Eierstockkrebs: Ultraschall oft unnötig

Eine Untersuchung soll Eierstockkrebs im ­Frühstadium erkennen. Patientinnen müssen das Verfahren selbst zahlen. Doch der Nutzen ist umstritten
von Dr. Reinhard Door, 08.08.2016

Vorsorgetermin: Patientinnen sollten sich zum Ultraschall genau informieren

Fotolia/goodluz

Der Tumor macht nur drei Prozent aller Krebserkrankungen bei Frauen aus. In Deutschland werden in diesem Jahr voraussichtlich rund 7200 davon betroffen sein. Aber Tumore am Eierstock sind besonders gefürchtet: Etwa 60 Prozent der Patientinnen überleben die ersten fünf Jahre nach der Diagnose nicht. Zwar führen anhaltende Symptome wie Völlegefühl, Blähungen oder Unterleibsschmerzen die Betroffenen oft irgendwann zum Arzt. Doch hat er den Tumor gefunden, ist häufig keine Heilung mehr möglich.

Lösen könnte das Dilemma eine vorsorgliche Reihenuntersuchung (Screening) bei Frauen ohne Symptome – ähnlich der Mammografie zur Brustkrebsfrüherkennung. Ob das Konzept in der Praxis aufgeht, haben Wissenschaftler in drei Studien untersucht. Bisheriges Ergebnis: Es werden mehr Tumore erkannt, oft auch in einem früheren Stadium. Doch sterben von den Patientinnen an der Erkrankung genauso viele wie von jenen, die kein solches Screening durchliefen. Die frühe Dia­gnose scheint nichts zu bringen. Eierstockkrebs wächst einfach zu schnell.

Millionen nutzen das Angebot zur Früherkennung

Weil ein objektiver Nutzen nicht nachgewiesen ist, bezahlen die Krankenkassen eine rein vorsorgliche Ultraschallsuche nicht. Dennoch, so rechnet das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen aus einer Umfrage hoch, wurde diese Untersuchung 2014 in Deutschland rund drei Millionen Frauen angeboten – und in etwa drei von vier Fällen auch wahrgenommen. Sie ist damit die zweithäufigste Selbstzahlerleistung überhaupt. 37 Euro sind dafür im Durchschnitt fällig.

Dass diese Investition gerechtfertigt wäre, können jedoch auch die neuesten Auswertungen der mit 200.000 Teilnehmerinnen größten Studie zum Thema nicht belegen. Forscher würfelten dabei die Teilnehmerinnen drei Gruppen zu: In einer entschied ein auffäl­liger Blutwert, ob eine vaginale Ultraschalluntersuchung vorgenommen wurde. Zwei Autoren der Studie sind an der Firma, die den Bluttest auswertete, finanziell beteiligt.

Untersuchung senkt Sterberate nicht

In der zweiten Gruppe wurde jede Frau mit Ultraschall untersucht, in der dritten keine. Nach dem Studienzeitraum von 14 Jahren ist das Ergebnis ernüchternd: In den Gruppen mit regelmäßigen Untersuchungen starben zwar etwas weniger Frauen an Eierstockkrebs als in der Vergleichsgruppe. Doch der Unterschied ist statistisch nicht bedeutsam, er könnte auf Zufall beruhen. Auch dass sich in der zweiten Hälfte des Studienzeitraums Vorteile durch das Screening abzeichneten, lassen Experten nicht gelten. "Das ist vielleicht nur ­eine statistische Kapriole, da wäre ich vorsichtig mit der Interpretation", sagt Professor Andreas du Bois, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie in Essen.

Der Versuch, den Nutzen einer vorsorg­lichen Reihenuntersuchung bei Eierstockkrebs zu belegen, ist erneut gescheitert. "Ich wäre froh, wenn wir eine Möglichkeit zur generellen Früherkennung hätten, aber die jetzt zur Verfügung stehenden Daten geben das leider noch nicht her", lautet das Fazit von Andreas du Bois. Dem stimmt Professorin Tanja Fehm zu, Direktorin der Universitätsfrauenklinik Düsseldorf: "Die Studie beweist nicht, dass ein flächendeckendes Screening die Sterberate senkt."

Ultraschall entdeckt nicht alle Tumore

Die Gynäkologin weist zudem darauf hin, dass die in der Studie getestete Art der Früherkennung keineswegs treffsicher sei. Nur gut die Hälfte der Tumore wurde mit Ultraschall überhaupt entdeckt. Der Krebs kann beispielsweise genau zwischen zwei Screening-Terminen zu wuchern beginnen.

Vom routinemäßigen Bluttest rät Fehm ebenfalls ab: Er sei zu unspezifisch. Werte, die auf einen Tumor hindeuten können, ­seien etwa auch bei einer Infektion erhöht. Vor allem aber müssen Frauen, die sich für die vorsorgliche Untersuchung entscheiden, wissen: Bei einem verdächtigen Ultraschallbild ist immer eine Operation nötig. Und: Bei diesem Eingriff wird stets der betreffende Eierstock entfernt. Die Entnahme einer Gewebeprobe vor oder während der OP wäre zu riskant. Zu groß wäre die Gefahr, Tumorzellen im Bauchraum zu verschleppen. 

Untersuchung macht in bestimmten Fällen Sinn

In der Studie fanden die Ärzte jedoch nur bei jeder dritten Operation tatsächlich einen Tumor. Zwei von drei Eingriffen stellten sich also nachträglich als unnötig heraus. Die Risiken der OP – wie Infektionen, Blutungen, Darmverletzungen oder Thrombosen – waren umsonst in Kauf genommen worden. Auch aus diesem Grund lehnen deutsche Fachgesellschaften in ihren Behandlungsempfehlun­gen das Screening bisher ab. 

Sinn machen der Ultraschall und in bestimmten Fällen weitere Untersuchungen nur, wenn die Patientin ein hohes genetisches Risiko für diese Art von Krebs hat, sich aber die Eierstöcke nicht entfernen lassen möchte – etwa weil sie noch Kinder will.

Ausführliche Beratung wichtig

Frauen, die sich unabhängig davon Gewissheit wünschen, sollten ein ausführliches Beratungsgespräch mit ihrem Gynäkologen führen und sich nicht am Tresen der Arztpraxis zu einer Untersuchung überreden lassen, deren Nutzen wissenschaftlich nicht belegt ist. Und die womöglich eine unnötige Operation nach sich zieht. 

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