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Späte Anorexie: Magersucht bei Erwachsenen

Es sind nicht nur Teenager, die Essstörungen entwickeln. Viele sind schon erwachsen, jede Dritte ist sogar älter als 40 Jahre. Was sind die Gründe?

von Aglaja Adam, aktualisiert am 30.08.2019
Knäckebrot

Küchenmeister Schmalhans: Magersüchtige reduzieren ihre Mahlzeiten immer mehr


Ein Apfel, zwei trockene Scheiben Knäckebrot, nur Leitungswasser, zehn Kilometer joggen, 300 Sit-ups. Sabine S., 38 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, Teilzeitjob in einer Kanzlei, hat lange alles unter Kontrolle – ganz besonders ihren Hunger. Nur ihre Gedanken drehen sich ständig um Kalorien und Essen.

Sabine wird immer dünner, friert oft. Weite Kleidung kaschiert ihren mageren Körper. Als die Waage der 1,72 Meter großen Frau nur noch 43 Kilo anzeigt, als ihre Kraft nachlässt, als Ehemann und Frauenarzt ihr ins Gewissen reden, kommt die Einsicht: Sie braucht professionelle Hilfe gegen die Magersucht.

Obwohl es die Person Sabine S. in Wirklichkeit nicht gibt, passiert ihre Geschichte tausendfach in Deutschland. Viele Patientinnen, die Professorin Almut Zeeck, leitende Oberärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsklinik Freiburg betreut, haben einen ähnlichen Weg hinter sich. Und die Zahl der Magersuchtpatienten nimmt seit Jahren zu.

Keine Pubertätskrankheit

Laut Hochrechnungen der Barmer Krankenkasse waren im Jahr 2016 insgesamt rund       93 000 Personen in Deutschland wegen einer Anorexia nervosa in Behandlung. 93 Prozent von ihnen waren weiblich und fast jede Dritte älter als 40 Jahre. Denn Magersucht ist längst keine Pubertätskrankheit mehr: Allein für den Zeitraum von 2011 bis 2016 verzeichnet die Kasse bei den über 40-Jährigen eine Zunahme der Diagnosen um 19 Prozent.

Unklar ist allerdings, ob es sich bei den älteren Patienten um Neuerkrankungen handelt. Zeeck vermutet, dass die hohe Zahl daher kommt, weil die Erkrankung sich über viele Jahre hinzieht: "Meistens finden sich Vorläufer der Anorexie in der Jugend."

Auch Professor Stephan Zipfel, ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Tübingen, bestätigt: "Häufig gab es bereits eine Phase der Anorexia nervosa, und es kommt in fortgeschrittenem Alter zu einem erneuten Ausbruch." Krisensituationen wie Arbeitslosigkeit oder Scheidung können die Krankheit wieder auslösen.

Krank durch Druck

"Magersuchtpatienten haben oft sehr perfektionistische Persönlichkeitszüge", erklärt der Psychotherapeut. Das Schönheitsideal unserer Gesellschaft spielt eine Rolle, genauso die Erwartungen an die moderne Frau: Erfolg im Beruf haben, eine gute Mutter sein und dabei noch toll aussehen.

Werden die Anforderungen zu groß, kann die Kontrolle über den Körper und das eigene Gewicht Halt geben. "Die Patienten sehen in der Krankheit zunächst oft eine scheinbare Lösung, nicht das Problem", erklärt Zipfel.

Die Fehleinschätzung ist dramatisch: "Magersucht gehört zu den gefährlichsten psychischen Erkrankungen überhaupt." Die Sterblichkeit liegt bei einem Prozent pro Erkrankungsjahr. Eine Langzeitstudie der Universität Heidelberg aus dem Jahr 2000 hat ergeben, dass 20 Jahre nach Erstbehandlung rund 16 Prozent der Patienten verstorben waren.

Falsche Wahrnehmung des eigenen Körpers

Magersucht bestimmt das Denken, Fühlen und Verhalten, so Zipfel: "Die Patienten isolieren sich oft, pflegen immer weniger soziale Kontakte, beschäftigten sich primär mit der Magersucht und nisten sich in dieser Welt ein."

Häufig wird die Magersucht von anderen psychischen Erkrankungen begleitet wie Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen. Typisch ist auch eine Körperbildstörung: Patienten überschätzen ihr eigenes Gewicht. Während sie das Gewicht anderer Menschen richtig einschätzen können, nehmen sie sich selbst wie in einem Zerr­­spiegel wahr.

"Die Körperbildstörung ist ein Hauptkriterium, das uns erlaubt, die Diagnose Anorexia nervosa zu stellen", so Zipfel. Ein weiteres Kriterium ist der Body-Mass-Index (BMI), der das Gewicht eines Menschen mit seiner Körpergröße in Beziehung setzt. Bislang galten Patienten mit einem BMI von unter 17,5 als magersüchtig. In Anlehnung an die Grenzen für Untergewicht soll der Wert nun auf 18,5 hochgestuft werden.

Genesung durch Routine

Bei einer schweren Form der Anorexia nervosa ist es zunächst wichtig, dass die Betroffenen wieder an Gewicht zunehmen, um die Gefahr für den Organismus einzudämmen. Dafür müssen die Magersüchtigen nach wie vor meist wochenlang in der Klinik verbringen.

Was die weitere Behandlung betrifft, hat sich in den vergangenen Jahren aber einiges getan: Sobald ihr Körpergewicht weitgehend stabil ist, sollen die Patienten heute bald wieder in ihrem gewohnten Alltag Fuß fassen.

"Bei Patientinnen, die erst seit Kurzem erkrankt sind, bringt die Kombination aus einer kürzeren stationären Therapie mit einer direkt anschließenden tagesklinischen und ambulanten Behandlung die gleiche Aussicht auf Genesung wie ein langer, ausschließlich stationärer Klinikaufenthalt", sagt Zipfel.

Allerdings braucht die Heilung ihre Zeit: "Die ambulante Therapie im Anschluss an einen Klinikaufenthalt sollte mindestens über ein Jahr erfolgen", sagt Zeeck. Im Durchschnitt kämpften Betroffene sechs Jahre bis zur Genesung. "Immerhin die Hälfte aller Patienten wird aber wieder ganz gesund."

Mögliche Ursache in den Genen

Inzwischen wird untersucht, ob Magersucht genetisch veranlagt sein kann. "Wir vertreten seit Langem die These, dass das Körpergewicht durch das Gehirn mitverändert wird", sagt Anke Hinney, Professorin an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen.

Zusammen mit einer internationalen Forschungsgruppe hat sie die Daten von 3495 Anorexie-Patienten mit denen von 10 982 Gesunden verglichen. Dabei entdeckte sie relevante Gene auf dem Chromosom 12. "Diese Region steht auch im Zusammenhang mit Diabetes und Autoimmunerkrankungen", so Hinney.

Zugleich überlappen sich Gene, die mit psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie in Verbindung stehen. Die Biologin geht davon aus, dass noch weitere Gene eine Anorexie begünstigen.

Auf die Therapie haben die neuen Forschungsergebnisse zunächst zwar keinen Einfluss. "Zu wissen, dass die Magersucht von genetischen Faktoren mitbedingt ist, kann aber entlastend sein", glaubt Hinney. Schließlich machten sich die Angehörigen, aber auch die Betroffenen selbst, oft schwere Vorwürfe, dass es zu dieser schweren Krankheit kommen konnte.


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