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Männliche Wechseljahre?

Männliche Wechseljahre gibt es nicht. Krisen in der Lebensmitte schon. Weshalb ein Experte die zunehmende Verschreibung von Testosteron-Präparaten kritisch sieht, und welcher Lebensstil helfen kann

von Dr. Ralph Müller-Gesser, aktualisiert am 03.08.2020
Mann im Pferdestall

Krisen im besten Alter: Im Leben läuft nicht alles glatt, Frauen bemerken das oft in den Wechseljahren, Männer in der Midlife-Crisis


Auf die Hoden ist Verlass. An ihnen liegt es so gut wie nie, wenn Männer im besten Alter mit anhaltender Müdigkeit, trauriger Verstimmung, sexueller Unlust und schwindender Muskelkraft zu kämpfen haben. Denn die Keimdrüsen produzieren fast immer ein Leben lang ausreichend männ­liche Geschlechtshormone.

"Ein Mangel an Testosteron kommt bei Männern im mittleren Lebensalter sehr selten vor", stellt Professor Martin Reincke fest, ­Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik IV am Klinikum der Universität München. "Daher gibt es auch beim Mann keine Wechseljahre. Bei der Frau ist das anders. Bei ihr stellen die Eier­stöcke um die Lebensmitte die Hormonproduktion ein."

In der Lebenskrise

Obwohl die Erzeugung des männlichen Sexualhormons mit dem Alter meist nur langsam nachlässt, stieg in den letzten zehn Jahren die Verschreibung von Testosteronpräparaten deutlich an. Unverantwortlich und unverständlich, sagt Reincke.

Denn das, was viele Männer zwischen 45 und 65 erlebten, sei keine Hormon-, sondern eine Lebenskrise: "Auf der einen Seite sind sie mit grundlegenden Veränderungen in Familie und Beruf konfrontiert, und auf der anderen Seite spüren sie die ersten Alterserscheinungen sowie die Folgen eines Mangels an körperlicher Aktivität."

Die psychischen Belastungen, verbunden mit Übergewicht und Folgekrankheiten wie beispielsweise Bluthoch­druck, verursachen irritierend ähnliche Beschwerden wie ein Hormonmangel. Und so verspricht der Griff zu Medikamenten eine rasche und einfache Lösung.

Je gesünder, desto besser die Stimmung

Doch mit Hormonen meistert der Mann keine Lebens­krise. Sie ersetzen weder die Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen, noch ermöglichen sie eine nötige Neuorientierung und bremsen auch nicht den Alterungsschub.

Hormonexperte Reincke rät nur bei einem echten Mangel zu Medikamenten. Den meisten Männern empfiehlt er einen gesünderen, aktiveren Lebensstil: "Sport und Bewegung lindern Beschwerden und sind selbstwirksam. Dies kann Ausdauersport sein, aber auch Kraft­sport ist sehr effektiv."

Mit den Pfunden schwindet die Müdigkeit. Stimmung, Blutdruck und Blutzuckerspiegel bessern sich, und sogar der Hormonhaushalt wird aktiviert. "Sportliche Aktivität erhöht die Testosteron­spiegel im Blut", bestätigt Reincke. Denn wie gesagt: Auf die Hoden ist Verlass.

Wann Präparate sinnvoll sind

"Nur bei drei bis vier Prozent der Männer sind die Testosteronwerte im Blut tasächlich zu niedrig", sagt Reincke. Eine Hormonbehandlung sei erst bei einem durch mindestens zwei morgendliche Messungen nachgewisenen Mangel sinnvoll. Die Mittel bergen Langzeitrisiken. Sie können unter anderem die Gefahr für Kopfschmerz, Thrombosen und wohl auch für Prostatakrebs erhöhen. Eine enge Betreuung behandelter Patienten ist daher unverzichtbar.