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Spahn rechnet mit Corona-Epidemie

Gesundheitsminister Spahn erwartet eine Corona-Epidemie in Deutschland. Die weltweite Entwicklung belastet zunehmend die Wirtschaft. Und einige Sportgroßveranstaltungen stehen auf der Kippe

von dpa, 27.02.2020
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

Jens Spahn am 26.2.2020 auf der Pressekonferenz zum Coronavirus


Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rechnet hierzulande mit einer Ausbreitung des Coronavirus. «Wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie in Deutschland», sagte der CDU-Politiker am Mittwoch in Berlin. «Die Infektionsketten sind teilweise - und das ist eine neue Qualität - nicht nachzuvollziehen.» Vor diesem Hintergrund sei es fraglich, ob die bisherige Strategie zum Eingrenzen des Virus und zum Beenden der Infektionsketten weiter aufgehe. In Deutschland waren seit Dienstagabend bis zum Mittwochabend neun Infektionen bekannt geworden. Die Epidemie schlägt zunehmend auch auf die Wirtschaft durch. Sportevents wie das Formel-1-Rennen in Vietnam und die Olympischen Spiele in Tokio sind ungewiss.

"Besser einmal mehr testen als zu wenig"

Spahn sagte, noch sei Deutschland in der Phase, mögliche Infektionen frühzeitig zu erkennen und Kontaktpersonen zu isolieren. Es könne aber die Phase eintreten, in der nicht alle Kontakte ermittelt werden könnten. Der Minister rief die Bevölkerung auf, nicht bei jedem Husten zum Arzt zu gehen. Aber die Bürger sollten ihren Hausarzt anrufen, wenn sie innerhalb von 14 Tagen nach einer Reise in ein Risikogebiet Fieber, Husten oder Atemnot hätten. Bei vorhandener Symptomatik und einem Verdacht solle besser einmal mehr auf das Virus getestet werden als einmal zu wenig.

Ein Patient in Nordrhein-Westfalen wurde in der Nacht zum Mittwoch in kritischem Zustand auf die Intensivstation der Uniklinik Düsseldorf gebracht. Der 47-Jährige war am Montag mit Symptomen einer schweren Lungenentzündung in einem Krankenhaus in Erkelenz bei Aachen auf der Intensivstation isoliert worden. Nach dpa-Informationen leidet er an einer Vorerkrankung. Die Uniklinik Düsseldorf behandelte auch seine 46-jährige Frau. Am Mittwochabend wurde bekannt, dass eine Mitarbeiterin des Mannes und deren Lebensgefährte ebenfalls infiziert sind.

Infektionsquelle des NRW-Ehepaars weiterhin unklar

Das Ehepaar habe in den vergangenen Tagen mit sehr vielen Menschen Kontakt gehabt, sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). Die Frau hat demnach als Kindergärtnerin noch bis Freitag gearbeitet. Die zwei Kinder des Paares zeigten bisher keine Symptome, sagte Laumann. Ein Test solle klären, ob sie infiziert seien. Auch die Kinder in dem Kindergarten, wo die Frau arbeitet, sollten getestet werden. Unklar war, wo sich das Ehepaar infiziert hat.

Unter den Patienten aus Baden-Württemberg war nach Angaben des Gesundheitsministeriums ein 25-Jähriger aus dem Landkreis Göppingen. Er habe sich vermutlich bei einer Reise nach Mailand mit Sars-CoV-2 infiziert und nach seiner Rückkehr grippeähnliche Symptome entwickelt. Er wird in einer Klinik in Göppingen behandelt.

Auch Oberarzt und Soldat betroffen

Bei den anderen Fällen handelt es sich nach Angaben der Uniklinik Tübingen um seine 24 Jahre alte Reisebegleiterin und deren 60-jährigen Vater. Dieser arbeitet als Oberarzt in der Pathologie der Uniklinik. Beide werden im Krankenhaus isoliert behandelt. «Sie sind in gutem Zustand und fühlen sich wohl», sagte Nisar Malek, Ärztlicher Direktor an der Medizinischen Klinik.

Zudem wurde das Virus bei einem 32-Jährigen im Landkreis Rottweil nachgewiesen, wie das Gesundheitsministerium in Stuttgart mitteilte. Er war kürzlich in Italien gewesen. In Rheinland-Pfalz wurde das Virus Sars-CoV-2, das die Lungenkrankheit Covid-19 auslösen kann, bei einem Soldaten nachgewiesen. Er werde im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz behandelt, teilte die Bundeswehr mit.

Server deutscher Behörden überlastet

Angesichts der Entwicklung stieg die Sorge der Bundesbürger, wie Zugriffszahlen auf Webseiten deutscher Gesundheitsbehörden zeigen. Vor dem Hintergrund des Coronavirus seien die Server überlastet, hieß es am Mittwoch auf Anfrage bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin schrieb auf Twitter: «Der Zugriff auf die RKI-Internetseite ist derzeit eingeschränkt, wegen stark erhöhter Zugriffszahlen.» Auch das Bundesgesundheitsministerium hatte auf Twitter von der eingeschränkten Verfügbarkeit der Web-Startseite berichtet.

Zunehmende Fälle in weiteren europäischen Ländern

Unterdessen wurden Fälle aus anderen europäischen Ländern wie Kroatien, Österreich, der Schweiz, Griechenland und Finnland bekannt. In Italien seien rund 400 Menschen infiziert und davon 12 gestorben, gab der Zivilschutz in Rom bekannt. In Frankreich starb ein 60-jähriger Franzose an Covid-19.

In Spanien, wo es bereits Fälle auf Inseln gegeben hatte, erreichte das Virus das Festland. Am Mittwoch gab es weitere Infektionen in Madrid, Sevilla, Barcelona, Castellón in Ostspanien und auf Teneriffa. Dort wurde ein Hotel mit rund 1000 Touristen - darunter auch Deutsche - praktisch unter Quarantäne gestellt.

Erste Infizierte in Brasilien und Algerien

In Brasilien wurde am Dienstag in São Paulo der erste Fall in Südamerika registriert, wie das Gesundheitsministerium mitteilte. Das Portal «G1» berichtete, der 61-Jährige sei zuvor nach Norditalien gereist.

Nach Ägypten meldete mit Algerien das zweite afrikanische Land einen Coronavirus-Fall. Der italienische Patient sei vorige Woche eingereist, teilte das Gesundheitsministerium mit.

Todesopfer in China, Iran und Südkorea

Im Iran stieg die Zahl der Covid-19-Toten auf 19, wie das Gesundheitsministerium bekanntgab. Demnach wurde das Virus bei insgesamt 135 Menschen aus verschiedenen Teilen des Landes bestätigt. In Südkorea kletterte die Zahl der Infektionen um 284 auf rund 1260 - darunter ein Soldat der US-Streitkräfte. Bisher brachten die Behörden zwölf Todesfälle mit dem Virus in Verbindung.

In China, dem Ursprungsland des Virus, stieg die Zahl der Todesopfer und Infizierten weiter. Wie die Pekinger Gesundheitskommission mitteilte, stieg die Gesamtzahl der Toten auf 2715. Die Zahl der nachgewiesenen Infektionen kletterte um 406 auf über 78 000. Sämtliche neuen Todesfälle und fast alle neuen Infektionen wurden aus der Provinz Hubei gemeldet, wo das Virus in der Millionenmetropole Wuhan ausgebrochen war.

Wirtschaft zunehmend beeinträchtigt

Die Epidemie beeinträchtigt auch zunehmend die Wirtschaft. Die weltgrößte Tourismusmesse ITB in Berlin verschärft wegen der Ausbreitung des Virus auf Anweisung der Gesundheitsbehörden die Vorgaben. Aussteller, die innerhalb der vergangenen 14 Tage in den jeweiligen Risikogebieten in China, Iran, Italien oder Südkorea waren, Kontakt zu einer infizierten Person hatten oder Anzeichen typischer Symptome wie Fieber, Husten oder Atembeschwerden haben, erhalten keinen Zutritt zum Messegelände, wie die Betreiber mitteilten.

Die EU-Kommission rechnet mit negativen Folgen des Coronavirus: «Wir werden Auswirkungen haben», sagte EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni. Für eine seriöse Vorhersage sei es aber noch zu früh.

Der Lufthansa-Konzern startete ein Programm zur Kostensenkung. Geplante Neueinstellungen werden derzeit überprüft, ausgesetzt oder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, wie das Unternehmen in Frankfurt ankündigte. Darüber hinaus sollen Mitarbeiter zu unbezahltem Urlaub und geringeren Arbeitsvolumen in Teilzeit bewegt werden. Die Lufthansa Group hat bis Ende März sämtliche Passagierflüge zum chinesischen Festland gestrichen.

Auswirkungen auf Sportveranstaltungen

Auch der Sport bekommt die Folgen der Epidemie zu spüren: Eine Absage des Formel-1-Rennens in Vietnam rückt näher. Ein Funktionär der Gastgeber-Stadt Hanoi schloss eine Streichung der Premiere der Motorsport-Königsklasse in dem Land nicht aus. «Wenn die Situation im März kompliziert wird, wenn es gestoppt werden muss, dann müssen wir es absagen», sagte der Präsident von Hanois Volkskomitee, Nguyen Duc Chung Chung. Die Premiere auf dem rund 5,6 Kilometer langen Kurs ist für den 5. April vorgesehen.

Auch eine Absage der Olympischen Spiele in Tokio könnte unter Umständen möglich sein. In diesem Fall wären die Veranstalter laut IOC-Mitglied John Coates finanziell ausreichend aufgestellt. «Die Spiele werden nicht abgesagt», sagte das australische Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees dem «Sydney Morning Herald». «Aber wenn die Spiele abgesagt werden, ist das IOC in der Lage, den Mitgliedersport und die NOCs (die Nationalen Olympischen Komitees) weiter zu finanzieren.» Coates ist Teil des IOC-Koordinierungsteams für die Tokio-Spiele.