Beeinflusst Humor den Heilungsprozess?

Eine Frau will ihren Krebs mit Humor bekämpfen. Ein Mann verordnet sich Slapstick-Filme, um seine Entzündung zu kurieren. Weshalb es sich lohnt, trotz Krankheit das Lachen nicht zu verlieren

von Sonja Gibis, aktualisiert am 21.04.2016

Ansteckung erwünscht: Wer lacht, reißt andere oft mit


Witze machen über Krebs. Wer denkt, das passt nicht zusammen, der kennt Janine Schmidt nicht. Und Henry, ihren Tumor. Nach der Diagnose stand die junge Frau erst einmal unter Schock: Lymphdrüsenkrebs, fortgeschrittenes Stadium. Mit 31 Jahren. Wie erschlagen saß sie in ihrer Berliner Wohnung. "Plötzlich war der Name da", erzählt sie: Henry. Und eine Kampfansage. Bald beginnt die PR-Beraterin, einen Blog zu schreiben. "Fuck off Henry!" nennt sie ihn.

Voll Witz und Ehrlichkeit erzählt sie online vom Frau-Sein ohne Haare und der ersehnten Nachricht vom Ableben Henrys, bei dem es sich übrigens um ein Non-Hodgkin-Lymphom handelt. Besiegt hat sie ihn durch eine Chemotherapie, die bei dieser Krebsart oft gut anschlägt. Eine wirksame Zusatzbehandlung, glaubt Janine Schmidt, war aber ihr Humor: "Körper und Geist, das ist doch eins."

Lachen stärkt das Immunsystem

Kann Humor wirklich heilen helfen? Diese Frage beschäftigt auch die Forschung – spätestens, seit sich der Amerikaner Norman Cousins Heiterkeit selbst als Therapie verschrieb. Anfang der 1970er erkrankte der Journalist an einer chronischen Entzündung der Wirbelsäule. Überlebenschance gering, wie er in seiner Biografie schreibt. Aus Forschungsberichten über den unheilvollen Einfluss, den dunkle Gemütszustände auf seine Krankheit haben, zog er den Umkehrschluss – und verordnete sich Slapstick-Filme und lustige Bücher. Nach einer Lachkur schlief er besser, hatte weniger Schmerzen. Norman Cousin wurde gesund und berichtete darüber in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine. Seither hat sich die Gelotologie, die Wissenschaft über das Lachen, als neues Forschungsgebiet entwickelt. Ebenso die Psychoimmunologie, die das Zusammenspiel von Seele und Abwehrsystem untersucht. Beide haben gezeigt, wie heilsam heilloses Gelächter sein kann. Es trainiert nicht nur die Muskeln sowie das Herz-Kreislauf-System und lüftet die Lungen. Auch unsere Immunabwehr wird schlagkräftiger, und Stress wird abgebaut.

Lachen mindert Schmerzen und macht fruchtbarer

Lachen scheint zudem Schmerzen zu mildern. In einer Studie konnten Testpersonen ihre Hand länger in Eiswasser halten, wenn sie sich davor über die Comedy-Serie "Mr. Bean" amüsiert hatten. Eine andere Studie legt nahe, dass Lachen fruchtbarer macht. Kein Witz: Unter den 110 Frauen, die sich nach einer künstlichen Befruchtung von Klinikclowns bespaßen ließen, gab es mehr Schwangere als bei den 109 Frauen der Kontrollgruppe.

Für Menschen mit Coulrophobie, also der krankhaften Angst vor Clowns, mag das gruselig klingen. Doch auch ohne Furcht finden viele eine rote Knubbelnase nicht unbedingt lustig. Und kaum ein Krebspatient besitzt eine so unverwüstliche Heiterkeit, dass er wie Janine Schmidt noch in der orangefarbenen Chemo-Infusion das Komische entdeckt. Für sie sah der Medikamenten-Cocktail aus wie ein beliebter Aperitif. Doch gerade weil schwere Leiden häufig depressiv machen, würden manche Mediziner Humor gerne verordnen. In den USA bieten bereits einige Kliniken Humor- und Lachtherapien an, auch in Deutschland laufen Pilotprojekte.

Humor kann helfen, Ängste zu überwinden

Überzeugt von der wohltuenden Wirkung des Humors ist etwa Professorin Barbara Wild, Chefärztin der Fliedner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Stuttgart – zumindest, wenn es sich um die richtige Art handelt. Denn nicht jedes Lachen ist für alle ein Spaß. So gibt es den verachtenden Humor. Etwa wenn der Arzt sich über seinen Patienten lustig macht. Es gibt auch den Humor, der ausschließt. Kaum etwas ist verletzender, als wenn zwei Menschen gemeinsam über einen Dritten lachen. "Heilsamer Humor geht nicht auf Kosten anderer", sagt Wild.

Dieser äußert sich zudem nicht immer in einem Lachen – auch wenn das ein häufiges Symptom ist. Der Humorforscherin geht es mehr um die innere Haltung: eine heitere Gelassenheit, eine Freude am Spielerischen. Diese sei gerade dann am wichtigsten, wenn das Leben ernst und schwer wird. Viele psychisch kranke Menschen kämpfen mit Scham und Ängsten. Humor hilft, diese zu bewältigen, indem er Distanz schafft – und gleichzeitig Nähe, zum Beispiel im Gespräch mit dem Therapeuten, mit Verwandten und Freunden. Auch Krebspatientin Janine Schmidt hat das oft erlebt. Wenn Freunde sie besuchten, fragten sie: "Wie geht’s Henry, dem Mistkerl?" Sofort war die Tür zu einem Gespräch offen. Wohl keiner hätte sich getraut zu fragen: "Hey Janine, was macht dein Krebs?" Humor überwindet Hürden und schafft einen emotionalen Raum, um zu lachen. Oder zu weinen.

Humor lässt sich erlernen

Trotz all dieser Erkenntnisse: Vielen Schwerkranken dürfte einfach nicht nach Scherzen zumute sein. Erst einmal ist das nur natürlich. Doch Barbara Wild betont: "Humor lässt sich trainieren." In speziellen Gruppen hilft sie Menschen, den verschütteten Schalk in sich wiederzufinden. Denn Humor, das steht für die Psychiaterin fest, hat jeder. Nur ist er teils vergraben.

Sie arbeitet mit einem geprüften Acht-Stufen-Programm. Zum Training gehören Kinderspiele und Übungen aus dem Improvisationstheater. Zudem gibt es Hausaufgaben: Im Alltag sollen die Teilnehmer darauf achten, wo ihnen Doppeldeutiges begegnet. "Es geht darum, dem Gehirn die Erlaubnis zu geben, in diese Richtung zu denken", sagt Wild. Sogar skeptische Patienten ließen sich mit der Zeit oft gewinnen. Denn: Humor ist hochinfektiös.

Platz für Scherze sieht Wild auch in der Psychotherapie. Am Anfang geht sie dabei sehr vorsichtig vor. "Es muss zuerst eine Beziehung zwischen Patient und Therapeut da sein." Humor sei eine Sache des Vertrauens. Und des Geschmacks. Ein Witz sei deshalb immer ein Versuchsballon. Funktioniert er nicht, müsse man das eben heiter nehmen. "Oft bringen die Patienten einem aber selbst Humor entgegen", erzählt Wild. Der Arzt muss sich dann nur trauen, ihn aufzunehmen. In Seminaren zeigt sie anderen Psychotherapeuten, wie das gelingen kann.

Reduziert Lachen Stresshormone?

Dass Humor die Seele erhellt, dürfte kaum jemand bestreiten. Doch wirkt er auch messbar auf körperliche Erkrankungen, wie etwa die Entzündung von Norman Cousins? So eindrucksvoll sein Genesungsbericht klingt, er bleibt ein wissenschaftlich wenig relevanter Einzelfall.

Ärzte am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart wollen jetzt Daten liefern, die niemand belächeln kann. In einer Studie testen sie, ob Humor bei Herzenge (Angina Pectoris) hilft. Die Forscher um den Kardiologen Dr. Peter Ong übernehmen das Medizinische, Barbara Wild und Humorcoach Torsten Fuchs die Lachkur. Die heitere Schulung erhielten Patienten mit verengten Herzkranzgefäßen, die trotz aller Therapien Brustschmerzen hatten.

Weglächeln lassen sich diese freilich nicht. Doch gibt es Hinweise, dass Lachen nicht nur auf Ängste und Schmerzen positiv wirkt, sondern auch auf die Gefäße. Vielleicht, indem es Stresshormone reduziert. Um das nachzuweisen, wurden den Testpersonen Haarproben entnommen, zudem Werte beim Belastungs-EKG gemessen. "Es gab viele positive Rückmeldungen", sagt Ong. Er hofft, dass harte Zahlen bald die gefühlte Wirkung bestätigen. Optimismus ist angebracht. So gibt es bereits Ergebnisse bei Diabetes-Patienten. US-Forscher belegten 2010, dass während des Humortrainings der Spiegel der Stresshormone sank. Auch die Entzündungs- und die Blutfettwerte ihrer Patienten wurden besser.

Fettnäpfchen überwinden

Doch selbst wenn die Messwerte keine Wirkung belegen sollten: Es bleiben die Erfahrungen, die Torsten Fuchs jenseits der Herzstudie am Robert-Bosch-Krankenhaus macht. Als Klinikclown bringt er den Humor ans Krankenbett, auch an das von Erwachsenen. Grenzen setzt ihm dabei nicht die Schwere der Krankheit, sondern allein der Patient. Diese Grenzen zu erfühlen, gehört zur Kunst des Humorprofis. "Das Wichtigste ist Empathie", sagt Fuchs. 

Manchmal tapst freilich selbst ein Clown ungewollt in einen Fettnapf. Fuchs erinnert sich an einen Patienten, von dem er gehört hatte, er sei ein guter Tänzer gewesen. Als er ihn zum Tanzen aufforderte, riss der wütend die Decke weg. Ihm waren beide Beine amputiert worden. "Ich bedachte es in dem Moment nicht", sagt Fuchs. Er entschuldigte sich und fügte hinzu: "Das hindert uns nicht zu tanzen." Er hievte den Patienten in einen Rollstuhl. Gemeinsam tanzten sie, auf Beinen und Rädern. "Ich hätte nie gedacht, dass ich Menschen mit meinem Humor so erreichen kann."

Erreicht hat auch Janine Schmidt viel mit ihrem Witz und ihrem Lebensmut. Die Reaktionen auf ihren Blog hätten sie fast umgehauen, erzählt sie. Manche Patienten gaben ihrem Krebs ebenfalls Namen. Als die Therapie angeschlagen hatte, gelang es Janine Schmidt sogar, in der Begegnung mit Henry etwas Positives zu sehen. In einem Abschiedsbrief an ihn schrieb sie: "Durch dich glaube ich fortan an das große Ganze und daran, dass alles möglich ist." Seit mehr als zwei Jahren ist Henry weg. Und Janine Schmidt hofft, dass ihre positiven Energien ihn für immer verscheucht haben.


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