Wie Gymnastik die Lunge stärkt

Spezielles Training kräftigt die Atemmuskulatur und macht Patienten leistungsfähiger. Nicht für einen sportlichen Wettkampf, sondern für ihren Alltag

von Christian Krumm, 13.09.2018
Wie Atemgymnastik die Lunge stärkt

Sport am Reifen: Die Übungen trainieren Kraft, Koordination und Ausdauer


Blechern dröhnt die Musik aus dem Radiorekorder in der Turnhalle der Fürther Adalbert-Stifter-Grundschule. Im Takt eines flotten Popsongs der 80er-Jahre schwingt eine Gruppe von Frauen und Männern die Arme in weiten Kreisen. Die Bewegungen sehen recht einfach aus. Aber spätestens wenn die Teilnehmer in der Halle lockere Aufwärmrunden drehen, kommen viele ihrer Leistungsgrenze näher. Die Frauen und Männer in Sportkleidung leiden unter Lungenkrankheiten wie Asthma oder COPD, einer Bronchitis, die die Atemwege verengt.

Jeden Mittwoch treffen sie sich, um gemeinsam zu trainieren. Bewegung ist für Lungenpatienten mindestens genauso wichtig wie Medikamente. Das geht auch aus der aktuellen Behandlungsleitlinie für COPD hervor.

Zwischen Bett und Fernseher

Das Problem: Patienten mit Asthma oder COPD kommen viel leichter außer Atem als gesunde Menschen, weswegen sie sich auch weniger körperlich betätigen. Das hat wiederum zur Folge, dass die Muskulatur schwächer wird, die Kondition nachlässt, das Herz- Kreislauf-System weniger leisten kann – und die Patienten mitunter in eine Abwärtsspirale geraten. "Viele pendeln dann irgendwann nur noch zwischen Bettkante und Fernseher hin und her", sagt der Fürther Lungenarzt Professor Heinrich Worth. Spezielle Lungensport­angebote – wie hier in der Turnhalle – werden von den Krankenkassen bezahlt und sollen es den Betroffenen ermöglichen, den Teufelskreis zu durchbrechen.

Dass Lungenpatienten von aktiver Bewegung profitieren, ist wissenschaftlich schon lange gesichert. Zwar können sie die Lungenfunktion selbst nicht verbessern, dafür aber Kraft, Koordination und Ausdauer. "Das bewirkt, dass der Patient mit dem wenigen Sauerstoff, den er zur Verfügung hat, mehr machen kann", erklärt Pneumologe Worth. Untersuchungen zeigen, dass Patienten, die nach ihrer Reha an Sportangeboten teilnehmen, längere Strecken ohne Probleme schaffen. Wer dagegen nicht aktiv ist, baut eher ab.

Plaudern und Blutdruck messen

Einmal Training pro Woche ist gut. Doch Worth wünscht sich eigentlich, dass seine Patienten auch an den anderen Tagen etwas machen. Wandern zum Beispiel, Nordic Walking oder Schwimmen. Auch Kraft­sport sei keineswegs tabu: "Vor allem bei Patienten mit begrenzter Lungenleistung ist Kraftsport oft günstig, um voranzukommen." Es sei aber wichtig, unter Anleitung zu üben, sehr vorsichtig zu starten und das Training langsam zu intensivieren.

Nur von Wettkampfsport rät der Mediziner ab: "Erwachsene werden oft plötzlich ehrgeizig und überschätzen sich." Zudem erhöhen Stresshormone das Risiko für Herz- Kreislauf-Komplikationen.

Dass sich die Patienten in der Fürther Turnhalle nicht überfordern, dafür sorgt die Übungsleiterin Gerlinde Köhler. Um mit Atemwegserkrankten trainieren zu können, hat sie eine Spezialausbildung absolviert. Zu Beginn jeder Sportstunde misst sie den Blutdruck der Teilnehmer und kontrolliert ihren aktuellen Gesundheitszustand, um zu sehen, ob alle auch wirklich fit genug sind für die Bewegungseinheit.

Nachhilfe beim Peak-Flow-Meter

Dabei vergeht gerne mal eine Viertelstunde, ab und zu auch mehr. Man begrüßt einander, tauscht sich aus. "Ein bisschen Ratschen gehört halt dazu", sagt Köhler. Manchmal dauert es sogar noch etwas länger, bis der Schweiß fließt. Beispielsweise wenn Lungenmediziner Worth – wie heute – Nachhilfe mit dem Peak-Flow-Meter gibt, einem Messgerät zur Selbstkon­­trolle der Lungenleistung.

Worth betreut die Fürther Gruppe persönlich und nimmt selbst aktiv teil, wann immer er die Zeit dafür findet. Übungsleiterin Köhler ist dankbar für Beiträge wie diesen, der die Bewegung sinnvoll ergänzt: "Auch wer schon seit Jahren seine Lungenfunktion regelmäßig kontrolliert, macht nicht immer alles richtig. Da schleichen sich einfach Fehler ein."

Das Aufwärmen hat die Gruppe nun hinter sich, langsame Tanzmusik löst den schnellen Popsong ab. Mit Hula-Hoop-Reifen trainieren die Frauen und Männer ihre Atmung, gleichzeitig erfordern die Übungen auch Kraft in den Oberarmen.

Jeder im eigenen Tempo

Langsam kreisen die Reifen, dann werden die Bewegungen schneller. "Besonders für schwer erkrankte Patienten ist dieses spezielle Intervalltraining sinnvoller, weil sie sich nicht so leicht überfordern", erklärt Worth.

Gerade COPD-Patienten müssen beim Sport etwas vorsichtiger sein. Zu sehr sind ihre Atemwege von der Krankheit angegriffen. Angetrieben wird in der Lungensportgruppe deshalb niemand. Jeder bewegt sich, wie er kann, bleibt ganz in seiner eigenen Geschwindigkeit.

Das Training vermittelt zudem spezielle Übungen, die Brustkorb und Atemmuskulatur entspannen. Sie ermöglichen eine bessere und leichtere Atmung. Dazu gibt es Techniken, die helfen, bei Husten Schleim besser loszuwerden.

Leichter die Treppen hoch

Leider sind solche Lungensportangebote wie in Fürth noch nicht flächendeckend in Deutschland vorhanden. Adressen können Pneumologen oder Kliniken nennen. Im Internet gibt es sie unter www.lungensport.org.

Patienten merken meist schnell, wie sich die Bewegung positiv auf ihre Lebensqualität auswirkt. Der Gang zum Supermarkt fällt zunehmend leichter. Der Besuch beim Nachbarn, der eine Etage höher wohnt, ist kein Kraftakt mehr. Dafür wollen sie keine Sportstunde missen.