Fördern Vitaminpillen Krebs?

Vitaminpräparate sollen freie Radikale bekämpfen, die dem Körper angeblich schaden. Doch anscheinend schützen freie Radikale vor Krebs – und die Pillen schaden

von Dr. Reinhard Door, aktualisiert am 01.05.2016
Schädliche Vitamine

Vitamintabletten: Gefährliche Therapiebegleiter?


Die Krankheit ist schlimm genug, die Therapie nicht weniger belastend. Wer an Krebs leidet, will sich etwas Gutes tun und die Behandlung nach Kräften unterstützen. Darum greifen viele Patienten in dieser Lage zu Vitaminpräparaten. Die Logik dahinter: Was lebenswichtig und gesund ist, kann in hohen Dosierungen nur umso hilfreicher sein. Aber das ist ein Trugschluss, der sich hartnäckig hält. Tatsächlich können manche Vitamin-Präparate Krebspatienten durchaus schaden.

Hinter dem guten Ruf von Vitamintabletten steht eine rund 50 Jahre alte Theorie. Sie will erklären, wieso Menschen altern oder warum sie an Krebs erkranken: Die Ursache sind demnach "freie Radikale". Gemeint sind aggressive Varianten von Sauerstoff, die das Erbmaterial und andere Zellstrukturen angreifen. Sie erzeugen "oxidativen Stress", so die Theorie. Als Gegenmittel dienen demzufolge sogenannte Antioxidanzien. Das sind vor allem Vitamine. Ein schönes Gedankengebäude, dessen Wahrheitsgehalt aber nie klar belegt wurde.

Prof. Michael Ristow

Freie Radikale bremsen schwarzen Hautkrebs

Nun mehren sich die Hinweise, dass die vermeintlich gefährlichen freien Radikale in geringen Mengen sogar lebenswichtig sind. Und dass sie Tumore nicht fördern, sondern bekämpfen. Auf welche Art, erklären vielleicht Experimente einer Gruppe um Professor Sean Morrison von der Universität von Texas in Dallas. Die Forscher spritzten Mäusen Zellen unter die Haut, die sie den Melanomen von Menschen entnommen hatten. Ein Melanom, auch schwarzer Hautkrebs genannt, wird noch gefährlicher, wenn es Metastasen bildet. Doch freie Radikale, so zeigten die Versuche, stoßen diesen fatalen Prozess nicht an. Im Gegenteil, sie bremsen ihn. Sie zerstören Krebszellen, die in den Blutkreislauf gelangen und Organe besiedeln. Erst wenn die Zellen sich vor den aggressiven Molekülen schützten, bildeten sie Tochtergeschwülste.

Metastasen häuften sich auch, wenn die Forscher den Tieren täglich ein Antioxidans spritzten. Es bekämpfte den Tumor nicht, sondern half ihm, sich auszubreiten. Vitamine entpuppen sich so als Risiko. Was den Mäusen passierte, trifft sehr wahrscheinlich auch auf den Menschen zu: Die übertragenen Melanome verhielten sich bei den Mäusen nicht anders als bei Menschen, was ihre Neigung angeht, Metastasen zu bilden.

Vitaminpillen schaden eher

"Einige Vitamine fördern Krebs, nur wird das gerne ignoriert", sagt Michael Ristow, Arzt und Professor für Energiestoffwechsel an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Eine gewisse Menge davon, wie sie die Nahrung enthält, sei zwar lebensnotwendig. Obst und Gemüse verlängern womöglich sogar das Leben und mindern das Krebsrisiko. Bei Vitaminpillen, bei denen andere in Nahrungsmitteln enthaltene Substanzen fehlen und die zudem in hohen Dosen genommen werden, schlage der Effekt aber ins Gegenteil um.

Erste Hinweise darauf stammen aus dem Jahr 1994. Damals testeten finnische Forscher an 29.000 Rauchern, ob sie von Vitamin E und Betakarotin (eine Vorstufe von Vitamin A) profitieren. Ganz im Gegenteil, zeigte das Ergebnis: Die Vitamin-Nutzer erkrankten häufiger an Lungenkrebs und starben früher als Teilnehmer einer Vergleichsgruppe, die ein wirkstofffreies Placebo erhielten.

Tumore und Metastasen gefördert

Weil sie das kaum glauben konnten, wiederholten US-Forscher den Versuch. Das Ergebnis war ebenso deutlich, die Studie wurde vorzeitig abgebrochen. Den Teilnehmern weiterhin Vitaminpillen zu geben wäre verantwortungslos gewesen.

Der fatale Zusammenhang wurde danach mehrfach bestätigt: Vitaminpräparate sind bestenfalls nutzlos. Vielfach jedoch fördern sie das Wachstum von Tumoren oder die Absiedlung von Metastasen. Auch sonst ist ihr Einsatz bedenklich.

So fördern hoch dosierte Antioxidanzien das Krebswachstum

Vor zwei Jahren fasste eine Forschergruppe 78 aussagekräftige Untersuchungen mit insgesamt fast 300.000 Teilnehmern zusammen. Fazit: Vor allem Vitamin E und Betakarotin, in höheren Dosierungen auch Vitamin A, führen bei kranken wie gesunden Menschen zu vorzeitigen Todesfällen. All diese Vitamine sind fettlöslich, der Körper kann sie speichern. Wasserlösliche Vitamine schaden wahrscheinlich weniger, weil der Körper Überschüsse rasch mit dem Urin ausscheidet.

Vorstellung über freie Radikale überholt

Es ist demnach keine gute Idee, die "freien Radikale" mit Vitaminpillen auszubremsen. Die reaktionsfreudigen Substanzen können zwar auch schaden, etwa indem sie, aktiviert durch die UV-Strahlung der Sonne, Sonnenbrand oder Hautkrebs auslösen. Überholt ist aber die Vorstellung, dass man freie Radikale im besten Fall komplett ausmerzen sollte. In geringen Mengen, wie sie im normalen Körperstoffwechsel entstehen, überwiegen die Vorteile.

Aber auch der Schaden durch große Mengen freier Radikale lässt sich nutzen: Darauf beruht der Effekt einer Bestrahlung und mancher Chemotherapien. Michael Ristow sieht die Ärzte in einer besonderen Verantwortung. Wenn Mediziner in dieser schwierigen Phase der Therapie den Patienten Vitamine als "Begleitung" empfehlen, findet Michael Ristow das "fast schon kriminell. Das ist der beste Weg, die Wirksamkeit der Therapie zu mindern."