Sport: Aktiv gegen Krebs

Bewegung spielt nicht nur nach der Krebsbehandlung eine wichtige Rolle – schon während der Therapie bessert sie die Lebensqualität erheblich
von Dr. Ralph Müller-Gesser, aktualisiert am 12.06.2017

Sport als Therapie: Bewegung kann Krebspatienten helfen

PhotoDisc/ RYF

Anton J. trainiert für sein Comeback. Im Ostpark, schräg gegenüber seiner Wohnung im Münchner Stadtteil Perlach, will der passionierte Läufer bald wieder seine Runden drehen. "Ich bin aber erst bei 50 Prozent meiner Leistungsfähigkeit", schätzt der 75-Jährige, der statt "erst" auch "schon" sagen könnte.

Schließlich hat er im vergangenen halben Jahr eine Menge durchgestanden. Krebsdiagnose, Operation und Chemotherapie liegen hinter ihm. Doch nun liegt der Ostpark wieder vor ihm. "Ich war schon immer ein Läufer", sagt er und freut sich auf den Tag, an dem er das erste Mal seit dem Beginn der Erkrankung wieder die üblichen drei Kilometer joggen wird.

Sport trotz Krebs: Ist das möglich?

Die Begeisterung für sportliche Aktivität teilen viele der rund 400.000 Menschen, bei denen in Deutschland jedes Jahr Krebs festgestellt wird. "Das Thema Sport kommt in der Sprechstunde ständig vor", berichtet der Krebsspezialist Professor Irenäus Adamietz, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie St.-Josef-Hospital im Katholischen Klinikum Bochum. "Besonders wichtig ist es für Krebspa­tienten unter 60 Jahre. Etwa zwei Drittel von ihnen wollen wissen, ob sie weiterhin Sport treiben können."

Noch vor nicht allzu langer Zeit beantworteten Experten diese Frage mit einem klaren "Nein". Schluss mit jeder körperlichen Anstrengung, war die vorherrschende Meinung. Die Befürchtung: Sport belaste das Immunsystem und erschwere den Kampf des Körpers gegen den Krebs. Noch vor etwa 30 Jahren galten Sport und Krebs daher als zwei Begriffe, die sich gegenseitig ausschlossen. "Das hat sich grundlegend geändert", bestätigt Adamietz. Einem Fortbildungsartikel über Sport und Krebs, erschienen in einer Fachzeitschrift, gab er den prägnanten Titel "Schonen war gestern".

Bewegung für Krebspatienten von Vorteil

Großen Anteil an diesem Richtungswechsel hat der Sportmediziner Dr. Fernando Dimeo. In den 1980er-Jahren ließ er sich vom Kopfschütteln der Krebsspezialisten nicht abhalten und führte erste Studien mit Patien­ten durch. Die Ergebnisse waren vielversprechend: Die Teilnehmer vertrugen die Aktivität nicht nur gut, sondern sie tat ihnen auch gut. Zahlreiche neue Studien bestätigten Dimeos Schlussfolgerung: Sport bessert nicht nur Kraft und Ausdauer, sondern steigert zudem die Lebensqualität.

"Vielen Krebspatienten hilft Sport zurück in den Alltag", berichtet der Internist und Sportmediziner Professor Martin Halle. Seit Jahren wirbt der ärztliche Direktor der Klinik für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München bei Betroffenen wie Ärzten für Sport. Er hat Lehrbücher veröffentlicht, Kongresse veranstaltet und bietet die Sprechstunde "Sport, Ernährung und Krebs" an. "Mit der Diagnose und der anschließenden Behandlung gerät für viele Patienten die Welt aus den Fugen", beschreibt Halle das psychische und körperliche Loch, in das etliche fallen. "In dieser Situation vermittelt sportliche Aktivität das Gefühl, Oberhand über die Krankheit zu gewinnen. Die Patienten schöpfen neues Vertrauen in ihren Körper."

Jeden Tag ein bisschen mehr fordern

Anton J. erinnert sich noch gut an das Loch, in das er nach der Diagnose "Magenkrebs", der Operation und der Chemotherapie fiel. Anfangs hatte er kaum genug Kraft, um aufzustehen und ein paar Meter zu gehen. "Ich sagte zu mir: Das musst du steigern! Du musst dich jeden Tag ein bisschen mehr fordern." Heute trainiert J. zweimal pro Woche im Reha-Zentrum, macht Kraft- und Gymnastikübungen zu Hause und nimmt jeden Dienstag am Training einer Krebssportgruppe teil. 

Die Sportgruppe wird von der Bayerischen Krebsgesellschaft veranstaltet. Juliana Mangold, Beraterin für den Bayerischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband, leitet den Kurs: "Als wir anfingen, war die erste Gruppe schnell ausgebucht." Inzwischen bietet die Übungsleiterin einen zweiten Termin an. Die Teilnehmer schätzen die leichten Belastungen – sowie die Gelegenheit, mit Gleichgesinnten zu trainieren. Da brauche es keine Worte über die Krankheit, sagt J.

In Krebssportgruppen angepasst trainieren

Weil Mangold weiß, wie sehr die Belastbarkeit der Teilnehmer von einer Woche zur anderen schwankt, organisiert sie – nach einem Aufwärm- und Dehnprogramm – mal leichte Ballspiele, mal zeigt sie, wie man mit dem Latexband trainiert, oder macht Gymnastikübungen vor. Abwechslung und Spaß stehen im Vordergrund. "Ich versuche, Freude an der Bewegung zu vermitteln und die Teilnehmer zu motivieren, auch außerhalb des Kurses aktiv zu sein", berichtet Mangold. Krebssportgruppen gibt es inzwischen an vielen Orten – organisiert von der Deutschen Krebsgesellschaft, ihren Landesverbänden oder von örtlichen Sportvereinen

"Von einem flächendeckenden Angebot sind wir aber noch weit entfernt", sagt Professorin Karen Steindorf, die am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg die Arbeitsgemeinschaft Bewegung und Krebs leitet. In Heidelberg und Umgebung wurde daher das Netzwerk OnkoAktiv aufgebaut: "Wir bündeln jene Fitness-Center und Reha-Einrichtungen, die aufgrund der Qualität ihres Angebots für Krebs­patienten geeignet sind." Ähnliche Initiativen gibt es auch an anderen Orten.

Sport als Medikament

Steindorf sorgt sich aber nicht nur um ein besseres Angebot, sie untersucht auch die Wirksamkeit von Sport. "Wäre sportliche Aktivität ein Medikament, hätten wir mit unseren letzten Studien die Zulassung beantragen können." So beschreibt sie, mit welchem Aufwand sie ihre Forschung betreibt. Unter anderem hat sie mit ihrem Team kürzlich den Einfluss von Krafttraining auf jene lähmende Müdigkeit von Krebspatien­ten untersucht, die Ärzte Fatigue nennen.

"Bei Brustkrebspatientinnen, die mit Strahlentherapie behandelt wurden, wirkte regelmäßiges Krafttraining deutlich besser gegen die Müdigkeit als Entspannungsübungen", erklärt Expertin Steindorf. "Das zeigt: Bewegung nutzt bereits während der Therapie – und nicht erst in der Nachbehandlung."

Krebsspezialist Adamietz mahnt jedoch: "Die Medikamente, die bei Chemo- oder Immuntherapie zum Einsatz kommen, dämpfen für einige Stunden die Aktivität das Immunsystems und machen die Patienten in dieser Zeit anfälliger für Infektionen." Er rät, in dieser Phase weniger Sport zu treiben und mit dem behandelnden Arzt zu besprechen, welche Zeitspanne eingehalten werden sollte.

Krankengymnastik nach Strahlentherapie hilfreich

Darüber hinaus wirbt Adamietz vor allem für Dehnübungen. "Krankengymnastik hilft, jene Bewegungseinschränkungen zu verhindern, die nach Strahlentherapien häufig auftreten", sagt der Krebsexperte.

Zudem wirkt Dehnen gegen Schmerzen. Beispiel Prostata. Die Bestrahlung führt zu Schmerzen, sodass die Männer nachts eine Schonhaltung einnehmen. Die unmittelbare Folge: Becken- und Rückenmuskeln verkürzen sich. Die langfristige Folge: Kreuzschmerzen. Verhindern lässt sich dies mit Dehnen – oder mittels eines Rudergerätes. Adamietz: "Das wirkt sensationell: Schon zehn Minuten Rudern täglich reicht."

Sport aktiviert das Immunsystem

Mit zehn Minuten Training gibt sich Professor Wilhelm Bloch, Leiter des ­­Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln, nicht zufrieden. Sein Team hat Krebspatienten im Rahmen einer Studie auf einen Halbmarathon vorbereitet – mit intensiveren und längeren Belastungen. "Dabei besserte sich nicht nur die Lebensqualität der Teilnehmer", berichtet Bloch. "Wir konnten zudem eine Aktivierung des Immunsystems nachweisen."

Im Fokus der Forscher: die natürlichen Killerzellen. Sie erkennen Krebszellen und schalten diese aus. Bei den Trainierten waren sie aktiver. "Wir gehen daher davon aus, dass intensivere sportliche Belastung besser vor einem Rückfall schützt", sagt Bloch. Er ist sich sicher: "Auch große Anstrengungen haben ihre Berechtigung im Kampf gegen den Krebs."

Moderat belasten

Allerdings sehen die derzeit gültigen internationalen Richtlinien moderate Belastungen und Aktivitäten vor. "150 Minuten pro Woche mit niedriger Intensität oder 75 Minuten pro Woche mit höherer", sagt Karen Steindorf.

Hier offenbart sich ein grundsätzliches Dilemma: Während nämlich die psychischen Wohltaten von Sport unbestritten sind, gibt es in Bezug auf seinen biologischen Nutzen noch einige Fragen zu klären. Wie genau beeinflusst beispielsweise sportliche Aktivität das Immunsystem von Krebspatienten? Wie schützt Sport vor einem Rückfall, und welche Intensität eignet sich dafür am besten? Antworten auf diese Fragen hoffen Steindorf und andere Forscher im Speichel, Blut und Urin ihrer Studien­teilnehmer zu finden.

Sonja Schultz (Name geändert) nimmt an keiner Studie teil. Die 67-Jährige, die in einem Münchner Reha-Zentrum trainiert, braucht keine wissenschaft­­lichen Beweise, um sich zu motivieren. Sie weiß, wie wichtig Sport für sie ist – auch dann, wenn sie sich schlapp fühlt.

Wie vor anderthalb Jahren, als der Krebs ein zweites Mal zuschlug: "Weiter Sport zu treiben half mir damals, mit dem Rückfall umzugehen. Das Training gehörte zu meinem Alltag, und ich wollte mir möglichst viel Normalität erhalten." Zwei Trainingseinheiten gehören für sie daher seit Jahren zum festen Wochenprogramm – natürlich auch jetzt, wo es ihr wieder besser geht. Zudem winkt nach der Anstrengung eine Belohnung beim Lieblings-Italiener. "Die Lasagne dort ist fantastisch", schwärmt die 67-Jährige und lacht.

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