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Wie ist das Coronavirus einzuschätzen?

Die Zahl der Infektionen mit dem neuen Coronavirus steigt täglich, auch in Europa gibt es Fälle. Ein Überblick über die Gefährlichkeit und die Behandlung

von Nina Himmer, aktualisiert am 21.02.2020
Kambodscha Phnom Penh Choronavirus Epidemie

Phnom Penh, Hauptstadt von Kambodscha: Schüler reinigen sich zum Schutz vor der neuen Lungenkrankheit ihre Hände


Hinweis: Dieser Artikel wurde zuletzt am 24. Februar 2020 aktualisiert. Zahlen und Erkenntnisse zum neuen Virus Covid-19 entwickeln sich teils sehr rasch, so dass Inhalte dann teilweise überholt sein können. Hier finden Sie unsere Übersicht zum Thema: Coronavirus: Gesammelte Informationen

Bisher über 77.000 Infizierte und über 2.600 Tote, abgeriegelte Millionenstädte und täglich neue Verdachtsfälle aus aller Welt: Wer die Berichterstattung zu dem neuen Virus aus China verfolgt, bekommt schnell ein ziemlich mulmiges Gefühl. Professor Andreas Podbielski ist Mikrobiologe und leitet das Institut für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene an der Universitätsmedizin Rostock. Er sagt, das Virus weise genetisch Ähnlichkeiten mit dem SARS-Erreger auf, der vor 17 Jahren eine Pandemie ausgelöst hat. Die bisherigen Erfahrungen sprechen dafür, dass das Virus ansteckender als sein Vorläufer, bezüglich schwer verlaufender Erkrankungen aber weniger gefährlich ist.

Mit SARS verwandt

Die Ähnlichkeit ist kein Zufall. Beide Erreger gehören zur großen Familie der Coronaviren, die seit Mitte der 60er Jahre bekannt sind. Die Viren verdanken ihren Namen dem kronenartigen Aussehen, das sie unter dem Elektronenmikroskop aufweisen. Die meisten von ihnen sind nicht auf Menschen, sondern auf Tiere spezialisiert.

Coronavirus Elektronen Mikroskop

In der chinesischen Stadt Wuhan, in der das Virus erstmals aufgetaucht ist und in der es bis heute die meisten Infektionen gibt, wird ein mittlerweile geschlossener Fischmarkt als Ursprung vermutet. Dort wurden lebende Wildtiere gehalten und verkauft. Solche Märkte gelten als Reservoir für Keime aller Art. "Allerdings gelingt es nur wenigen Viren, auf den Menschen überzuspringen", erklärt Podbielski.

Angriff auf die Atemwege

Coronaviren, die es dennoch geschafft haben, lösen bei Menschen meist eher harmlose Erkältungssymptome wie Husten und leichtes Fieber aus. Allerdings gab es immer wieder Ausreißer, die sich als gefährlich entpuppten: Etwa die Lungenkrankheit SARS, mit der sich 2002/2003 rund 8000 Menschen infizierten und die ihren Ursprung ebenfalls in China hatte. Oder das MERS-Virus, das vor allem auf der arabischen Halbinsel vorkommt und erstmals 2012 auftrat.

Und nun also "Covid-2019", wie die Weltgesundheitsorganisation WHO das neue Virus aus Wuhan inzwischen nennt. Was alle drei gemeinsam haben: Die Viren können per Tröpfchen- oder Handkontakte ("Schmierinfektion") von Mensch zu Mensch übertragen werden und greifen die Atemwege an. Schwere Infektion bis hin zu Lungenentzündungen und Organversagen können die Folge sein.

Behörden und Wissenschaft handeln

Obwohl die aktuellen Zahlen und Maßnahmen dramatisch klingen, gibt es auch positive Nachrichten. Zum einen agieren die chinesischen Behörden diesmal sehr viel schneller, entschlossener und transparenter als zu SARS-Zeiten. Um die Ausbreitung zu verhindern, wurden ganze Städte quasi unter Quarantäne gestellt. Dieses Vorgehen lobten sowohl die WHO als auch renommierte deutsche Experten wie der Leiter des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin, Professor Jonas Schmidt-Chanasit. Ein nachhaltiger Erfolg dieser Maßnahmen muss sich aber erst noch zeigen.

Mit internationaler Unterstützung ist es zudem binnen kürzester Zeit gelungen, das neue Virus zu identifizieren und einen Test für seinen Nachweis zu entwickeln. Außerdem gibt es mittlerweile Schätzungen, nach denen ein Infizierter 1,4 bis 2,5 Menschen ansteckt – für ein Virus ist das nicht besonders viel.

Zunächst weiterer Anstieg an Erkrankten erwaretet

Andreas Podbielski rechnet trotzdem damit, dass die Zahl der Fälle in den nächsten Wochen, gegebenenfalls auch wenigen Monaten weiter ansteigen wird. "Auch, weil aufgrund der erhöhten Aufmerksamkeit auch Infektionen erfasst werden, die in anderen Situationen und für andere Erreger unbemerkt geblieben wären", sagt er. Darauf weisen auch die Autoren einer Studie hin, die im Fachmagazin Lancet erschienen ist und eine Reihe von Krankheitsfällen aus Wuhan analysiert. Aus ihr geht zwar hervor, dass schätzungsweise etwa drei Prozent der Infizierten sterben. Aber eben auch, dass viele Infizierte gar keine oder nur wenige Symptome aufweisen.

Die Europäische Infektionsschutzbehörde ECDC teilte im Januar mit, dass die europäischen Länder gut gewappnet seien. "Sie haben die Kapazitäten, einen Ausbruch zu verhindern und zu kontrollieren, sobald Fälle entdeckt werden", heißt es von der Behörde.

Eine Sprecherin des Robert Koch-Institut (RKI) sagte auf Nachfrage: "Noch wissen wir sehr wenig über die genauen Übertragungswege und Eigenschaften des neuen Virus."

Ein Viertel der Fälle verlaufen schwer

Klar ist aber bereits, dass die meisten Todesfälle Menschen betreffen, die schon vor der Infektion mit dem Erreger gesundheitliche Probleme hatten. "Zur Risikogruppe gehören vorrangig alte, kranke und immunschwache Menschen", bestätigt Podbielski. Laut der WHO verläuft rund ein Viertel der Fälle schwer.

Das liegt auch daran, dass das Virus nicht gezielt therapeutisch angegangen werden kann – alle Versuche, Mittel gegen andere Viren "umzufunktionieren" blieben bisher erfolglos. Deswegen ist für Schwerkranke nur eine unterstützende Behandlung möglich, etwa in Form von Sauerstoffgabe oder Antibiotika gegen bakteriellen Begleitinfektionen. Laut RKI kann eine solche Behandlung aber sehr wirksam sein. Und: die ganz überwiegende Zahl an infizierten Menschen überstehen die Krankheit ohne Behandlung unbeschadet.

Bis zu zwei Wochen Inkubationszeit

Das sind gute Nachrichten für Betroffene. Allerdings  ermöglicht der oft milde Verlauf auch eine leichte Weiterverbreitung der Viren – zumal derzeit laut RKI von einer Inkubationszeit von bis zu zwei Wochen, gegebenenfalls sogar länger, ausgegangen wird. In dieser Zeit spüren Infizierte noch keine Symptome, können die Krankheit aber bereits weitergeben. Außerdem lieben Erreger unsere globalisierte Welt und nutzen ihre Verbreitungswege.

Muss man sich nun in besonderer Weise schützen? "Nein", sagt der Experte, "in der alltäglichen Umgebung reichen normale Maßnahmen zum Infektionsschutz, etwa gründliches Händewaschen oder Handdesinfektion, weiterin aus." Das ist gerade ohnehin eine gute Idee, weil die Grippesaison in vollem Gange ist.