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Coronavirus: So werden Infektionen entdeckt

Europa erlebt in Italien seinen ersten größeren Ausbruch von Covid-19. Um einen besseren Überblick über Infektionen in Deutschland zu bekommen, sollen Ärzte bei Verdacht auch auf das neuartige Virus testen

von Julia Rudorf, aktualisiert am 26.02.2020
Italien, Casalpusterlengo

Vorsichtsmaßnahmen in Italien, Casalpusterlengo: Auf dem Plakat vor der Bäckerei steht auf Italienisch «Achtung, nur vier Personen gleichzeitig im Laden»


Das neuartige Coronavirus breitet sich in Europa aus. Aus Italien sind über 300 Fälle bekannt. Italien ist damit das europäische Land mit den meisten erfassten Infektionen, auch in Österreich, Kroatien, Spanien und der Schweiz wurden neue Infektionen entdeckt. In Deutschland sind seit Dienstag zwei weitere Ansteckungen bekannt.

Unentdeckte Fälle in Deutschland?

Tatsächlich könnte SARS-CoV-2 weiter verbreitet sein, als bislang angenommen, sagte die Direktorin des  Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC), Andrea Ammon, der dpa: "Unsere Einschätzung ist, dass wir wahrscheinlich ähnliche Situationen in anderen Ländern in Europa sehen werden." Die hohe Zahl der Infektionen in Italien hänge auch damit zusammen, dass dort mehr überprüft wurde.  "Die Wahrscheinlichkeit, Fälle aufzudecken hängt davon ab, wie viel man testet." Nach den ersten Verdachtsfällen wurden die Bewohner in den betroffenen Zonen "a tappeto", also beinahe flächendeckend, auf das Virus getestet - also auch Menschen, die keine Symptome der Lungenkrankheit Covid-19 zeigten.

Corona, COVID, SARS & Co: Viele Namen, ein Virus

In den Medien ist vom Coronavirus oder "neuartigen Coronavirus" die Rede. Da es mehr als einen Coronavirus gibt wurde er in der Wissenschaft zuerst novel coronavirus 2019, kurz 2019–nCoV genannt. Danach bekam das Virus den offiziellen Namen "severe acute respiratory syndrome coronavirus 2" (SARS-CoV-2). Die von der WHO vergebene Bezeichnung Covid-19 bezeichnet die Lungenkrankheit, die das Virus auslöst.

In Deutschland hat das Robert-Koch-Institut auf die raschen Veränderungen der letzten Tage reagiert. Zum einen appelliert es an Ärzte, bei Patienten verstärkt auf mögliche Infektionen mit dem neuartigen Virus zu achten. Zu den Symptomen zählen etwa trockener Husten, Fieber und Atemnot, die jedoch auch bei anderen akuten Atemwegserkrankungen auftreten können. Patienten sollen deshalb auch nach Reisen, Covid-19-Risikogebiete in China oder Italien befragt werden. Außerdem weist das RKI darauf hin, dass die Ärzte gegebenenfalls Tests auf das Virus veranlassen sollen. Das gab das Institut am Montag, den 24. Februar bekannt.

Auf europäischer Ebene empfiehlt das ECDC nun Krankenhäuser Patienten mit milden oder schweren Atemwegsinfekten auf das neuartige Virus zu testen, wenn sie in den 14 Tagen vor der Erkrankung  entweder ein Risikogebiet bereist haben, oder engen Kontakt zu einem Patienten mit bestätigter oder vermuteter Covid-19 Erkrankung hatten.

Weitere Überwachung mit Stichproben

In Deutschland erfolgt eine weitere Überwachung mit Stichproben. Die Arbeitsgemeinschaft Influenza am RKI nutzt das sogenannte Sentinelsystem bislang vor allem zur Überwachung von Grippeviren. Dafür werden bundesweit Patienten mit akuten Atemwegserkrankungen auf Influenza- und Erkältungsviren getestet. Etwa 100 Arztpraxen senden regelmäßig Rachenabstriche von Patienten mit Grippesymptomen ein.

Wie das RKI ebenfalls am Dienstag bekannt gab, sollen die Stichproben nun auch das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 berücksichtigen. "Die erfolgte Integration von SARS-CoV-2 dient einer besseren Einschätzung der epidemiologischen Lage", sagt die Sprecherin des RKI, Susanne Glasmacher. Die Ergebnisse der Analysen werden in der Regel eine Woche später auf der Seite des Instituts publiziert. Die Publikation eventueller neuentdeckter Infektionen mit  SARS-CoV-2 dort ist ebenfalls geplant.

So funktioniert Virenüberwachung: Das Sentinelsystem

Infektionen mit dem Grippevirus werden in Deutschland schon seit 2006 durch die Arbeitsgemeinschaft Influenza mit einem sogenannten Sentinelsystem erfasst. 800 Hausarztpraxen engagieren sich dort ehrenamtlich, zusammen mit dem Robert-Koch-Institut in Berlin (RKI). Die Praxen  melden wöchentlich Fälle von sogenannten akuten Atemwegserkrankungen an das RKI. Etwa 100 Arztpraxen senden regelmäßig auch Rachenabstriche von Patienten mit Grippesymptomen ein.

Die Proben werden auf verschiedene Viren untersucht, die Grippe oder andere akute Atemwegserkrankungen wie Erkältungen auslösen können. Dazu gehörten bisher die aktuell im Umlauf befindlichen Influenzaviren, Synzytialviren, Parainfluenzaviren und humane Metapneumoviren. Aktuell analysiert das Referenzzentrum pro Woche ungefähr 180 Proben, die Ergebnisse werden in der Regel eine Woche später auf der Seite der Arbeitsgemeinschaft publiziert – und zwar immer zwischen der 40. bis zur 20. Kalenderwoche.

Mit Hilfe dieser Erhebungen und weiterer Datenquellen wird auf die gesamte Grippeaktivität in Deutschland geschlossen. Außerdem können durch die Laborergebnisse Rückschlüsse auf die jeweils zirkulierenden Influenzaviren gezogen werden. Die Daten dienen so unter anderem als Grundlage für die Entwicklung der Grippeimpfstoffe für die kommende Grippesaison.