welche Generika-Hersteller mit ihren Präparaten von dem Problem betroffen sind.