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Lumbalpunktion (Liquorpunktion)

Gehirn und Rückenmark sind von Nervenwasser umgeben, dem Liquor. Durch eine Lumbalpunktion wird Liquor gewonnen für die Untersuchung im Labor, die sogenannte Liquordiagnostik

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 03.07.2019

Unser Video zeigt, wie eine Lumbalpunktion abläuft


Lumbalpunktion - kurz erklärt

Der Name Lumbalpunktion bedeutet, dass der Arzt mit einer Hohlnadel Nervenwasser im Bereich der Lendenwirbelsäule aus dem Wirbelkanal entnimmt. Dieses wird im Rahmen der Liquordiagnostik untersucht: Schon der bloße Anblick des Nervenwassers liefert dem geschulten Auge erste Hinweise. Beim gesunden Menschen ist das Nervenwasser klar. Eine rötliche Verfärbung weist auf frische Blutungen hin, eine gelbliche Verfärbung auf ältere Blutungen. Außerdem kann das Nervenwasser bei Entzündungen eingetrübt sein. Für die genaue Analyse der Inhaltsstoffe ist dann ein Labor zuständig.

Wann ist eine Liquoruntersuchung nötig?

Veränderungen der Zusammensetzung des Nervenwassers gibt es bei zahlreichen Erkrankungen von Gehirn und Rückenmark. Bei folgenden Krankheitsbildern hilft die Liquordiagnostik bei der Diagnose:

  • Entzündungen des Gehirns und der Gehirnhäute (Enzephalitis und Meningitis) - hier können unter Umstände die verantwortlichen Keime nachweisbar sein
  • Multiple Sklerose – bei dieser langandauernden, entzündlichen Erkrankung, die durch eine Überreaktion des eigenen Immunsystems verursacht wird, häufen sich bestimmte Eiweiße (Proteine) und Entzündungszellen im Liquor an
  • Krebsbefall der Hirnhaut
  • Blutungen in der Nachbarschaft des Nervenwasserbereichs, vor allem Subarachnoidalblutungen

Wie läuft die Lumbalpunktion ab?

Zunächst überprüft der Arzt, ob nichts gegen die Punktion spricht. Eine Gegenanzeige könnte zum Beispiel eine erhöhte Blutungsgefahr sein. Außerdem muss der Patient vorher über den Eingriff aufgeklärt werden und seine schriftliche Einwilligung dazu geben.

In welcher Haltung erfolgt die Lumbalpunktion?

Der Patient sollte einen möglichst runden Rücken machen (wie ein „Katzenbuckel“). Entweder sitzt er vornübergebeugt auf der Untersuchungsliege, oder er nimmt im Liegen in Seitenlage die Embryonalstellung ein, so dass sich Ellenbogen und Knie berühren. Dabei sollte er so mit Kissen unterstützt werden, dass sich der Kopf auf der gleichen Höhe befindet wie die spätere Punktionsstelle im unteren Rückenbereich. Außerdem ist wichtig, dass beim Patienten in dieser waagerechten Haltung die Schultern senkrecht stehen, damit sich die Wirbelsäule nicht verdreht. Die starke Beugung der Wirbelsäule bewirkt, dass zwischen den Wirbeln genug Platz ist für das Einführen der Nadel.

Die Punktion darf nur von einem sehr erfahrenen Arzt, der diese Technik sicher beherrscht durchgeführt oder angeleitet werden. Es wird unter „sterilen Bedingungen“ gearbeitet, das bedeutet die Haut wird gründlich desinfiziert und die Hautstelle wird mit einem sterilen Tuch abgeklebt. Dann folgt per Spritze eine örtliche Betäubung. Wenn diese Betäubung nach etwa zwei Minuten ihre vollständige Wirkung entfaltet hat, führt der Arzt die Punktionsnadel zwischen zwei Lendenwirbeln ein. Im Normalfall wählt er einen Wirbelzwischenraum  zwischen dem dritten und fünften Lendenwirbel. In dieser Höhe und weiter abwärts ist kein Rückenmark mehr vorhanden, es besteht also keine Verletzungsgefahr durch die Punktionsnadel. Wenn der Wirbelkanal erreicht ist, beginnt Nervenwasser aus der Nadel zu tropfen. Mit einem sogenannten Steigrohr kann dabei auch der Nervenwasserdruck ermittelt werden. Wenn der Arzt genug Nervenwasser für die Laboruntersuchung entnommen hat, zieht er die Nadel zurück und die kleine Einstichstelle wird mit einem Wundpflaster versorgt.

So läuft eine Lumbalpunktion ab

Welche Risiken gibt es?

Schwerere Folgen wie Blutungen oder gar Infektionen sind nach einer Lumbalpunktion extrem selten. Erfolgt die Punktion nach allen Regeln der ärztlichen Kunst mit Verwendung von atraumatischen Nadeln und einem speziellen Vorgehen während der Punktion, so besteht nur ein geringes Risiko von circa einem Prozent für einen sogenannten postpunktionellen Kopfschmerz. Einige Faktoren begünstigen diesen aber:

  • junges Alter
  • weibliches Geschlecht
  • häufige Kopfschmerzen im Alltag

Der vorübergehende Kopfschmerz nach Punktion tritt nur in aufrechter Körperhaltung auf. Beim Liegen lässt er nach. Dieser Schmerz kann ein paar Tage anhalten, ganz selten auch Wochen. Kommen noch weitere Beschwerden hinzu, spricht man vom Nervenwasser-Unterdrucksyndrom. Dazu gehören:

Schmerzmittel helfen beim postpunktionellen Kopfschmerz nicht, gering wirksam sind Koffein und Theophyllin. Die wirksamste Methode, den postpunktionellen Kopfschmerz innerhalb einer halben Stunde zu beenden, ist der sogenannte Blutpatch. Bei dieser Methode verschließt der Arzt mit mindestens 20 Milliliter Eigenblut des Patienten das durch die Punktion entstandene Liquorleck. Eine Blutpatchbehandlung direkt im Anschluss an die Lumbalpunktion, um erst gar keinen Kopfschmerz auftreten zu lassen, stellte sich als unwirksam heraus.

Darüber hinaus gibt es manchmal auch vorübergehende Schmerzempfindungen rund um die Stelle der Punktion mit Ausstrahlung in die Hüftregion.

Gegenanzeigen: Wann sollte eine Lumbalpunktion nicht erfolgen?

  • Bei Blutungsneigung: Wenn eine stark erhöhte Blutungsneigung besteht, oder der Patient Substanzen eingenommen hat, welche die Blutgerinnung hemmen. Dann besteht eine zu große Gefahr von Blutungen durch die Punktion.
  • Bei Entzündung: Ist die Haut oder das umgebende Gewebe in der Nähe der Punktionsstelle entzündet, wird in aller Regel keine Punktion vorgenommen.
  • Bei erhöhtem Druck im Gehirn: Auch in diesem Fall muss auf eine Lumbalpunktion verzichtet werden. Andernfalls droht durch das abgezapfte Nervenwasser eine Einklemmung des verlängerten Rückenmarks am Übergang des Schädels zur Wirbelsäule. Ob ein erhöhter Hirndruck vorliegt, kann bei entsprechenden Symptomen eine Computertomografie oder Kernspintomografie des Kopfes klären.

Dient die Lumbalpunktion auch der Behandlung?

Zuweilen wird die Lumbalpunktion nicht nur zur Untersuchung, sondern auch zur Behandlung eingesetzt:

  • Medikamentengabe:  Auf diesem Weg wird das Rückenmark viel direkter erreicht als über das Blut. Das liegt an der sogenannten Blut-Hirn-Schranke, die bestimmte Arzneien nur schwer überwinden. Ein Beispiel sind Chemotherapeutika zur Behandlung von Tumoren.
  • Schmerzstillung bei chirurgischen Eingriffen: Die Lumbalpunktion nützt in Form der Lumbalanästhesie (auch: Spinalanästhesie) beispielsweise bei einem Kaiserschnitt oder einer Hüftoperation.
  • Therapie bei quälenden Kopfschmerzen: Auch bei einem sogenannten spontanen Liquorunterdrucksyndrom mit sehr starken Kopfschmerzen in aufrechter Position kann der Arzt durch eine Lumbalpunktion mit Injektion von mindestens 20 Millilitern Eigenblut direkt vor dem Liquorraum eine erlösende Linderung verschaffen.
Privatdozentin Dr. med. Ilonka Eisensehr

Beratende Expertin: Privatdozentin Dr. med. Ilonka Eisensehr, Fachärztin für Neurologie. Sie studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie der Tufts University Boston und habilitierte sich an der Universität München über das Dopaminsystem und Schlaf-bezogene Bewegungsstörungen. Sie ist in eigener neurologischer Praxis in München tätig, außerdem Mitglied des Lehrkörpers der Universität München. Sie verfasste zahlreiche Publikationen zum Thema Dopaminsystem, Schlafmedizin und Epilepsie und ist Mitglied in vielen wissenschaftlichen Gremien. Ihre Schwerpunkte sind: Neurologische Diagnostik, Diagnostik und Behandlung von Bewegungsstörungen, Schlafstörungen sowie des Restless-Legs-Syndroms, außerdem Schlaganfall-Check inklusive Farbduplexsonographie.

Quellen:

1. Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Diagnostische Liquorpunktion, Leitlinie 09/12. Online: https://www.dgn.org/component/content/article/45-leitlinien-der-dgn-2012/2424-ll-84-2012-diagnostische-liquorpunktion.html?q=liquorpunktion (Abgerufen am 08.05.2019)

2. Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Diagnostik und Therapie des postpunktionellen und spontanen Liquorunterdruck-Syndroms, Leitlinie 11/18. Online: https://www.dgn.org/leitlinien/3659-ll-030-113-diagnostik-und-therapie-des-postpunktionellen-und-spontanen-liquorunterdruck-syndroms-2018#therapie (Abgerufen am 08.05.2019)

3. Mattle H, Mumenthaler M: Neurologie, 13. Auflage. Stuttgart New Yorg Georg Thieme Verlag 2013

4. Nath S, Koziarz A, Badhiwala JH: Atraumatic versus conventional lumbar puncture needles: a systematic review and meta-analysis. In: Lancet 2018, 391 (10126): 1197-1204

5. Arevalo‐Rodriguez I, Muñoz L, Godoy‐Casasbuenas N et al: Needle gauge and tip designs for preventing post‐dural puncture headache (PDPH). Cochrane Database of Systematic Reviews 2017, Issue 4. Art. No.: CD010807. DOI: 10.1002/14651858.CD010807.pub2.

6. Arbeitskreis "Krankenhaus- & Praxishygiene" der AWMF: Hygienemaßnahmen bei Liquorpunktionen, Liquorableitungen und Injektionen am ZNS Leitlinie 04/11. Online: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/029-041l_S1_Hygienemassnahmen_bei_Liquorpunktionen_Liquorableitungen_Injektionen_am_ZNS_01.pdf

7. Neurology. 2001 Dec 26;57(12):2310-2."Atraumatic" Sprotte needle reduces the incidence of post-lumbar puncture headaches.
Strupp M, Schueler O, Straube A, Von Stuckrad-Barre S, Brandt T.

8. J Neurol. 1998 Sep;245(9):589-92.Incidence of post-lumbar puncture syndrome reduced by reinserting the stylet: a randomized prospective study of 600 patients.Strupp M, Brandt T, Müller A.

9. Neurol Neurochir Pol. 2006 Sep-Oct;40(5):434-40.[Post-lumbar puncture syndrome--its pathogenesis, prophylaxis and treatment].
[Article in Polish]Grygorczuk S, Pancewicz S, Zajkowska J, Kondrusik M, Hermanowska-Szpakowicz T.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.