Lumbalpunktion (Liquorpunktion)

Gehirn und Rückenmark sind von Nervenwasser umgeben, dem Liquor. Eine Lumbalpunktion zapft Liquor ab für die Untersuchung im Labor, die sogenannte Liquordiagnostik
von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 17.03.2014

Der Arzt führt bei der Lumbalpunktion die Punktionskanüle oft zwischen dem 4. und 5. Lendenwirbel ein

W&B/Martina Ibelherr

Der Name Lumbalpunktion bedeutet, dass der Arzt mit einer Hohlnadel Nervenwasser im Bereich der Lendenwirbelsäule aus dem Wirbelkanal entnimmt. Dieses wird im Rahmen der Liquordiagnostik untersucht: Schon der bloße Anblick des Nervenwassers liefert dem geschulten Auge erste Hinweise. Beim gesunden Menschen ist das Nervenwasser klar. Eine rötliche Verfärbung weist auf frische Blutungen hin, eine gelbliche Verfärbung auf ältere Blutungen. Außerdem kann das Nervenwasser bei Entzündungen eingetrübt sein. Für die genaue Analyse der Inhaltsstoffe ist dann ein Labor zuständig.

Dient die Lumbalpunktion auch der Behandlung?

Zuweilen wird die Lumbalpunktion nicht nur zur Untersuchung, sondern auch zur Behandlung eingesetzt. Beispielsweise können Medikamente auf diesem Weg das Rückenmark viel direkter erreichen als über das Blut. Das liegt an der sogenannten Blut-Hirn-Schranke, die bestimmte Arzneien nur schwer überwinden. Ein Beispiel sind Chemotherapeutika zur Behandlung von Tumoren.

Außerdem nützt die Lumbalpunktion in Form der Lumbalanästhesie (auch: Spinalanästhesie) zur Schmerzstillung bei chirurgischen Eingriffen, beispielsweise einem Kaiserschnitt oder einer Hüftoperation.

Auch bei einem sogenannten spontanen Liquorunterdrucksyndrom mit quälenden Kopfschmerzen in aufrechter Position kann der Arzt durch eine Lumbalpunktion mit Injektion von mindestens 20 Millilitern Eigenblut direkt vor dem Liquorraum eine erlösende Linderung verschaffen.

Bei welchen Krankheiten ist eine Lumbalpunktion nützlich?

Veränderungen der Zusammensetzung des Nervenwassers gibt es bei zahlreichen Erkrankungen von Gehirn und Rückenmark. Beispielsweise sind bei akuten, durch Bakterien verursachten Entzündungen des Gehirns und der Gehirnhäute unter Umständen die Keime nachweisbar. Aber auch langdauernde entzündliche Krankheiten wie die Multiple Sklerose verändern das Nervenwasser charakteristisch: In diesem Fall häufen sich bestimmte Eiweiße (Proteine) und Entzündungszellen an. Auch bösartige Erkrankungen wie ein Krebsbefall der Hirnhaut sowie der Verdacht auf Blutungen in der Nachbarschaft des Nervenwasserbereichs (vor allem die Subarachnoidalblutung) sind ein Einsatzgebiet für die Lumbalpunktion.

In welcher Haltung erfolgt die Lumbalpunktion?

Entweder sitzt der Patient vornübergebeugt auf der Untersuchungsliege. Oder er nimmt im Liegen in Seitenlage die Embryonalstellung ein, so dass sich Ellenbogen und Knie berühren. Dabei sollte er so mit Kissen unterstützt werden, dass sich der Kopf auf der gleichen Höhe befindet wie die spätere Punktionsstelle im unteren Rückenbereich. Außerdem ist wichtig, dass beim Patienten in dieser waagerechten Haltung die Schultern senkrecht stehen, damit sich die Wirbelsäule nicht verdreht. Die starke Beugung der Wirbelsäule bewirkt, dass zwischen den Wirbeln genug Platz ist für das Einführen der Nadel.

Wie läuft die Lumbalpunktion ab?

Zunächst desinfiziert der Arzt die Haut und setzt falls gewünscht per Spritze eine örtliche Betäubung. Wenn diese Betäubung nach etwa zwei Minuten ihre vollständige Wirkung entfaltet hat, führt er die Punktionsnadel zwischen zwei Lendenwirbeln ein. Im Normalfall wählt er einen Wirbelzwischenraum  zwischen dem dritten und fünften Lendenwirbel. In dieser Höhe ist das Rückenmark bereits zu Ende, es besteht also keine Verletzungsgefahr durch die Punktionsnadel. Wenn der Wirbelkanal erreicht ist, beginnt Nervenwasser aus der Nadel zu tropfen. Mit einem sogenannten Steigrohr kann dabei auch der Nervenwasserdruck ermittelt werden. Wenn der Arzt genug Nervenwasser für die Laboruntersuchung entnommen hat, zieht er die Nadel zurück.

Mit welchen Risiken geht die Lumbalpunktion einher?

Schwerere Folgen wie Blutungen oder gar Infektionen sind nach einer Lumbalpunktion extrem selten. Erfolgt die Punktion nach allen Regeln der ärztlichen Kunst mit Verwendung von atraumatischen Nadeln, besteht nur ein geringes Risiko von circa einem Prozent für einen sogenannten postpunktionellen Kopfschmerz. Dieser vorübergehende Kopfschmerz tritt nur in aufrechter Körperhaltung auf. Beim Liegen lässt er stark nach. Dieser Schmerz kann ein paar Tage anhalten, ganz selten auch Wochen. Hin und wieder begleiten ihn im Rahmen des Nervenwasser-Unterdrucksyndroms auch Schwindel, Übelkeit, Nackensteifigkeit, Lichtscheu oder Ohrgeräusche. Schmerzmittel helfen beim postpunktionellen Kopfschmerz nicht, gering wirksam sind Koffein und Theophyllin. Die wirksamste Methode, den postpunktionellen Kopfschmerz innerhalb einer halben Stunde zu beenden, ist der sogenannte Blutpatch. Bei dieser Methode verschließt der Arzt mit mindestens 20 ml Eigenblut des Patienten das durch die Punktion entstandene Liquorleck. Eine Blutpatchbehandlung direkt im Anschluss an die Lumbalpunktion, um erst gar keinen Kopfschmerz auftreten zu lassen, stellte sich als unwirksam heraus.

Darüber hinaus gibt es auch vorübergehende Schmerzempfindungen rund um die Stelle der Punktion mit Ausstrahlung in die Hüftregion.

Wann sollte eine Lumbalpunktion nicht erfolgen?

Wenn eine stark erhöhte Blutungsneigung besteht oder der Patient Substanzen eingenommen hat, welche die Blutgerinnung hemmen, besteht eventuell eine zu große Gefahr von Blutungen durch die Punktion. Der Arzt führt die Punktion ebenfalls nicht durch, falls im Bereich der Punktionsstelle auf der Haut oder darunter eine Entzündung vorliegt. Auch bei Verdacht auf einen erhöhten Druck im Gehirn muss er von einer Lumbalpunktion absehen. Denn andernfalls droht durch das abgezapfte Nervenwasser eine Einklemmung des verlängerten Rückenmarks. Ob ein erhöhter Hirndruck vorliegt, kann bei entsprechenden Symptomen eine Computertomografie oder Kernspintomografie des Kopfes klären.

W&B/Privat

Beratende Expertin: Privatdozentin Dr. med. Ilonka Eisensehr, Fachärztin für Neurologie. Sie studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie der Tufts University Boston und habilitierte sich an der Universität München über das Dopaminsystem und Schlaf-bezogene Bewegungsstörungen. Sie ist in eigener neurologischer Praxis in München tätig, außerdem Mitglied des Lehrkörpers der Universität München. Sie verfasste zahlreiche Publikationen zum Thema Dopaminsystem, Schlafmedizin und Epilepsie und ist Mitglied in vielen wissenschaftlichen Gremien. Ihre Schwerpunkte sind: Neurologische Diagnostik, Diagnostik und Behandlung von Bewegungsstörungen, Schlafstörungen sowie des Restless-Legs-Syndroms, außerdem Schlaganfall-Check inklusive Farbduplexsonographie.

Quellen:

1. Mattle H, Mumenthaler M: Neurologie, 13. Auflage. Stuttgart New Yorg Georg Thieme Verlag 2013

2. Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Diagnostik und Therapie des postpunktionellen und spontanen Liquorunterdruck-Syndroms, Leitlinie 09/2012. Online: http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-113l_S1_Liquorunterdruck-Syndrom_2012.pdf (Abgerufen am 11.07.2013)

3. Strupp M, Schueler O, Straube A et al.: "Atraumatic" Sprotte needle reduces the incidence of post-lumbar puncture headaches. In: Neurology 2005, 57 (12): 2310-2

4. Strupp M, Brandt T, Müller A: Incidence of post-lumbar puncture syndrome reduced by reinserting the stylet: a randomized prospective study of 600 patients. In: Neurology 1998, 245(9): 589-92

5. Grygorczuk S, Pancewicz S, Zajkowska J et al.: Post-lumbar puncture syndrome-its pathogenesis, prophylaxis and treatment. In: Neurol Neurochir Pol. 2006, 40(5): 434-40


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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