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Stiko: Ab 60 impfen gegen Gürtelrose

Jeder Dritte bekommt im Lauf seines Lebens eine Gürtelrose. Was bringt eine Impfung gegen das Zoster-Virus, wie sie die Ständige Impfkommission empfiehlt? Dermatologe Prof. Gross erklärt im Interview die Details

von Bettina Rackow-Freitag, 21.03.2019
Gürtelrose

Der Hautausschlag bei Gürtelrose kann annähernd die Form eines Gürtel(teils) annehmen, aber meist nur auf einer Körperseite


Herr Professor Gross, jährlich erkranken mehr als 400 000 Menschen an einem Zoster, auch Gürtelrose genannt. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt nun ­eine Impfung für Menschen ab 60 Jahren. Ist die Empfehlung überflüssig oder überfällig?

Ich bin absolut für eine Impfung. Sehr oft wird die Gürtelrose zu spät behandelt, denn Patienten und auch Ärzte wissen häufig zu wenig über die Erkrankung und hoffen, mit ein paar Tabletten ist es getan. Außerdem werden wir rein statistisch immer älter, und der Zoster betrifft hauptsächlich ältere Menschen. Ist das Immunsystem angeschlagen, kann schon eine intensive Massage oder ein Sonnenbad die Krankheit auslösen. Die Zosterimpfung kann in den allermeisten Fällen den Ausbruch verhindern. Sie ist deshalb auch vor medizinischen Maßnahmen sinnvoll, die das Immunsystem he­runterfahren – etwa eine Chemotherapie oder eine Kortisonbehandlung.

Univ. Prof. em. Dr. med. Gerd E. Gross

Zurzeit sind zwei Impfstoffe auf dem Markt. Wo liegt der Unterschied?

Seit fünf Jahren gibt es bereits einen Lebendimpfstoff, der einer höher dosierten Form der Wind­pockenimpfung entspricht. Letztes Jahr wurde außerdem ein Totimpfstoff gegen Zoster zugelassen. Nur diesen Impfstoff empfiehlt die Stiko. Er muss zweimal injiziert werden, ist aber kombinierbar mit der Grippeschutzimpfung.

Schwere Nebenwirkungen sind nicht zu erwarten, es kommt aber häufig zu lokalen Reaktionen an der Impfstelle wie Schmerzen oder Rötungen, vereinzelt auch zu Fieber. Dafür bietet diese Impfung mehr als 90 Prozent Schutz gegen einen Zoster. Sogar nach vier Jahren liegt die Wirkung noch bei 85 Prozent.

Der große Vorteil gegenüber dem Lebendimpfstoff ist: Er kann auch chronisch Kranken, Aids- oder Krebspatienten und ebenso Immun­supprimierten wie Transplantationsempfängern verabreicht werden. Zudem zeigt der Totimpfstoff bei den über 80-Jährigen besonders gute Wirkung. Gerade diese Altersgruppe hat das größte Krankheitsrisiko, in ihr kommen mehr als die Hälfte der Zoster-Fälle vor. Und viele Krankenkassen zahlen diese Impfung bereits, auch wenn die Kostenübernahme noch nicht eindeutig geregelt ist.

Rund ein Drittel der Erkrankten ­leidet nach Abklingen der Gürtelrose noch an anhaltenden Nervenschmerzen. Wie beurteilen Sie mögliche Komplikationen?

Sie werden definitiv unterschätzt. Zoster ist eine Erkrankung, die über die Betroffenen teilweise schlimmes Leid bringen kann. Die Schmerzen können sehr stark werden. Ich habe Patienten behandelt, die sich nicht mehr anziehen oder selbst versorgen konnten und jahrelang gelitten haben. Eine Gürtelrose kann Betroffenen so zusetzen, dass sie Suizid-gedanken bekommen.

Und mit einer Impfung lässt sich das oft verhindern?

Selbst wenn man trotz einer Impfung eine Gürtelrose bekommen sollte, sind die Symptome meist wesentlich leichter. Das wirkt sich auf die Komplikationsrate aus. Alle denken dabei nur an chronische Nervenschmerzen. Ein Zoster kann aber außerdem eine Haut- oder in seltenen Fällen eine Gehirnhautentzündung auslösen,  sich auf die Gefäße auswirken und schlimmstenfalls einen Schlaganfall provozieren. Wenn die Gürtelrose zudem im Kopfbereich, beispielsweise am Stirnast des Trigeminusnervs, ausbricht, können auch die Augen betroffen sein. Wenn der Zoster dann zu spät, zu kurz oder unterdosiert behandelt wird, droht Erblinden.

Was ist denn so problematisch bei der Behandlung?

Im Anfangsstadium sieht man oft nur eine Rötung und Schwellung an der Stelle. Die Betroffenen gehen deshalb häufig zu spät zum Arzt. Oder es kommt zu Fehldiagnosen, denn das typische Hautbild mit Bläschen zeigt sich erst später. Doch eine antivirale Medikation sollte optimalerweise innerhalb von 72 Stunden nach Beginn der Symptomatik anfangen. Deshalb ist Abwarten keine Alternative und von einer Selbstbehandlung abzuraten.

Eine Gürtelrose muss so schnell wie möglich systemisch mit antiviralen und schmerzstillenden Medikamenten behandelt werden, teilweise auch intravenös. Wenn eine Gürtelrose das Gesicht befällt, kommt in den meisten Fällen nur ein stationärer Aufenthalt im Krankenhaus in Betracht. Ziel ist, dass die Nerven durch die reaktivierten Viren nicht zerstört und chronische Verläufe verhindert werden.

Viele Menschen glauben, wenn der Gürtel sich schließt, kann man sterben ...

Zum Glück ist das definitiv nicht so. Fast immer tritt der Zoster nur einseitig auf. Wenn er auf beiden Körperhälften zum Vorschein kommt, dann ist das Virus besonders aktiv und setzt dem Immunsystem stark zu. Es kann auch vorkommen, dass der Gürtel nach oben oder unten verschoben auftritt – auf der einen Hälfte zum Beispiel im Brustbereich, auf der anderen Körperhälfte im Bauchbereich. Aber es besteht dadurch ­keine Lebensgefahr, besonders dann nicht, wenn eine Gürtelrose rechtzeitig und richtig behandelt wird.

Seit 2004 ist die Windpocken­impfung bei Kindern Standard. Müsste es dadurch nicht auch ­weniger Gürtelrosefälle geben?

Ja und nein. Die Immunologie der Gürtelrose ändert sich gerade. Einerseits verhindert diese Impfung bei Kindern die schwere Form der ­Erkrankung und schützt sie vor lebensgefährlichen Komplikationen. Andererseits kann man trotz einer Windpockenimpfung eine Gürtelrose bekommen. Zudem ist aber der ­Erreger dadurch weniger im Umlauf, Erwachsene kommen immer seltener mit ihm in Kontakt, man immunisiert sich also nicht fortlaufend gegen das Virus. Das bedeutet, das Abwehr­system wird weniger auf natürliche Weise geschult. Bei einem Kontakt mit Windpocken-­Erregern (Varizella- Zoster-Viren) im Erwachsenenalter könnte dadurch die Gürtelrose besonders stark und ausgeprägt sein.

Die schlafenden Viren

  • Jeder, der an Windpocken erkrankt, trägt  danach das Varizella- Zoster-Virus in sich. Das sind mehr als 90 Prozent aller Menschen in Deutschland. Nach der Erstinfektion ruhen die Erreger in den Nervengeflechten (Ganglien), im Rückenmark oder im Gehirn.  
  • Ist das Immunsystem stark ­geschwächt, etwa bei älteren oder HIV-kranken Menschen, können die Viren in den Ganglien aktiv werden.
  • Die wieder aufflammende ­Infektion zeigt sich als Gürtelrose auf der Haut. Zuerst sieht man ­Rötungen, später folgen kleine Bläschen, die normalerweise nach rund zehn Tagen verschorfen.
  • Oft brennt und schmerzt die Hautpartie noch Wochen danach. ­Ansteckend ist eine Gürtelrose lediglich für Menschen, die noch keine Windpocken hatten. Bei ihnen können die Windpocken ausbrechen.