Magensonden zur künstlichen Ernährung

Wenn Menschen nicht mehr essen können, ermöglichen Magensonden eine künstliche Ernährung. Dadurch erhält der Körper lebenswichtige Nährstoffe

von Dr. med. Johannes Rückher, 17.06.2014

Gabe von Sondennahrung und Medikamenten über eine PEG-Sonde


Eine künstliche Ernährung soll nicht nur Hunger und Durst stillen, sondern auch Gesundheit und Lebensqualität des Betroffenen erhalten oder verbessern. Bevor Menschen vorschnell künstlich ernährt werden, sollten Ärzte und Angehörige jedoch klären, ob dies medizinisch notwendig, im Sinne des Patienten und ethisch vertretbar ist.

Welche Arten der künstlichen Ernährung gibt es?

Kann ein Mensch trotz eigener Bemühungen und Hilfe durch andere nicht ausreichend essen, greifen Ärzte und Pflegepersonal häufig zunächst zu speziellen Trinklösungen. Diese enthalten alle wichtigen Nährstoffe und sind in mehreren Geschmacksrichtungen erhältlich.

Verschiedene Gründe können jedoch dazu führen, dass ein Mensch gar nicht mehr schlucken kann: Neben einer Schlucklähmung kommen unter anderem auch Tumoren in Mund, Rachen oder Speiseröhre als Ursache in Frage. Oder der Patient ist für längere Zeit bewusstlos. In solchen Fällen eignen sich Sonden, um die Nährstoffe in den Magen zu transportieren. Je nach der voraussichtlichen Dauer der Sondenernährung empfehlen sich verschiedene Sonden:

Dauert es voraussichtlich weniger als vier Wochen, bis der Patient wieder selbst essen kann, ist in der Regel eine Magensonde sinnvoll, die über die Nase eingeführt wird (nasogastrale oder nasointestinale Sonde). Über einen Schlauch gelangen dabei die Nährlösungen über Nase, Rachen und Speiseröhre in den Magen. Ärzte greifen unter anderem bei Schluckstörungen nach einem Schlaganfall und bei Intensivpatienten auf Magensonden zurück.

Benötigen Patienten länger als 20 bis 28 Tage eine künstliche Ernährung, erhalten sie in der Regel Nahrung über eine sogenannte perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG-Sonde). Hier wird ein Schlauch durch die Bauchwand direkt in den Magen gelegt.

Wie legen Ärzte eine nasogastrale Magensonde?

Im Vorfeld überzeugen sich die Ärzte, dass im Bereich der Atemwege und der Speiseröhre keine Fehlbildungen oder Verletzungen feststellbar sind. Je nach Verweildauer der Magensonde und Durchmesser der Speiseröhre kommen verschiedene Modelle in Frage.

Weil die Ärzte Magensonden üblicherweise über die Nase legen, behandeln sie die Nasenschleimhaut mit abschwellenden und lokal betäubenden Nasensprays. Eine entsprechende Betäubung des Rachens vermindert den Würgereiz. Auch eine vorherige Kühlung der Magensonde soll die Irritation der Schleimhäute vermindern. Zusätzlich machen die Ärzte die Magensonde mit Gleitgel gleitfähig.

Anschließend wählen die Ärzte das bei der Atmung besser durchgängige Nasenloch aus. Sie führen die Magensonde am sitzenden Patienten mit leicht überstrecktem Kopf ein, der sogenannten "Schnüffelposition". Die Spitze der Magensonde schieben sie ungefähr zehn Zentimeter durch die Nase vor bis kurz oberhalb des Kehlkopfs. Um den Schluckvorgang zu unterstützen, trinken die Patienten nun häufig etwas Wasser. Dies hilft den Ärzten, die Magensonde synchron zum Schluckvorgang bis in den Magen vorzuschieben. Um die korrekte Lage zu überprüfen, spritzen die Ärzte ein wenig Luft über die Sonde in den Magen. Mit einem Stethoskop, das sie auf den oberen Bauchbereich halten, hören sie dies als "Blubbergeräusch". Weitere Möglichkeiten, um die Lage der Sonde zu kontrollieren, sind eine Röntgenkontrolle oder die Messung des pH-Wertes, nachdem man mit der Sonde etwas Verdauungssaft gewonnen hat: Stammt die Flüssigkeit aus dem Magen, ist sie aufgrund der Magensäure sauer.

Die Patienten sollten bei einer korrekt gelegten Magensonde normal atmen oder sprechen können. Damit die Magensonde nicht nachträglich verrutscht, befestigen sie die Ärzte im Nasenbereich mit Pflastern.

Anlegen einer nasogastralen Magensonde

Komplikationen bei der nasogastralen Magensonde

Häufigste Komplikationen sind örtliche Reizungen der Nasenschleimhaut und Nasenbluten. Die abschwellenden Nasensprays verhindern aber in der Regel, dass es dazu kommt.

Patienten, bei denen die Magensonde zu lange liegt, berichten gehäuft über Entzündungen der Nasennebenhöhlen. Möglicherweise kommt in solchen Fällen dann eine PEG in Frage. Leichte Druckschäden der Schleimhäute in der Speiseröhre sind möglich. Schwere Verletzungen der Speiseröhre oder der Atemwege bleiben bei korrekter Durchführung die Ausnahme.

Ist die Magensonde nach einer gewissen Zeit verstopft, kann der Arzt sie austauschen.

Sonderform: nasointestinale Sonde (Jejunalsonde)

Eine Alternative zur nasogastralen Magensonde ist die sogenannte Jejunalsonde. Sie führt über die Nase durch den Magen bis in einen bestimmten Abschnitt des Dünndarms, das Jejunum. Diese Sonde platzieren die Ärzte in der Regel mithilfe eines Endoskops. Die Sonde kann dabei durch den Arbeitskanal des Endoskops eingeführt werden. Weil diese Sonde dünner als eine nasogastrale Magensonde ist, stört sie den Patienten weniger und kann deshalb meist länger verbleiben. Die Gabe der Nahrung über die Jejunalsonde erfolgt kontinuierlich, weil das Jejunum nicht eine derartige Speicherfunktion wie der Magen aufweist und deshalb größere Nahrungsportionen weniger gut verträgt.

Wie wird eine PEG-Sonde angelegt?

Das Anlegen einer PEG-Sonde ist eine ausgeklügelte Prozedur: Dabei kombinieren Ärzte eine Magenspiegelung mit einem kleinen Eingriff durch die Bauchdecke. Zunächst führen sie über den Mund ein Endoskop in den Magen ein. Mit dem Endoskop leuchten sie von innen den Magen an. Dort, wo das Licht bei abgedunkeltem Operationssal von außen an der Bauchdecke zu sehen ist, erfolgt dann ein kleiner Hautschnitt. Über diese Öffnung in der Bauchdecke führen die Ärzte ein Röhrchen samt Faden in den Magen ein. Das Fadenende wird mit dem Endoskop gegriffen und bis zum Mund heraus gezogen. Dort knüpften die Ärzte die eigentliche PEG-Sonde an den Faden und ziehen so die Magensonde über den Mund in den Magen. Das dünne Ende der PEG-Sonde wird mit dem Faden durch den Einschnitt nach außen durch die Bauchdecke gezogen, während das dicke Ende der PEG-Sonde im Magen verankert bleibt. Von außen befestigen die Ärzte abschließend das dünne Ende der PEG-Sonde mit einer Gegenplatte an der Bauchwand.

Komplikationen der PEG-Sonde

Beim Anlegen der PEG-Sonde treten bei weniger als einem Prozent der Patienten Komplikationen auf. Wenn doch eine Komplikation vorkommt, kann sie einerseits durch die Magenspiegelung verursacht sein. Denn das Endoskop kann die Magenschleimhaut reizen, oder gar verletzen. Andererseits kann durch den kleinen Einschnitt Magensaft in die Bauchhöhle gelangen und eine Entzündung des Bauchfells verursachen. Dann leidet der Patient meist unter starken Bauchschmerzen, und zur Behandlung der Entzündung sind Antibiotika oder gar eine Operation nötig. Bei der Punktion durch die Haut traten außerdem in Einzelfällen Verletzungen benachbarter Organe wie Dickdarm und Leber auf. Wie bei jeder Operation können außerdem auch Blutungen und Infektionen auftreten. Eine Verletzung weiterer innerer Organe ist äußerst selten.

Was gilt bei nicht einwilligungsfähigen, schwerstkranken und dementen Patienten?

Die künstliche Ernährung über eine Magensonde ist ein Eingriff, dem der Patient grundsätzlich zustimmen muss. Einige Betroffene sind aber – zumindest vorübergehend – nicht in der Lage, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. Dies gilt beispielsweise für Menschen, die bewusstlos sind. In solchen Fällen ist eine künstliche Ernährung medizinisch angezeigt, damit der Patient überleben und genesen kann. Die Magensonde gilt in so einem Fall als geeignetes und bewährtes Verfahren.

Menschen, die an einer unheilbaren Krankheit leiden, benötigen häufig eine langfristige künstliche Ernährung. Manche Krebspatienten können beispielsweise ihren Nahrungsbedarf selbst mit Trinknahrungen nicht decken. Wenn hier eine nur überbrückende künstliche Ernährung nicht reicht, bieten die Ärzte in der Regel eine PEG an.

Menschen, die sich unwiderruflich nicht mehr äußern können, wie zum Beispiel Patienten mit fortgeschrittener Demenz, und nicht mehr selbstständig essen können oder wollen, stellen Ärzte und Angehörige oft vor große Herausforderungen. Eine Genesung dieser Menschen ist meist nicht mehr zu erwarten. Zwar geht es auch hier in erster Linie um die Lebensqualität und den Willen des Betroffenen. Doch leider müssen Ärzte und Angerhörige häufig über Vorstellungen und Wünsche des Patienten mutmaßen. Können sie auf eine Patientenverfügung und/oder Vorsorgevollmacht zurückgreifen, erleichtert ihnen das so manche Entscheidung.

Es herrscht zunehmend Einigkeit, dass es für eine künstliche Ernährung einer medizinischen Begründung bedarf. Sie sollte keine symbolische Handlung bei natürlich alternden Menschen sein. Möchten Menschen am Ende ihres Lebens nicht mehr ausreichend essen und trinken, verzichten Ärzte heute in der Regel auf eine künstliche Ernährung. Sie betonen zunehmend, dass Zuwendung und liebevolles Anbieten von Nahrung im Vordergrund stehen sollten. Beobachtungen der Palliativmedizin zeigen, dass Hunger und Durst am Lebensende eher selten sind.

Beratender Experte: Prof. Dr. med. Peter Sauer, Leiter des Interdisziplinären Endoskopie-Zentrums (IEZ) in der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg

Quellen:
1. Borde J, Bologna C, Minakov O et al.: Anlegen einer Magensonde. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift 2008, 133: 1081-1083
2. Weitz G: Künstliche Ernährung aus Sicht des Mediziners. In: Zeitschrift für medizinische Ethik 2010, 56: 103-112
3. Löser C: Ernährung am Lebensende – medizinische, ethische und juristische Grundsätze der palliativmedizinischen Ernährung. In: Aktuelle Ernährungsmedizin 2013, 38: 46-66
4. Valentini L, Volkert D, Schütz T et al.: Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) – DGEM-Terminologie in der Klinischen Ernährung. In: Aktuelle Ernährungsmedizin 2013, 38: 97-111
5. Löser C: Das PEG-Dilemma – Plädoyer für ein ethisch verantwortungsbewusstes ärztliches Handeln. In: Zeitschrift für Gastroenterologie 2013, 51: 444-449

Wichtiger Hinweis:
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