Mythen übers Impfen: Was stimmt

Infektionsschutz – Keine Frage, Impfen rettet Leben. Doch noch immer gibt es Impflücken. Menschen sterben an Erregern, vor denen eine Spritze schützen könnte. Was Sie über Impfungen wissen sollten

von Sonja Gibis, 05.11.2018
Impfpass

Das Team der Arztpraxis hält alle wichtigen Impfungen im Impfpass fest. In ihm kann auch notiert werden, welche Impfungen anstehen


Masern? In Guatemala hoffte man, die Erkrankung end­gültig ausgerottet zu haben. 20 Jahre lag der letzte Fall zurück, als das Virus vergangenes Jahr zurückkehrte: Ein 17-jähriges Mädchen hatte es eingeschleppt. Angesteckt hatte sie sich bei einem Schüleraustausch – in Deutschland.

Geringe Impfquoten

Experten sind davon überzeugt, dass die Masern wie einst die Pocken und hoffentlich bald die Kinderlähmung  ausgerottet werden können. Doch sind die Impfquoten derzeit zu niedrig – auch in Deutschland. Bei anderen Erkrankungen wird der Schutz, den Impfungen bieten, ebenfalls nicht ausreichend genutzt. Zwischen 2007 und 2017 starben nach Schätzungen des Robert-­Koch-Instituts (RKI) etwa 190 000 Menschen in Deutschland an den Folgen von Infektionen, vor denen Impfungen schützen. 

Damit sie Leben retten können, sollte man auf dem aktuellsten Stand sein. Die Ständige Impfkommission (Stiko), die in Deutschland die Impfempfehlungen herausgibt, passt diese regelmäßig an die Entwicklungen an.

Impfschutz auch für Männer

Eine Neuerung: die HPV-Impfung für Jungen. Seit Juli wird sie nicht nur Mädchen empfohlen, bei denen Humane Papillomviren (HPV) Gebärmutterhalskrebs verursachen können. Gesundheitsexperten hoffen so, nicht nur die Infektionskette zu unterbrechen. Die Impfung verringert auch bei Männern das Risiko für einige Tumore, etwa am Penis oder in der Mundhöhle.

Der HPV-Schutz ist gut verträglich.  Wie alle Impfstoffe, die auf dem Markt sind, kann er aber Nebenwirkungen haben. Um sich mit einem guten Gefühl für die Spritze zun entscheiden, sollte man den Nutzen und die Risiken kennen.

83 Prozent der Deutschen befürworten Impfen. Um regelmäßige Auffrischungen kümmern sich weitaus weniger.

Quelle: Knappschaft, Forsa-Umfrage 2016

Ein starker Schutz

Nutzen und Risiko Zum Thema Impfen kursieren viele Mythen.
Um die richtige Entscheidung zu treffen, sollte man sich vor falschen Informationen hüten. Was Sie über Schutzimpfungen wissen sollten:

Impfungen sind der bestmögliche Schutz

Impfstoffe gehören zu den am besten geprüften Arzneimitteln. Bevor sie
auf den Markt kommen und von der Ständigen Impfkommission Stiko ­­empfohlen werden, müssen sie nicht nur zeigen, dass sie gut verträglich sind.

"Sie müssen sich in klinischen Studien und später auch unter Alltagsbedingungen ­bewähren", sagt Professor Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, das in Deutschland für die Impfstoff-Sicherheit zuständig ist. Beobachtungen ­bestätigen den Erfolg: Die einst gefürchteten Pocken wurden durch eine weltweite Impfkampagne ausgerottet, die Kinderlähmung steht kurz davor.

Doch sollte man auch wissen: Keine Impfung schützt hundertprozentig. Der Effekt unterscheidet sich unter anderem je nach Wirkstoff und Alter der Person. Während zwei Masernimpfungen in der Kindheit im Schnitt zu 99 Prozent vor der Krankheit bewahren, wirkt die Grippeimpfung deutlich schlechter. "Sie ist aber auch hier der beste Schutz, den wir haben", erklärt Stiko-Mitglied Professorin Eva Hummers.

Artworks aus Impfpässen

Vom Impfen bekommt man keine Grippe

Auch wenn kurz danach die Nase läuft: Von der Impfung gegen Grippe kann man nicht grippekrank werden. "Der per Spritze verabreichte Wirkstoff ­­enthält keine aktiven Viren, sondern nur Bestandteile des Erregers", erklärt Stiko-Mitglied Hummers. Dies gilt auch für andere wichtige Impfungen, wie gegen Tetanus und Keuchhusten.

Anders ist dies bei Lebendimpfungen, etwa gegen Masern und Mumps. Sie enthalten abgeschwächte Erreger, die in seltenen Fällen zu einer Erkrankung führen können. "Die Impfmasern sind aber viel harmloser als die echten ­­Masern", betont die Expertin Hummers. Sie sind nicht ansteckend und führen in der Regel nicht zu Komplikationen.

Dr. Fruehwein

Impfen stärkt die Selbstheilungskräfte

Den Körper unterstützen, damit er Krankheiten selbst abwehren kann: Viele Menschen wünschen sich heute eine Medizin, die das vermag. Eine ­Impfung wirkt genau auf diese Weise. "Sie trainiert unser Immunsystem", erklärt Dr. Markus Frühwein, Impfexperte aus München. Dazu bringt sie den ­Körper in Kontakt mit abgeschwächten Erregern oder Erregerbestandteilen.

"Unsere Abwehr lernt, wie ein Virus oder Bakterium aussieht", erläutert der Mediziner. Antikörper werden gebildet, die sich an die Oberfläche des Eindringlings heften und ­diesen für die Abwehr als Feind erkennbar machen. Gedächtniszellen bewahren das Gelernte.

Bei einem Angriff des natürlichen Erregers kann der Körper diesen schnell abwehren. Von Kritikern wird teils behauptet, dass Impfungen die Abwehr schwächen. Studien widerlegen das. Bekannt ist zudem: "Schwere Infekte wie die Masern schwächen Körper und Immunsystem und machen für einige Zeit anfälliger für Erkrankungen", sagt Frühwein.

14 Prozent wissen nicht, wo ihr Impfpass liegt. Weitere fünf Prozent besitzen keinen.

Quelle: BKK MobilOIl, Ipsos-Umfrage 2013

Ein Schnupfen ist ein guter Zeitpunkt, um zu impfen

Oft sind es harmlose Erkrankungen wie eine Erkältung, die Patienten in die Hausarztpraxis führen. "Ein guter Zeitpunkt, um den Impfschutz aufzufrischen", findet Frühwein.

Selbst Ärzte seien hier oft zu ­zurückhaltend. Doch ein Impfhindernis stellen Infekte nur dann dar, wenn das Fieber auf über 38,5 Grad steigt. Auch für Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Asthma, Bluthochdruck oder nach einem Herzinfarkt ist eine Impfung sicher: "Die Betroffenen sind auf den Schutz sogar besonders angewiesen", sagt Frühwein.

Impfschäden kommen extrem selten vor

Wie jedes Medikament haben Impfstoffe manchmal Nebenwirkungen. Die Einstichstelle kann sich röten und anschwellen, man fühlt sich mal einen Tag lang schlapp und etwas fiebrig.

"Das kommt durchaus häufiger vor", sagt Cichutek. Schwere Komplikationen seien jedoch ­extrem selten. Meldungen über Verdachtsfälle nimmt das Paul-Ehrlich-­Institut (PEI) entgegen, auch von Privatpersonen. "Wir prüfen jede ­einzelne", betont der PEI-Präsident. Somit werden Nutzen und Risiko eines zugelassenen Stoffs ständig weiter überwacht.

Zeigen sich beim breiten Einsatz Nebenwirkungen, die zuvor nicht oder nicht in dem Ausmaß bekannt waren, wird der Impfstoff mitunter wieder vom Markt genommen.

39 Prozent haben nur Vermutungen, wogegen sich Erwachsene impfen lassen sollten, oder wissen es nicht.

Quelle: BKK Mobil Oil, Ipsos-Umfrage 2013

Wer sich impfen lässt, schützt auch andere

Nicht jeder kann sich durch eine Impfung schützen. So sind Neugeborene, Menschen mit Immunschwäche und teils auch ältere Menschen nur sicher, wenn das Umfeld geimpft ist.

Hummers gibt ein Beispiel: "Wenn sich die Großmutter gegen Keuchhusten impfen lässt, schützt sie damit ihren neugeborenen Enkel." Noch immer sterben auch in Deutschland Säuglinge an der Erkrankung. Lässt der Enkel sich später gegen Grippe impfen, schützt er damit die ­Großmutter. "Bei ihr wirkt die Impfung nicht mehr so gut."

Impfungen führen nicht zu Allergien

Studien widerlegen einen von manchen Impfgegnern behaupteten Zusammenhang zwischen Allergien oder Multipler Sklerose und Impfungen. "In Deutschland gab es zu Allergien eine riesige Be­obachtungsstudie", erklärt Hummers.

In der DDR herrschte Impfpflicht. Doch litten nur halb so viele Menschen an Allergien wie in Westdeutschland. Nach der Wiedervereinigung nahm die Zahl der Allergiefälle sprunghaft zu. Am Impfen lag das nicht, denn die Zahl der geimpften Kinder ging zurück.

Wichtige Impfungen für Erwachsene


Masern, Mumps, Polio, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten: Wer als Kind keine Grundimmunisierung ­erhalten hat, sollte diese als Erwachsener nachholen.
Tetanus, Diphtherie Auffrischung bei Erwachsenen alle zehn Jahre.
Masern, Mumps Alle Erwachsenen, die nach 1970 geboren wurden und in der Kindheit nur eine Impfung ­erhalten haben, sollten ein Mal nachgeimpft werden.

Keuchhusten: Erwachsene sollten die nächste Tetanusimpfung in Kombination mit Keuchhusten (Pertussis) erhalten. Wichtig ist zudem eine Auffrischung alle zehn Jahre, für Frauen in gebärfähigem Alter sowie für ­­Personen mit Kontakt zu Säuglingen.

Röteln: Wichtig für jede Frau im gebärfähigen Alter, die als Kind nicht geimpft wurde oder nicht mindestens eine Auffrischung erhalten hat.

Windpocken: Einmalige Impfung für Frauen mit Kinderwunsch sowie ­­Patienten mit Neurodermitis, sofern sie nie Windpocken hatten.

FSME: Die Frühsommer-Meningo­enzephalitis wird von Zecken über­tragen. Schützen sollte sich, wer sich in den vom Robert-Koch-Institut ermittelten Risikogebieten aufhält.

Hepatitis A, Hepatitis B: Geimpft werden sollten Menschen, die durch ihr Sexualverhalten, ihren Beruf oder Reisen ins Ausland ein erhöhtes Infektionsrisiko haben. Erkundigen Sie sich dazu bei Ihrem Arzt.

Influenza: Gegen die Grippe schützen sollten sich vor allem Schwangere, Menschen über 60 sowie Personen mit Immunschwäche oder chronischen Erkrankungen. Die Impfung sollte jährlich erfolgen.

Pneumokokken: Der Schutz gegen die bakterielle Lungenentzündung ist wichtig für Menschen über 60 sowie Personen mit Immunschwäche oder chronischen Erkrankungen.

Christian Scharpf

Hilfsstoffe sind unbedenklich

Sogenannte Adjuvanzien in Impfungen helfen, die Reaktion des Immunsystems zu verstärken. "Sie sind mit dem jeweiligen Impfstoff als unbedenklich getestet", betont Cichutek.

Alu­mini­um, dem viele skeptisch gegenüberstehen, ist nur in einigen enthalten, zudem in unschädlicher Dosis. "Mit der Ernährung nimmt ein Kind wöchentlich die hundertfache Menge auf", sagt Frühwein. Selbst wenn davon ein Bruchteil ins Blut übergeht, ist die in einer Impfung enthaltene Menge vergleichsweise gering.   

Mehrfach-Impfungen sind gut verträglich

Vor allem bei Kleinkindern ist der Impfkalender vollgepackt. Die Spritzen bieten Schutz gegen bis zu sechs verschiedene Erreger. Experten zufolge kommt die Abwehr eines Säuglings damit hervorragend zurecht. "Kinder kommen täglich mit deutlich mehr in Kontakt, wogegen das Immunsystem kämpfen muss", sagt Frühwein.

Kombi-Impfungen ersparen ihnen zudem nicht nur die vielen Spritzen. "Sie wirken auch besser", erklärt der Experte. So sei eine geringere Dosis der ­Einzelkomponenten nötig, um dieselbe Wirkung zu erreichen. Auch bei den Hilfsstoffen könne man sparen.

Impfberatung in der Apotheke

Bin ich ausreichend gegen Infektionskrankheiten geschützt? Sind vielleicht Auffrischungen ­nötig? Informationen dazu gibt es nicht nur beim Hausarzt. Auch in vielen deutschen Apotheken ­erhält man auf Wunsch eine persönliche Beratung.

Eine davon ist die Apotheke der Familie Scharpf in Sonthofen. Vor allem wenn eine Reise ansteht, kommen dort Kunden vorbei, um ihr Wissen auf den aktuellen Stand bringen zu lassen. "Wir bieten auf Wunsch eine Beratung an – nach Terminvereinbarung, aber auch spontan", sagt der Mitinhaber Christian Scharpf. Interessierte sollten dafür unbedingt ­ihren Impfpass mitbringen.

Vor einer Reise ist nicht nur der Schutz gegen exotische Erreger wichtig. Auch Krankheiten, die früher in Deutschland verbreitet waren, kommen vor allem in Afrika und Asien noch häufiger vor, etwa die Masern. Bei der hochinfektiösen Krankheit ­bestehen die größten Impflücken bei Erwachsenen, die nach 1970 geboren wurden. "Wer eine Reise plant, sollte frühzeitig kommen", mahnt Scharpf. Für die Grundimmunisierung sind teils mehrere Spritzen im Abstand von einigen Wochen nötig. 

Die Beratung gehört in der Apotheke Scharpf zum Service. Auf Wunsch können Stammkunden sich auch daran erinnern lassen, wenn eine Auf­­frischung fällig ist. "Zehn Jahre sind ein langer Zeitraum – das verliert man leicht aus dem Blick", weiß der Apotheker. Sie erhalten dann eine Erin­­nerung, zum Beispiel per Anruf.