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Kann man Krebs im Blut erkennen?

Blutwerte können manchmal einen Hinweis auf Krebs geben. Zur Diagnose sind aber weitere Untersuchungen notwendig

von Dr. Katharina Kremser, 07.02.2019
Blutproben

Ab ins Labor: Aus Blutproben lassen sich verschiedenste Parameter bestimmen


Fast jeder kennt es: Man geht zum Arzt, weil es einem nicht gut geht. Häufig folgt dann nach der Untersuchung als erstes eine Blutentnahme. Anhand von Blutbild und Laborwerten kann der Doktor so einiges erkennen – aber könnte er zum Beispiel auch Krebs feststellen? Das fragen sich Patienten häufig. Wir haben uns deswegen bei zwei Experten erkundigt.

"Ob man Krebs im Blut erkennen kann? Jein," sagt Professor Stefan Fröhling, geschäftsführender Direktor des Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg (NCT). "Bei bestimmten Krebsarten, wie Leukämien ist das vielleicht möglich, da war das Blutbild schon immer ein wichtiger Diagnosebaustein." Allerdings handelt es sich hierbei auch um Blutkrebs. "Bei festen Tumoren, wie Darmkrebs, ist es im Moment noch nicht möglich. Hier lassen sich zwar eventuell Hinweise auf einen Tumor im Blut finden, aber die Diagnose kann man damit derzeit noch nicht stellen."

 

So kann zum Beispiel eine bestimmte Form der Blutarmut oder aber eine sehr starke Vermehrung der weißen Blutkörperchen verdächtig sein und den Arzt an einen Tumor denken lassen. Auch kann ein erhöhter PSA-Wert bei Männern auf Prostatakrebs hinweisen. Da aber alle drei Veränderungen neben Krebs noch viele andere mögliche Ursachen haben, sind meist weitere Tests notwendig. "Verdächtige Blutwerte triggern immer nur weitere Untersuchungen, sie ermöglichen noch keine Diagnose," betont Experte Fröhling. So kann der PSA-Wert auch erhöht sein, wenn der Patient zur Blutentnahme geradelt ist oder weil die Vorsteherdrüse entzündet ist. Es müssen also die anderen Laborwerte betrachtet und gegebenenfalls weitere Untersuchungen getätigt werden, um herauszufinden, was tatsächlich hinter dem veränderten Wert steckt.

Tumormarker dienen der Verlaufsbeurteilung 

Dann gibt es noch die sogenannten Tumormarker. Das sind meist Zucker-Eiweiß-Stoffe. Sie sind im Blut entweder nur dann nachweisbar, wenn ein Krebs vorhanden ist oder sie liegen dann tendenziell in höherer Menge vor. Sie haben oft etwas kryptische Namen wie CA 19-9, ein Tumormarker, der auf Bauchspeicheldrüsenkrebs hinweisen kann. "Tumormarker sind nur zur Verlaufsbeobachtung geeignet", urteilt Experte Fröhling. 

Immer ist ein Ausgangswert nötig, der meist gleich nach der Diagnose oder direkt nach der Operation bestimmt wird. Anschließend wird die Höhe des Tumormarkers im Rahmen der Nachsorgeuntersuchungen immer wieder ermittelt. Daraus kann ein Rückschluss darauf gezogen werden, ob die Menge an Tumorzellen im Körper zunimmt oder abnimmt. Ein Rückfall lässt sich eventuell an steigenden und eine erfolgreiche Behandlung an sinkenden Werten erkennen. Der PSA-Wert bei Prostatakrebs wird so genutzt oder die Höhe des sogenannten carcino-embryonalen Antigens (CEA) bei Dickdarmkrebs. "Wenn eine Krebserkrankung bereits nachgewiesen ist und es für sie einen entsprechenden Verlaufsparameter gibt, lohnt es sich, ihn zu bestimmen," so Fröhling.

Flüssigbiopsie gilt als vielversprechend 

Noch lässt sich Krebs also nicht eindeutig im Blut erkennen. Doch wird das in Zukunft vielleicht einmal möglich sein? Die sogenannte Flüssigbiopsie (liquid biopsy) gilt als vielversprechendes Verfahren. Sie basiert darauf, dass viele Krebsarten Zellen oder winzige Erbgutschnipsel ins Blut abgeben. Manche dieser Erbgutstückchen sind im Vergleich zur DNA normaler Zellen verändert. Gibt es Veränderungen, die typisch für einen Tumor sind und ausschließlich bei ihm vorliegen, könnte man durch das Vorhandensein solcher Schnipsel in einer Blutprobe einen Rückschluss darauf ziehen, dass ein entsprechender Tumor vorhanden ist.

"Bisher ist das aber noch Zukunftsmusik " so Experte Fröhling. "Es konnte noch nicht belegt werden, dass das Verfahren auch zur Früherkennung von Krebs geeignet ist," betont auch Professor Holger Sültmann vom Deutschen Krebsforschungszentrum und NCT. Zwar konnten schon einige geeignete Erbgutveränderungen ermittelt werden, die zum Beispiel charakteristisch für nicht-kleinzelligen Lungenkrebs sind. Aber die Methode hat noch Haken: So finden sich unter anderem nur etwa bei sieben von zehn Tumoren mit Metastasen überhaupt entsprechende Erbgutteile im Blut.

"Zum Einsatz zugelassen ist die Methode bisher nur bei einer Untergruppe von nicht-kleinzelligem Lungenkrebs" so Experte Sültmann. Jedoch nicht zur Stellung der Diagnose, sondern nur zur Therapieplanung.  Mit der Flüssigbiopsie lässt sich herausfinden, ob bei dem Tumor bestimmte genetische Veränderungen vorliegen, die anzeigen, dass gewisse Medikamente helfen. Kann mit einer normalen Biopsie genügend Material für diese Untersuchung beschafft werden, ist die Flüssigbiopsie überflüssig. 

Noch nicht zur Früherkennung geeignet 

Alles andere ist noch Forschungsarbeit. In Studien setzen Wissenschaftler die Methode zum Beispiel ein, um herauszufinden, wie sich die Tumormasse entwickelt. Anfang 2018 sorgte auch eine Untersuchung für Aufsehen, bei der ein Test erprobt wurde, der anhand von Erbgutschnipseln und Eiweißen im Blut acht verschiedene Krebsarten erkennen sollte. Ein erster Schritt in Richtung Früherkennung? "Ja, aber wirklich nur ein erster Schritt," so Holger Sültmann. "Noch sind wir weit von einer praktischen Anwendung entfernt, der Test erkennt Krebs nicht zuverlässig genug und wäre als Screening für gesunde Personen gar nicht geeignet. Möglicherweise kommen solche Untersuchungen in der Zukunft für Risikogruppen infrage."  Dazu könnten Personen mit einer genetischen Veranlagung für eine bestimmte Krebsart oder Raucher zählen. 

Was auch immer sich in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren also für Möglichkeiten ergeben: Wer sich im Moment fragt, ob er möglicherweise an Krebs erkrankt ist, sollte mit einem Arzt über seine Befürchtung sprechen. Mit einer genauen Beschreibung der Symptome und einigen weiteren Untersuchungen, zu denen auch Bluttests gehören können, lässt sich der Verdacht dann oft schon ausräumen. Und bei der Deutung von Blutwerten gilt: Das Gesamtbild ist das Entscheidende. Denn Ärzte behandeln nicht Werte, sondern Menschen.