Kinderkrankheiten: In jedem Alter gefährlich

Auch Erwachsene stecken sich mit Masern, Keuchhusten oder Windpocken an. Warum es sie oft besonders heftig trifft und sich das Auffrischen von Impfungen lohnt

von Julia Rudorf, 07.05.2018

Von wegen "Kinderkrankheiten": Erwachsene erkranken ebenso an Masern oder Keuchhusten


Das Problem mit den Kinderkrankheiten beginnt bereits bei der Bezeichnung. Kinderkrankheiten? Erwachsene fühlen sich da häu­fig nicht angesprochen – ein Missverständnis. "Kinderkrankheiten sind oft hoch ansteckend und heißen so, weil sie Menschen meist schon im Kindesalter treffen", sagt Professor Christoph Lübbert, Leiter des Bereichs Infektions- und Tropenmedizin am Uniklinikum Leipzig und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Infektio­logie (DGI). Doch seit einigen Jahren beobachten Experten, dass Fälle von Keuchhusten oder Masern bei Erwachsenen zunehmen.

Immer öfter erkranken auch Erwachsene

Im vergangenen Jahr wurden bis Mitte Dezember 919 Masernfälle registriert, ein Drittel der Patienten war über 20 Jahre alt. Bei Keuchhusten sind mehr als die Hälfte der Betroffenen Erwachsene. "So wie sich diese Krankheit bei uns zeigt, trifft der Begriff Kinderkrankheit einfach nicht mehr zu", sagt Dr. Anette Siedler von der Abteilung Infektionsepidemiologie und Impfprävention des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin.

Gefürchtet sind die neuen "Erwachsenenkrankheiten" wegen der möglichen Komplikationen. Wenn etwa zum Infekt durch ein Virus noch Bakterien kommen, die eine sogenannte Super­infektion verursachen. Oder wenn sich eine Lungen- oder eine Hirnhautentzündung entwickelt. Gerade Masern treffen ältere Patienten oft sehr viel schwerer als Kinder.

Große Impflücken bei Masern, Röteln und Keuchhusten

Viele dieser Krankheitsfälle wären zu verhindern – durch Impfungen. Doch nicht alle Altersgruppen sind gut geschützt. 2015 waren zwar 95 Prozent der Erstklässler in Deutschland gegen Keuchhusten, Tetanus oder Kinderlähmung geimpft. "Bei den Älteren gibt es jedoch teils erheb­liche Impflücken", erklärt Siedler.

Das belegen auch Zahlen der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland von 2013. Nicht einmal die Hälfte der Menschen über 30 ist demnach ausreichend gegen Masern oder Röteln geimpft, nur jeder Zehnte gegen Keuchhusten. Die Ständige Impfkommission, kurz STIKO, rät deshalb allen zur Immunisierung, die nach 1970 geboren wurden und sich nicht ­­sicher sind, ob sie in ihrer Kindheit die nötigen Impfungen bekommen haben. 

Impfungen: Schutz für Schwangere und Babys

Gegen Masern schützt eine Kombi-Impfung, die gleich zwei weitere mögliche Impflücken schließt: Röteln und Mumps. "So kann auch verhindert werden, dass Schwangere an den Röteln erkranken", sagt Siedler vom RKI. Weil das Virus das ungeborene Kind gefährdet, sollten Frauen im gebärfähigen Alter darauf achten, einen vollständigen Schutz zu haben. Dafür ist eine zweimalige Impfung nötig.

Eine weitere Kinderkrankheit, die sich zum Mehrgenerationenproblem entwickelt hat, ist der Keuchhusten. Es gibt zwar eine Impfung, doch sie ist erst für Babys ab dem dritten Lebensmonat zugelassen. Erkranken bis dahin beispielsweise Eltern oder Großeltern, kann eine Ansteckung für die Kleinsten dramatische Folgen haben. "Bei Säuglingen kann der Husten lebensbedrohlich werden", sagt Infektionsexperte Lübbert. Die STIKO empfiehlt Erwachsenen deshalb eine Auffrischimpfung.

Gegen Windpocken sollten sich nur bestimmte Erwachsene impfen lassen – sofern sie noch nicht geschützt sind. Etwa Menschen mit schwerer Neurodermitis oder Frauen mit einem Kinderwunsch. Doch nicht gegen jeden Infekt, den Kinder aufschnappen können, gibt es eine Impfung. Viele Eltern werden täglich daran erinnert – etwa wenn wieder ein Zettel an der Kindergartentüre hängt "Wir haben Hand-Mund-Fuß!" oder "Achtung: Magen-Darm!".

Das kindliche Immunsystem lernt mit jedem Infekt dazu

Die meist harmlosen Infekte sind für die gesundheitliche Entwicklung wichtig. "Das kindliche Immunsystem ist zu Beginn noch naiv, es hat noch keine Bakterien und Viren gesehen und ihnen wenig entgegenzusetzen", sagt Professor Tim Niehues, Chefarzt des Zen­trums für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Krefeld.

Das ändert sich, wenn der Nachwuchs die Welt entdeckt. Spätestens in der Krippe oder im Kindergarten wimmelt es nur so von Erregern – ein Intensivkurs für die Abwehr. "Das Immunsystem der Kinder setzt sich damit auseinander, reagiert mal mehr und mal weniger intensiv und lernt mit jedem Infekt dazu", erklärt Immunologe Niehues.

Kleinkinder sind manchmal ansteckender als Erwachsene

Dass Kleinkinder manchmal die ganze Familie anstecken, hängt ebenfalls mit dem Lernprozess des Immunsystems zusammen. Bis ihr Körper die passende Immunantwort gefunden hat, kann es etwas länger dauern. "Die Kinder können dann auch ansteckender sein als erwachsene Patienten", sagt Niehues. 

Dass trotzdem nicht jeder erkrankt, der Kontakt mit einer kleinen "Virenschleuder" hat, verdanken Erwachsene ihrem erfahrenen Immunsystem. Schnappen Eltern oder Großeltern dann doch einen Infekt auf, kann das damit zu tun haben, dass ihre Abwehr bereits etwas aus der Übung ist. Dagegen lässt sich leider nicht viel tun. Außer, die Kleinen früh ans Händewaschen zu gewöhnen. Und kranke Kinder lieber nicht auf den Mund zu küssen.

So lassen sich Impfungen auffrischen und Impflücken schließen

  • Dokumentation: Festgehalten wird der Impfstatus im gelben Impfpass. Jede Immunisierung wird ­darin mit Unterschrift und Stempel des Arztes dokumentiert, meist auch der verwendete Impfstoff. 
  • Ersatz: Der Pass ist unauffindbar? Wer einen Hausarzt hat, kann dort nach früheren Impfungen fragen. Wichtig: Was nicht vom Arzt dokumentiert wurde, gilt meist als nicht durchgeführt. Die STIKO rät  in diesem Fall dazu, die Impfungen nachzuholen.
  • Tetanus und Diphtherie: Erwachsene sollten die Impfung alle zehn Jahre wiederholen.  
  • Keuchhusten: Hier ist die Auf­frischung besonders wichtig, denn eine lebenslange Immunität nach Erkrankung oder Impfung gibt es nicht. Es werden Kombinationsimpfstoffe verwendet. Sie wirken gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten gleichzeitig. Sogenannte Vierfachimpfstoffe enthalten zudem Antikörper gegen Kinderlähmung (Polio). 
  • Masern: Wer nach 1970 geboren wurde und nur einen oder keinen Nachweis im Impfpass hat, sollte sich schützen lassen. Der ­übliche Dreifachimpfstoff schützt vor Masern, Mumps und Röteln, deshalb der Name MMR-Impfung.  
  • Pneumokokken: Nach dem 60. Geburtstag wird eine Impfung gegen die Erreger empfohlen. Sie lösen unter anderem Lungenentzündung aus. Bei Immundefekten alle sechs Jahre auffrischen. 
  • Grippe: Menschen ab 60 Jahren und chronisch Kranken wird eine jährliche Schutzimpfung empfohlen.