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Coronavirus: Ist die Angst berechtigt?

China stellt Millionenstädte unter Quarantäne, Anrainerstaaten riegeln ihre Grenzen ab. Gleichzeitig scheint das neue Coronavirus kaum schlimmer als die Grippe. Wie passt das zusammen?

von dpa, 03.02.2020
Mundschutz Pilot Coronavirus Flughafen Wuhan

Pilot im Schutzanzug: Die Bilder von den Maßnahmen in China können auch hierzulande verstörend wirken


Die Grippe in Deutschland ist eine tödliche Seuche. Mehrere Zehntausend Tote und mehrere Millionen Erkrankte kann es nach Schätzungen bei heftigen Wellen geben. Daneben wirkt das neue Coronavirus schon fast harmlos. Trotzdem ist die Welt in Aufregung, drastische Maßnahmen sind die Folge. Dem liegen begründete Sorgen zugrunde - aber auch Emotionen.

Kampf gegen die Pandemie

Experten hätten am liebsten, dass das neue Virus wieder völlig verschwindet. Sie wollen mit allen zur Verfügung stehen Maßnahmen verhindern, dass ein neuer, für einige Patienten tödlicher Erreger sich in der Weltbevölkerung einnistet. Auch nach Einschätzung des  Robert Koch-Instituts ist es entscheidend, zu verhindern, dass das Virus sich in den Menschen festsetzt. Ansonsten gebe es dauerhaft ein weiteres Virus, das schwere Atemwegserkrankungen verursachen könne, sagt eine Sprecherin.

Hinzu kommt, dass das Virus neu ist und noch nicht ausführlich erforscht. «Solange man eben nicht abschließend etwas weiß über ein solches Virus, ist immer größtmögliche Vorsicht angesagt», sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag im ARD-Morgenmagazin mit Blick auf Bilder von Klinikpersonal in Sicherheitsanzügen.

Zeit gewinnen für Gegenmaßnahmen

Die Maßnahmen zur Eindämmung - China riegelt Millionenstädte ab, Staaten schließen Grenzen, Infizierte werden isoliert - zielten darauf ab, möglichst viele weitere Krankheitsfälle zu verhindern, sagt Bernd Salzberger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Es gehe auch darum, Zeit zu gewinnen: «Je langsamer das geht, umso mehr wissen wir über Gegenmaßnahmen wie zum Beispiel antivirale Medikamente - die in China auch eingesetzt werden - und schaffen vielleicht auch die Entwicklung einer Impfung.»

Forscher in Rom isolieren Coronavirus

Italienische Forscher haben nach Medienberichten das Coronavirus isoliert. «Das ist international eine wichtige Nachricht. Sie bedeutet, dass es mehr Möglichkeiten gibt, es zu verstehen und zu studieren, um es eindämmen zu können», sagte der italienische Gesundheitsminister Roberto Speranza am Sonntag. Die Ergebnisse der Wissenschaftler vom nationalen Institut für Infektionskrankheiten Lazzaro Spallanzani in Rom würden der internationalen Gemeinschaft für weitere Forschungen zur Verfügung gestellt. Australische Forscher hatten bereits vor einigen Tagen im Labor das Coronavirus nachgezüchtet.

Neben diesen wissenschaftlichen Gründen, gibt es bei den Sorgen auch eine emotionale Komponente. Die Bilder aus China, wo das neue Coronavirus zuerst aufgetreten ist, wirken drastisch. Städte sind wie leer gefegt, Millionen Menschen von der Außenwelt abgeschottet. Dass man nur wenig über das Virus wisse und zudem Menschen gestorben seien, begünstige eine hohe Risikowahrnehmung, sagt Michael Siegrist, Experte für Risikowahrnehmung an der ETH Zürich.

Psychologische Aspekte nicht unterschätzen

Der psychologische Effekt durch Angst und die Wahrnehmung von Bedrohung sei nicht zu unterschätzten - das gelte auch für Behörden, ergänzt Sonia Lippke, Gesundheitspsychologin an der Jacobs University Bremen. Die chinesischen Behörden scheinen Lippke zufolge Bedenken zu haben, dass die Bevölkerung das Vertrauen verliert - und dass andere Länder die chinesische Regierung für inkompetent halten. So komme es zu Maßnahmen, die «in Deutschland nicht üblich wären». Die WHO hatte die Reaktion Chinas auf das Virus ausdrücklich gelobt.

Bislang haben sich mehr als 17 000 Menschen mit dem neuen Virus infiziert. Die allermeisten davon in China. Mehr als 360 sind gestorben. Was macht das mit den Menschen? «Die Zunahme der Fälle, vor allem in China, wirkt erst einmal so, als ob die Situation nicht unter Kontrolle ist», sagt Infektiologe Salzberger. Man hat etwas nicht unter Kontrolle - vielen Menschen macht diese Vorstellung Angst.

An Grippewellen sind wir gewohnt

Zugleich wirkten sich die Bilder aus dem abgeriegelten Wuhan aus, sagt der Göttinger Angstforscher Professor Borwin Bandelow. Die Menschen sagten sich: «Die machen das ja nicht ohne Grund». Dabei kann Angst entstehen, die aber nicht begründet sein muss. Bandelow sagt: «Angst ist nicht gut in Statistik.»

Um die Grippe wird im Allgemeinen weniger Gewese gemacht als um das Coronavirus. «Daran haben wir uns gewöhnt», erklärt Salzberger. Bandelow sagt: «Die meisten Menschen kriegen eine Grippe und wissen, dass sie nach 14 Tagen vorbei ist. Sie denken nicht daran, dass man an der Grippe sterben kann.»

WHO besorgt über «massive Infodemie»

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich besorgt gezeigt über die Informationsflut zum Coronavirus. Der Ausbruch des Erregers 2019-nCoV sei von einer «massiven Infodemie», einer Überschwemmung an Informationen begleitet worden, teilte sie am Sonntagabend in Genf. Einige Informationen seien korrekt, andere nicht.

Da die Flut an Informationen es vielen Menschen schwer mache, zwischen Mythen und Fakten zu unterscheiden, hat die WHO eine große Informationskampagne auf Facebook, Twitter und anderen sozialen Medien gestartet. Darin beantwortet sie etwa Fragen wie: Kann das Essen von Knoblauch gegen das Coronavirus helfen. Antwort: Dafür gibt es keinen Beleg.

Auch der Rauch von Feuerwerk helfe nicht gegen den Erreger, schreibt die WHO. Die Annahmen von Briefen oder Päckchen aus China sei hingegen ungefährlich. Das Virus überlebe nicht lange auf solchen Objekten. Auf einer gesonderte Webseite rät die WHO unter anderem zum regelmäßigen Händewaschen, auch wenn die Hände «nicht sichtbar dreckig» seien. Erkrankte sollten in die Armbeuge oder in ein Taschentuch niesen und letzteres in einen geschlossen Abfalleimer werfen.