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Kampf gegen Krebs: Was kann ich selbst tun?

Viele Patienten wollen bei der Behandlung einer Krebserkrankung selbst aktiv werden. Was integrative Onkologie erreichen kann

von Dr. Nicole Lauscher, 26.02.2020
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Akupunktur, Yoga, Sport, Heilpflanzen und eine ausgewogene Ernährung können eine Krebstherapie sinnvoll ergänzen


Der Schock über die Diagnose ist noch nicht verarbeitet, da finden sich die Patienten in der Mühle der Schulmedizin wieder: Unzählige Untersuchungen, Medikamente, Chemotherapie, Operation. Plötzlich zeigt sich das Gefühl der Hilflosigkeit nicht mehr nur gegenüber der Krebserkrankung, sondern auch gegenüber dem System, das eigentlich helfen soll. Der Wunsch, selbst aktiv zu werden, treibt viele Menschen zu sogenannten alternativen Heilmethoden, die schulmedizinische Verfahren ersetzen sollen.

Die Palette der Angebote ist so groß wie die Heilversprechen. Dass keine Studien die Wirkung belegen, verschweigen die Anbieter oder verweisen auf einen angeblich üppigen Erfahrungsschatz.

Gemeinsam heilsam

Einen anderen Weg geht die integrative Onkologie. Auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisseintegriert sie anerkannte Naturheilverfahren, Ernährung und Bewegung in die klassische Krebstherapie. Warum dieser Ansatz heute so wichtig ist, erklärt die Professorin für integrative Onkologie Jutta Hübner im Interview.

Frau Hübner, wie kommt es, dass sich so viele Menschen von der Schulmedizin ab- und alternativenMethoden zuwenden?

In der modernen Medizin gibt es ein massives Kommunikationsproblem. Das liegt zum einen daran, dass Ärzte und Pflegekräfte im medizinischen Alltag viel zu wenig Zeit haben für vernünftige Gespräche mit den Patienten. Bei alternativen Behandlungsformen stehen Zeit und lange Gespräche dagegen meist an erster Stelle. Dazu kommt, das unsere medizinische Welt hochkomplex ist und Therapien meist schwierig zu verstehen sind. Anwendungen der alternativen Medizin sind dagegen aus Laiensicht oft sehr einleuchtend.

Was ist das Gefährliche an dieser Entwicklung?

Dass Methoden, die weder auf dem Boden wissenschaftlicher Erkenntnisse stehen noch Nachweise liefern können, dass sie nützlich sind, für sich den Anspruch erheben, dass sie als Alternative anstelle der Schulmedizin eingesetzt werden können. Das ist Scharlatanerie. Bei ernsten Erkrankungen kann das lebensgefährlich werden.

Sie sind Professorin für Integrative Onkologie. Das heißt, Sie nutzen ebenfalls Heilverfahren, die über die reine Schulmedizin hinausgehen.

Wichtig ist, dass wir diese Verfahren erstens als Ergänzung zur klassischen Krebstherapie einsetzen und das zweitens wissenschaftlich fundiert tun. Es gibt hervorragende Daten, die zeigen, dass bestimmte Naturheilverfahren, Ernährung und Bewegung die Verträglichkeit der Behandlung und die körperliche Leistungsfähigkeit sowie die Lebensqualität der Patienten verbessern können.

Optionen der integrativen Onkologie

Warum ist diese Ergänzung zur klassischen Therapie so wichtig?

Sehr viele Krebspatienten haben den Wunsch, selbst aktiv etwas zu ihrer Heilung beizutragen. Ich finde die Frage: "Was kann ich selber tun?" ein tolles Angebot. Dann können wir aus einem breiten Spektrum genau das aussuchen, was zum jeweiligen Patienten, seiner aktuellen Lebenssituation und seiner Therapie am besten passt.

Was bedeutet das für die Ernährung?

Sie sollte ausgewogen sein: gesunde Kohlenhydrate aus Vollkornprodukten, Obst, Gemüse und Salat als Hauptenergiequelle. Weniger tierische Fette, dafür mehr Omega-3-Fette aus Fisch und pflanzlichem Öl wie Raps-, Nuss- oder Leinsamenöl. Veganer müssen zum Beispiel besonders auf die richtigen Eiweiße achten, damit sie keine Mangelerscheinungen im Bereich der essenziellen Aminosäuren bekommen.

Wie sieht es mit Milchprodukten aus?

Nur bei bestimmten Therapien, wenn der Arzt dazu geraten hat, oder als Patient auf der Transplantationsstation sollte man Käse und Joghurtnweglassen – wegen der enthaltenen Bakterien.

Und zu welchem Sport raten Sie Ihren Patienten?

Am wichtigsten ist, dass die Erkrankten sich überhaupt genug bewegen. Dazu braucht es kein ausgeklügeltes Sportprogramm. Man unterscheidet ja zwischen Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Geschicklichkeit. Ich empfehle einen Mix aus allen vier, wobei Ausdauer und Kraft die Hauptkomponenten sind. Wir bieten zum Beispiel seit vier Jahren Tanzsport für unsere Patienten an. Weitere tolle Möglichkeiten, um in Bewegung zu kommen, sind ein flotter Spaziergang, Fahrradfahren, mit den Enkeln auf dem Spielplatz herumtoben oder im Garten werkeln. Nur Schwimmbäder würde ich meiden: Dort gibt es oft ein großes Keimspektrum, das man nicht kontrollieren kann.

Allerdings wird auch oft vor Gartenarbeit gewarnt: Geschwächte Patienten könnten sich mit Keimen anstecken.

Sogenannte Hochdosis-Patienten mit Leukämien und Lymphomen oder Erkrankte mit sehr intensiven Chemotherapien sollten vorsichtig sein. Ich glaube aber, dass die Onkologen hier mit den übrigen Patienten viel zu streng sind: Ich kenne keine Studie, die besagt, dass Gartenarbeit zu einer erhöhten Infektionsrate führt. Man sollte achtsam sein und wenn man sich verletzt, die Wunde sofort reinigen, desinfizieren und beobachten. Wer nicht gerade den Gemüsegarten umgräbt, sondern Unkraut zupft oder die Kirschen vom Baum holt, geht sicher kein Risiko ein, steigert seine Lebensqualität aber enorm.

Stichwort Lebensqualität: Ein Faktor, der diese bei Krebspatienten stark beeinträchtigt, ist die Fatigue, die schwere Müdigkeit und Erschöpfung. Wie können sich die Betroffenen da helfen?

Hier hilft Bewegung. Es gibt aber auch Mittel aus der Pflanzenheilkunde: Ingwer macht wach und hilft außerdem gegen Übelkeit und Erbrechen. Auch Ginseng zeigte in mehreren Studien gute Ergebnisse gegen Fatigue. Jedoch sind die Präparate recht teuer und werden nicht von der Krankenkasse gezahlt. Patientinnen mit hormonabhängigem Brustkrebs sollten keinen Ginseng nehmen – wegen möglicher Wechselwirkungen. Auch Ingwer eignet sich nicht für jeden Patienten.

Woher weiß ich als Patient, welches Phytotherapeutikum für mich geeignet ist?

Der behandelnde Onkologe sollte Ansprechpartner sein. Aber auch Apotheker können weiterhelfen: Sie verfügen über eine Datenbank, die zu möglichen Wechselwirkungen informiert. Am besten notiert man alle Arzneien und Heilmittel, die man einnimmt oder nehmen möchte, auf einem Zettel und bittet den Apotheker um einen Check. Denn einige pflanzliche Mittel können die Wirkung von Medikamenten abschwächen oder sie verstärken – und somit auch ihre Nebenwirkungen. Im schlimmsten Fall kann eine Therapieunverträglichkeit entstehen. Deshalb ist es wichtig, dass der Onkologe weiß, welche Mittel der Patient einnimmt. Nur so kann er handeln.