Luftröhrenschnitt: Gefährlicher Film-Mythos

Ein Luftröhrenschnitt kann Menschen vor dem Ersticken bewahren. Laien sollten davon aber unbedingt die Finger lassen und nicht – wie im Film – mit Kugelschreiber oder Messer Hand anlegen

von Ulrich Kraft, 06.08.2014

Den Kugelschreiber in den Hals bohren, um einen Menschen vor dem Ersticken zu retten? Keine gute Idee, sagen Ärzte


Wie es die Wespe in den Rachen von Steven Cale geschafft hat, obwohl dessen Lippen das Mundstück einer Taucherflasche fest umschließen, bleibt im Hollywood-Streifen "Anaconda" ein Rätsel. Die Folgen sind jedenfalls dramatisch. Das Insekt sticht zu, der Anthropologe bekommt keine Luft und verliert das Bewusstsein – mitten im Amazonas-Dschungel und damit fernab von jeglicher ärztlicher Hilfe. Was tun? Rettung naht in Gestalt des zwielichtigen Paul Sarone. Der Schlangenjäger schneidet mit dem Messer einen Schlitz in die Luftröhre, in den er eine mit Whiskey desinfizierte Kugelschreiber-Hülle steckt, durch die Cale dann atmen kann. "Das war’s, bald ist er wieder okay", sagt der Schlangenjäger ganz nonchalant.

Taschenmesser, Strohhalm, Kugelschreiber – nicht nachmachen!

In Spielfilmen und Serien gibt es eine ganze Reihe von Szenen, in denen medizinische Laien unter Zuhilfenahme von Taschenmesser, Strohhalm oder besagtem Kugelschreiber einen Luftröhrenschnitt vornehmen – und damit Menschenleben retten. Patrick Burkhardt von den Havelland Kliniken in Nauen rät jedoch dringend davon ab, sich diese Heldentaten von Schauspielern im echten Leben zum Vorbild zu nehmen. "Ohne ärztliches Wissen und anatomische Kenntnisse ist die Gefahr, dabei Schaden anzurichten, viel zu groß", meint der Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin. "Davon abgesehen ist ein notfallmäßig durchgeführter Luftröhrenschnitt auch nur selten wirklich notwendig."

Wann kommt ein Luftröhrenschnitt überhaupt infrage?

Grundsätzlich kommt dieser auch als Koniotomie bezeichnete Noteingriff dann infrage, wenn der natürliche Atemweg im Bereich des Kehlkopfes und darüber so verlegt ist, dass die betroffene Person zu ersticken droht und es keine andere Möglichkeit gibt, die Luftzufuhr wiederherzustellen. Mögliche Ursachen für eine solche Luftnot sind unter anderem schwere Unfälle mit Verlagerung von Knochenteilen sowie starke Schwellungen der Rachen- und Kehlkopfschleimhaut durch Insektenstiche und allergische Reaktionen.

Bei akuter Atemnot Rettungsdienst rufen

"Bei Atemproblemen und akuter Luftnot sollte man immer sofort den Rettungsdienst rufen – unabhängig von der Ursache", sagt Notfallmediziner Patrick Burkhardt. Setzt die Atmung ganz aus, muss umgehend mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen werden. Wenn der Notarzt eintrifft, versucht er zuerst, den Patienten auf konventionelle Weise zu beatmen – also mit einer Maske oder per Intubation.

Erst wenn es mit diesen Methoden nicht gelingt, die Atmung zu sichern und eine ausreichende Sauerstoffversorgung zu gewährleisten, darf ein Luftröhrenschnitt überhaupt in Erwägung gezogen werden. "In solchen cannot-intubate-cannot-ventilate-Situationen ist die Koniotomie das Mittel der Wahl – als letzter Ausweg, um den Erstickungstod zu verhindern", erläutert Burkhardt. "Der Arzt schafft dabei einen künstlichen Zugang zur Luftröhre, über den er seinen Patienten dann beatmen kann."

Luftröhrenschnitt: Was macht der Arzt?

Bei der klassischen Notfallkoniotomie wird zunächst die Haut unterhalb des Kehlkopfes auf etwa drei Zentimeter Länge in vertikaler Richtung eingeschnitten. Der Patient liegt dabei auf dem Rücken, mit maximal nach hinten geneigtem Kopf. Anschließend durchtrennt der Arzt mit einem horizontalen Schnitt ein Band, das sogenannte Ligamentum conicum, das sich zwischen Schild- und Ringknorpel befindet. In die dabei entstehende Öffnung der Luftröhre wird dann ein Beatmungsschlauch (Tubus) eingelegt.

Eine alternative Methode, die Notärzte heute meist einsetzen, ist die Luftröhrenpunktion. Dabei wird das Ligamentum conicum mit einer Hohlnadel durchstochen, über die dann ein Führungsdraht in die Luftröhre eingebracht wird. Um diesen Führungsdraht schiebt man dann den Beatmungsschlauch vor.

Luftröhrenschnitt per Kugelschreiber? Viel zu stumpf!

Das Ligamentum conicum mit einem Kugelschreiber zu durchstoßen, wie es in manchen Filmen gezeigt wird, und das ohne dabei schwere Schäden anzurichten, ist übrigens ein Ding der Unmöglichkeit. Für derart stumpfes Gerät ist dieses Gewebeband viel zu fest. Zumindest ein scharfes Messer ist für eine Koniotomie nötig. Und ein Gegenstand, der verhindert, dass die Öffnung sich wieder verschließt. Eine Kugelschreiberhülle eignet sich dazu nur bedingt, weil durch die kleinen Löcher nicht viel Luft hindurch kommt. "Besser ist, den Schnitt mit einem Häkchen aufzuziehen und offen zu halten", sagt Patrick Burkhardt.

Gefahren einer Koniotomie

Der Notfallmediziner verweist darauf, dass sich selbst erfahrene Ärzte eine chirurgische Koniotomie oft nicht zutrauen. Allein das sollte Laien schon davon abhalten, diesen Noteingriff auf eigene Faust durchzuführen. Im schlimmsten Fall schneiden sie dabei versehentlich in eine der beiden Halsschlagadern (Arteria carotis), die seitlich an der Luftröhre entlang laufen. Dann kann der Patient binnen kürzester Zeit verbluten. Auch Verletzungen der Schilddrüse können starke Blutungen nach sich ziehen. Eine weitere Gefahr besteht darin, den an der Luftröhre zum Kehlkopf ziehenden Nervus laryngeus recurrens zu durchtrennen, der unter anderem die Stimmbänder steuert. Einseitige Schädigungen führen zu einer dauerhaft heiseren Stimme. Werden sowohl der rechte als auch der linke Stimmnerv durchgeschnitten, kommt es zu zusätzlichen Atemschwierigkeiten, da die dann gelähmten Stimmbänder den Eingang der Luftröhre verschließen.

Für Laien gilt – Hände weg!

Es gibt also Gründe genug, warum Menschen ohne abgeschlossenes Medizinstudium keinen Luftröhrenschnitt machen sollten. Wenn Hollywood-Filme wie "Anaconda" dem Kinopublikum suggerieren, dass Laien den Eingriff vornehmen können, sei das ebenso falsch wie verantwortungslos, meint Patrick Burkhardt. Glücklicherweise steht zwischen Theorie und Praxis noch ein meist unüberwindbares Hindernis, verrät der erfahrene Notarzt. "Wenn man das noch nie gemacht hat, ist die Hemmschwelle, jemandem in den Hals zu schneiden, extrem hoch – und das ist auch gut so!"

Was aber tun, wenn durch einen Wespenstich der Rachenraum zuschwillt und der Notarzt noch nicht da ist? Um die Schwellung zu begrenzen, hilft Kühlung von innen und außen – im Mund zum Beispiel durch Eiswürfel, am Hals durch kalte Umschläge. Falls der Betroffene tatsächlich das Bewusstsein verliert und zu atmen aufhört, muss umgehend mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen werden.