Gendermedizin: Frauen sind anders krank

Symptome, Risikofaktoren, Medikamentenverträglichkeit: In vielen Bereichen der Medizin besteht ein großer Unterschied zwischen Mann und Frau. Das hat auch Konsequenzen für die Therapie

von Sonja Gibis, 27.07.2018
Wartezimmer

Volles Wartezimmer: Trotzdem sollte der Arzt Frauen und Männer nicht über einen Kamm scheren


Zur Erkältungszeit haben es Männer doppelt schwer. Neben fiesen Viren werden sie von hämischen Sprüchen verfolgt. "Mein Mann ist multitaskingfähig. Er kann husten und jammern", lästern Frauen. Oder: "Ein richtiger Mann lässt sich nur krankschreiben, wenn es lebensbedrohlich ist. Zum Beispiel bei Schnupfen."

Dr. Kyle Sue, Mediziner an der Memo­rial-Universität von Neufundland (Kanada), hatte es satt, ständig als Jammer­lappen hingestellt zu werden. Er suchte nach einschlägigen Studien, durchkämmte Krankenhausstatistiken und kam zu dem Ergebnis: Den Männer-­Schnupfen gibt es wirklich. Bei Grippe müssen Männer öfter in die ­Klinik als Frauen gleichen Alters. Bei Infekten der Atemwege sind sie ebenfalls anfälliger für Komplikationen, berichtet Sue im British Medical Journal.

Frauen haben ein aktiveres Immunsystem

Auch wenn Sues Studie letztlich nicht klären kann, ob verschnupfte Männer vielleicht doch besonders expressiv leiden: Dass sie häufiger und schwerer an Atemwegsinfekten erkranken, ist für Professorin Vera Regitz-Zagrosek nicht überraschend. "Frauen haben das aktivere Immunsystem", sagt die Leiterin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin am Berliner Universitätsklinikum Charité. Die Kehrseite: Bei ihnen richtet sich die Abwehr auch häufiger gegen den eigenen Körper. "Drei Viertel der Patienten, die an Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Multipler Sklerose leiden, sind weiblich", berichtet Regitz-Zagrosek.

Dass die Biologie keine Gleichberechtigung kennt, zeigt sich nicht nur am Immunsystem. "Bei vielen wichtigen Erkrankungen findet man gravierende Unterschiede zwischen Männern und Frauen", sagt Regitz-Zagrosek. Die Herzspezialistin ist eine Vorreiterin der Gendermedizin, einer relativ jungen Fachrichtung, die erstmals in den Blick fasst, was eigentlich jeder weiß: Männer und Frauen sind unterschiedlich.

Medikamentenstudien: Frauen wurden oft ausgeschlossen

In der Medizin aber wurde dies lange Zeit ignoriert. Abgesehen von Erkrankungen der Geschlechtsorgane sowie Schwangerschaft und Geburt, orientierte sie sich nur an einem Mensch-Modell: dem Mann. Die männliche Medizin beginnt mit der Maus. Getestet werden neue Medikamente zunächst an tierischen Probanden: jungen männlichen Mäusen. "Wirkstoffe, die nur bei weiblichen Tieren eine gute Wirkung zeigen, kommen gar nicht erst in die Entwicklung", sagt Regitz-Zagrosek.

Bei Medikamententests, die für die Zulassung eines neuen Wirkstoffs verpflichtend sind, wurden Frauen lange Zeit ausgeschlossen. Als Probanden unbeliebt machte sie nicht nur das Auf und Ab ihrer Hormone, das die Ergebnisse verwässern kann. Jüngere Frauen können zudem schwanger werden. Nach dem Contergan-Skandal, bei dem ein Schlafmittel zu Missbildungen von Tausenden Kindern geführt hatte, war die Angst vor dem Risiko zu groß.

Frauen leiden öfter an Nebenwirkungen von Medikamenten

Doch auch wenn man Frauen ausschließt, bringt man sie in Gefahr. Ein bekanntes Beispiel: Digoxin. Patienten mit Herzschwäche wurde das vermeintlich altbewährte Mittel noch bis zur Jahrtausendwende flächen­­deckend verordnet. Eine Langzeitbeobachtung Ende der 1990er schien diese Praxis zu bestätigen. Dann analysierten Ärzte ihre Daten neu – getrennt nach Geschlechtern. Ergebnis: Offenbar half das Präparat nur Männern. Frauen, die es einnahmen, starben im Schnitt sogar früher an Herzproblemen als ohne das Mittel. "Eine Katastrophe", urteilt Regitz-Zagrosek. 

Digoxin ist wohl das drastischste Beispiel dafür, wie unterschiedlich Medikamente wirken können. Das einzige ist es bei Weitem nicht. "Frauen leiden generell öfter an Nebenwirkungen", sagt Professorin Margarethe Hochleitner. In der Ambulanz des Frauengesundheitszentrums der Uni Innsbruck wird sie täglich mit den Folgen konfrontiert. So führen Mittel gegen Bluthochdruck bei Patientinnen häufiger zu geschwollenen Beinen.

Hochleitner schildert eine typische Leidensgeschichte: Die Patientin erhält entwässernde Mittel. Davon bekommt sie Krämpfe, nimmt Magnesium. Das führt zu Magenproblemen, wogegen die nächste Arznei verschrieben wird – mit neuen Nebenwirkungen. "Dabei gibt es modernere Mittel, die Frauen viel besser vertragen", so die Medizinerin. Nur wenige Ärzte haben das im Blick.

Die "kleinen" Unterschiede: Gewicht, Hormone, Chromosomen

Ursachen dafür, dass Medikamente bei Frauen anders wirken, gibt es viele. So sind diese in der Regel kleiner und wiegen weniger. "Arzneien werden daher oft überdosiert", erklärt Gen­der-­Spezialistin Hochleitner. "Frauen und Männer unterscheiden sich in jeder Körperzelle", betont Professorin Sabine Oertelt-Prigione, die an der Radboud-Universität im holländischen Nimwegen den Lehrstuhl für Gendermedizin leitet.  In jeder Zelle stecken Geschlechtschromosomen. "Viele Gene, die für die Immunfunktion wichtig sind, liegen auf dem X-Chromosom", sagt Oertelt-Prigione.

Und auch Hormone haben einen wichtigen Einfluss. Während Östrogen die Abwehr puscht, wirkt Testosteron hemmend. Das zeigt sich zum Beispiel bei Impfungen. In einer Studie von Forschern des Walter Reed Army Medical Center in Washington genügte bei Frauen die halbe Dosis, um mit einer Grippeimpfung die gleiche Wirkung zu erzielen wie bei Männern. Auch der Schutz hält beim weiblichen Geschlecht in der Regel länger an.

Umdenken in Patientenbetreuung und Forschung

Wäre es da nicht sinnvoll, Impfdosierungen sowie den Zeitraum zwischen den Auffrischungen geschlechtsspezifisch festzulegen? "Das alles wird diskutiert", sagt Oertelt-Prigione. Alltag ist es längst nicht. Bis neue Erkenntnisse den Weg zum Patienten gefunden haben, dauert es oft lange – nicht nur in der Gendermedizin. "Doch es gibt ein Umdenken", ver­sichert Oertelt-Prigione. Bei der Zulassung eines neuen Medikaments müssen inzwischen Frauen in die Tests einbezogen werden.

Auch in der Forschung öffnet sich der Blick für Unterschiede – mit überraschenden Ergebnissen. So wies der kanadische Schmerzforscher Jeffrey Mogil nach, dass bei der Arbeit mit Mäusen nicht nur das Geschlecht der Tiere das Ergebnis mitbestimmt – sondern auch das der Forscher. Die Nager zeigten sich weniger schmerz­empfindlich, wenn sie von Männern untersucht wurden. Als Ursache konnte Mogil Pheromone identifizieren. Der männliche Duft setzte die Mäuse unter Stress und dämpfte das Schmerzempfinden.

Rauchen, Bauchfett und Stress sind für Frauen gefährlicher

Inzwischen erscheinen fast alle paar Tage neue Studienergebnisse, die belegen, wie groß der kleine Unterschied ist. Die meisten stammen noch immer aus der Herzmedizin, die als erste Fachrichtung geschlechts­spezi­fi­­sche Aspekte in den Blick fasste. Hier gibt es auch bereits Erfolge.  So blieb ein Herzinfarkt bei Frauen früher oft unerkannt. "An einer großen Klinik sind die Chancen von Frauen und Männern inzwischen gleich gut", sagt Regitz-Zagrosek.

Doch auch bei anderen Volkskrankheiten wie Diabetes zeigt sich zunehmend, dass Frauen anders krank sind als Männer. So wirkt sich der Risikofaktor Bauchfett bei ihnen stärker aus. Einflüsse wie Rauchen, Feinstaub und Stress schaden ihnen generell mehr. Bei Krebs haben indes männ­liche Patienten die schlechteren Karten. Sie erkranken nicht nur häufiger. "Haben sie den gleichen Tumor, trägt der Mann das höhere Risiko, daran zu sterben", sagt Hochleitner.

Die große Frage lautet: Warum? Um sie zu beantworten, ist noch viel Forschung nötig – nicht nur zum Wohle der Frauen. So bleiben einige Krankheiten wie Depression oder ­Osteoporose vor allem bei Männern unerkannt. Auch die Hintergründe ­einer Tatsache dürften das starke Geschlecht interessieren: Noch immer leben Frauen im Schnitt fünf Jahre länger als Männer.

Gendermedizin: Worin sich Frauen und Männer unterscheiden

Leber: Frauen vertragen weniger Alkohol als ­Männer. Die Ursache ist zum größten Teil die ­Leber. Sie ist bei Frauen nicht nur ­kleiner; auch manche Enzyme sind je nach ­Geschlecht unterschiedlich aktiv. Einen ­Einfluss hat dies auch auf den Abbau von Arzneimitteln. Da Frauen zudem oft kleiner und leichter sind, werden Medikamente bei ihnen eher überdosiert.

Hormone: Die Geschlechtshormone sind wesentlich ­daran beteiligt, dass sich Frauen und Männer äußerlich unterscheiden. Ihre Wirkung geht aber viel weiter. Die Botenstoffe beeinflussen unter anderem das Immunsystem, den Stoffwechsel und die Funktion von Organen.   

Herz: Stechende Brustschmerzen, die in den Arm ausstrahlen, ein Engegefühl, als würde ein Elefant auf einem stehen: Fast jeder denkt bei solchen Beschwerden an einen Herz­infarkt. Doch dieser kann auch atypisch verlaufen. Bei Frauen kommt das ­deutlich häufiger vor. Ihnen ist dann oft übel, sie sind erschöpft oder haben Schmerzen im Oberbauch. Die Folge: häufige Fehldiagnosen. Die Gendermedizin machte ­erstmals darauf aufmerksam. 

Darm: Der weibliche Darm arbeitet meist ­etwas langsamer als der von Männern. Dies wirkt sich nicht nur auf die Auf­nahme von Medikamenten aus. Schäd­­liche Substanzen in der Nahrung haben mehr Zeit, die Darmwand anzugreifen. Männer dagegen erkranken häufiger und früher an End- und Dickdarmkrebs.  

Schilddrüse: Frauen erkranken deutlich öfter an der Schilddrüse, etwa an Morbus Basedow oder der Hashimoto-Thyreoiditis. 

Fettzellen: Frauen besitzen im Schnitt mehr Fettgewebe und weniger Muskelmasse als Männer. Der Wasseranteil in ihrem Körper ist dagegen geringer.  

Nieren: Vor allem ältere Frauen haben häufig eine Nierenschwäche. Medikamente bleiben länger im Körper, was zu Überdosierungen führen kann.  

Knochen: Brüchige Knochen sind nicht nur ein Frauenproblem. Etwa ein Drittel der Männer über 70 Jahre leidet an Osteoporose. Doch dies bleibt oft unerkannt. 

Immunsystem: Vor allem in mittleren Lebensjahren haben Frauen das stärkere Immunsystem. Der Nachteil: Sie leiden öfter an Autoimmunerkrankungen.