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Wie sich Neurodermitiker selbst helfen

Bei Neurodermitis den Juckreiz stoppen: In der Winterzeit ist betroffene Haut eher gereizt. Patienten können jedoch viel tun, um sich dennoch wohlzufühlen

von Bettina Rackow-Freitag, aktualisiert am 09.03.2020
Wollpullover / Frau mit Seidenbluse

Kalte Außentemperaturen: Um die Haut nicht zu überhitzen, raten Experten von dicken Pullovern ab. Betroffene sollten stattdessen zu weiter Kleidung mit glatten Fasern wie Baumwolle, Leinen oder Seide greifen


Die Haut ist trocken, schuppt oft. Während eines akuten Schubs kann ein Ausschlag entstehen, der manchmal nässt. Bis zu drei Prozent der Erwachsenen leiden unter der chronischen Hauterkrankung Neurodmermitis. Sie zeigt sich vorzugsweise in den Gelenkbeugen.

Juckende Entzündungen

Bei der Mehrheit der Patienten tritt die Krankheit in leichter Form auf, es gibt aber auch Fälle mit ausgedehnter Haut­beteiligung. "Dahinter steckt ein hochkomplexer und immunologischer Prozess, der zu den Entzündungen führt", erklärt Dr. Ralph von Kiedrowski vom Bundesverband Deutscher Dermatologen.

Das zentrale Problem für Betroffene sei der damit verbundene Juckreiz, der sich nachts verschlimmert. "Je spezifischer man den Entzündungs­prozess unterbricht, umso geringer sind die Nebenwirkungen", erklärt der Hautarzt. Viele Patienten leiden auch unter Allergien oder an Asthma. Dann kann eventuell eine Hyposensibilisierung helfen.

Feuchte und fettige Pflege

Zur Basispflege zählt tägliches Cremen und Reinigen. "Die Behandlung ist nie konstant. Sie richtet sich nach dem Hautzustand, der von der Jahreszeit und dem Alter des Patienten abhängt", ­sagt Ana-Maria Tica, Apothekerin in Hattingen. Das Ziel heißt: die Barrierefunktion der Hautoberfläche stabili­­sieren. So trocknet sie weniger aus, was auch den Juckreiz mildert.

Apothekerin Ana-Maria Tica

Für besonders trockene Partien rät Tica zu rückfettenden Intensivcremes. Feuchtigkeitsspendende Öl-in-Wasser-Emulsionen sind bei weniger trockener Haut empfehlenswert – und zwar auch dann, wenn der Bereich Ruhe gibt und nicht entzündet ist. Salben mit Harnstoff (Urea) oder Glyzerin unterstützen die Haut, Feuchtigkeit zu binden.

"Sie ­sollten nicht auf geschädigte Stellen auf­getragen werden, denn Urea reizt noch mehr", erklärt Dermatologe von Kiedrowski. Ebenso rät er Patienten, die viel Sport treiben und schwitzen, von fetthaltigen Cremes ab.

Provokationsfaktoren finden

In schweren Fällen empfehlen sich ­kortisonhaltige Salben oder Kortisonmedikamente als Kurz­therapie. ­­Salben mit Poli­docanol oder kühlende Präparate ­können den Juckreiz zeit­­weise hemmen.

Ein allgemeingültiges Therapierezept gibt es nicht, für jeden Betroffenen muss ein individueller Ansatz gefunden werden. Zum Teil sei es wie eine "Selbstfindungsreise für viele Patienten", berichtet Ana-Maria Tica.

Weil Betroffene mit überschießendem Immunsystem auf zum Teil harmlose Reize aus der Umwelt reagieren, ist es wichtig, diese sogenannten Provokationsfaktoren zu kennen. Das können unter anderem Hausstaubmilben, Tierhaare, Pollen ­sowie Nahrungsmittel oder bestimmte Konservierungsstoffe in Kosmetika sein.

Wer dem Auslöser und möglichen Kontaktallergenen aus dem Weg geht, kann so bestenfalls eine Entzündung der Haut vermeiden. Um den Juckreiz in den Griff zu bekommen, helfen einigen ­Patienten Antihistaminika – also ­Medikamente, die gegen Allergien zum Einsatz kommen.

Vorsicht bei der Wahl der Kleidung

Apothekerin Tica rät Menschen mit Neurodermitis aktuell: trotz Kälte nicht zu dicke Pullover anziehen, um eine Überwärmung zu vermeiden. Raue und kratzige Wolle direkt auf der Haut sind ebenfalls tabu. "Vorteilhaft ist weite Kleidung mit glatten Fasern wie Baumwolle, Seide oder Leinen."

Infografik Neurodermitis

Teufelskreis

Heizungsluft, Kälte und dickere Kleidung strapazieren die Haut. Viele Menschen mit Neurodermitis leiden deshalb gerade im Winter stärker an trockener und juckender Haut. Doch wer dem Reiz nachgibt und kratzt, schwächt die Hautbarriere noch mehr, Entzündungen verschlimmern sich – ein Teufelskreis beginnt.

Inzwischen wurde eine Empfehlung von silberhaltiger oder silberbeschichteter Wäsche in die Therapieleitlinie auf­genommen. Dadurch reduziert sich ­Studien zufolge die Besiedlung der Haut mit dem Bakterium Staphylococcus ­aureus, was sich positiv auf den Heilungsprozess der Ekzeme auswirken könne.

Wichtig ist es, Reizstoffe zu vermeiden: also neue Kleidung vor dem ersten ­Tragen waschen. Bei Weichspüler aber vorsichtig sein! "Es wird immer wieder diskutiert, ob die fettlösenden Inhaltsstoffe die Haut schädigen können", ­sagt Hautarzt Ralph von Kiedrowski.

Haut durch Badezusätze nicht weiter austrocknen

"Feuchte Umschläge können einen juckreizstillenden und kühlenden Effekt haben", erklärt der Dermatologe. ­Manche Patienten machen sich auch Umschläge mit Schwarztee. Die darin enthaltenen Gerbstoffe wirken zusammenziehend, doch es fehlen wissenschaftliche Belege zur Wirksamkeit.

Die Stoffe sind auch in Badezusätzen enthalten, die Hautärzte bei Neurodermitis verschreiben. Ob Badeöl oder Meer­salz-Anwendungen sinnvoll sind, immer mit dem behandelnden Arzt besprechen.

"Wenn die Haut Kratzläsionen aufweist, brennt Salz und erzeugt ­womöglich Irritationen, die schädigend wirken können", erklärt von Kiedrowski. Zudem konnte eine antientzündliche Wirkung nicht nachgewiesen werden. Wichtig: Die Haut sollte durch die ­Anwendungen nicht noch weiter aus­trocknen. Deshalb hinterher immer eine rückfettende Salbe nutzen.

Gut zu wissen: Eine kurze und nicht zu heiße Dusche belastet die Haut ­­weniger als ein langes Bad. Dabei empfiehlt es sich, keine alkalische Seife zu benutzen und am besten die betroffenen Hautstellen überhaupt nicht einzuseifen.

Den Juckreiz ausblenden

Dass Wechselbeziehungen zwischen Haut und Seele bestehen, weiß man ­­inzwischen – wie diese funktionieren, aber noch nicht. Nachgewiesen wurde jedenfalls, dass verhaltenstherapeutische Programme die Hauptsymp­tome einer Neurodermitis auf jeden Fall verbessern können. "Stressreduktion und Entspannungsübungen helfen, auch mit den Folgen der Erkrankung besser umzugehen", erklärt Haut-Experte von Kiedrowski.

Tipp:

Hinweise deuten darauf hin, dass Prä- und Probiotika einen vorbeugenden Schutzeffekt ­haben. Weitere anerkannte ­Diäten, die helfen, gibt es nicht.

Außerdem lernen Patienten dabei auch, den Juckreiz besser aus­zublenden. Dafür gibt es spezielle ­Beratungsprogramme wie etwa die der Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung. Dermatologen, Psychotherapeuten und Ernährungswissenschaftler begleiten während dieser Zeit die Betroffenen, geben Tipps, klären sie auf.

Eines der Ziele lautet, bei Juckreiz-­Attacken bestimmte Strategien anzuwenden. So soll man mit der flachen Hand sanft auf die Stelle klopfen, statt dort zu kratzen. Von Kiedrowski: "Auch ein lockerer Verband kann in schwierigen Phasen die entzündeten Hautstellen schützen."