Braucht Deutschland eine Impfpflicht?

Skepsis und Nachlässigkeit lassen die Impfquoten sinken. In Frankreich und Italien gibt es nun eine Impfpflicht. Experten diskutieren, ob das auch für Deutschland Sinn macht
von Dr. Ralph Müller-Gesser, 06.02.2018

Fehlende Kreuze: Die sinkende Impfbereitschaft sorgt für gefährliche Lücken

dpa Picture-Alliance / Sophia Kembowski

Die EU-Partner machen gehörig Druck. Italien droht Eltern seit diesem Sommer mit Bußgeldern, wenn sie ihre Kinder nicht gegen zwölf Krankheiten impfen lassen. Eine weniger, also elf Impfungen, müssen Kleinkinder unter zwei Jahren ab 2018 in Frankreich erhalten haben, damit sie in eine öffentliche Einrichtung aufgenommen werden – etwa in den Kindergarten.

Mit diesen Verpflichtungen ­reagieren die beiden Länder auf zu niedrige Impfraten und wiederkehrende Masern-Ausbrüche. Eigentlich erstaunlich, dass eine medizinische Maßnahme, die wie keine andere zum Schutz des Einzelnen und der Gemeinschaft beiträgt, solcher Zwangsmaßnahmen überhaupt bedarf. Doch es ist eine Tatsache: Die Impf­­quoten sinken – auch hierzulande.

Experten erklären diese Entwicklung vor allem mit allgemeiner Nachlässigkeit. Dank der Impferfolge der vergangenen Jahrzehnte kennen viele Menschen mögliche Konsequenzen bedrohlicher Erkrankungen nicht mehr – und fürchten diese auch nicht. Zudem greift, ­­unterstützt vor allem durch Falschmeldungen und Fehlinformation im Internet, eine grundsätzliche Skepsis gegen­über Impfungen um sich. 

Pocken: Eine Impfpflicht kann Krankheiten ausrotten

Seit vielen Jahren prangert der Berufsverband der Kinder- und Jugend­ärzte diese Entwicklung an. "Krankheiten wie Masern und Röteln lassen sich nur mit einer Impfpflicht ausrotten", ist dessen Präsident Dr. Thomas Fischbach überzeugt. Dass dies möglich sei, habe in der Vergangenheit die verpflichtende Pockenimpfung gezeigt. Der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Ulrich Montgomery, hält eine Impfpflicht aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht ebenfalls für sinnvoll. Doch er sagt auch: "Sie dürfte gesellschaftspolitisch nur schwer durchsetzbar sein." 

Rein rechtlich betrachtet ließe sie sich umsetzen. "Das Infektionsschutzgesetz sieht bei Seuchengefahr oder bei Epidemien die Einführung einer Impfpflicht per Verordnung vor", erklärt Annett Stolze, Fachanwältin für Medizinrecht in München. Einer Impfpflicht räumt sie trotzdem keine Chancen ein: Das Bundesverfassungsgericht würde dies wohl als Eingriff in das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit ansehen und ablehnen.  

Impfpflicht könnte Lücken bei den Erwachsenen vergrößern

Am einfachsten umsetzbar erscheint eine indirekte Verpflichtung, wie sie etwa Frankreich nun einführt. Kinder, die in Schulen oder Kindertagesstätten aufgenommen werden, müssen ausreichend vor bestimmten Infektionen geschützt sein. Solche Regelungen gibt es derzeit in 13 EU-Staaten. In den übrigen, darunter Deutschland, Österreich, Holland und die skandinavischen Länder, sprechen Experten lediglich Empfehlungen aus.

Hierzulande tut das die Ständige Impfkommission (STIKO). Deren Vorsitzender, Professor Thomas Mertens, hält eine Impfpflicht nicht nur für kaum durchsetzbar – sondern auch für wenig sinnvoll, ja sogar für schädlich. Sie würde hartnäckige Impfgegner in ihrer Position bestärken und das aktuelle Problem nicht beheben: "Die bedrohlichen Impflücken finden sich nicht bei Kindern, sondern bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die mit einer Impfpflicht nicht mehr erreicht werden." Beispiel Masern: Während weit mehr als 90 Prozent der Kinder im Einschulalter geimpft sind, fehlt – einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge – mehr als 40 Prozent der 18- bis 44-Jährigen ein vollständiger Schutz gegen die Krankheit.  

Diese Lücken könnten sich unter ­Umständen sogar noch vergrößern, wären Impfungen verpflichtend. Das zumindest lassen die Studienergebnisse von Dr. Cornelia Betsch vermuten. "Wir haben untersucht, wie sich eine Impfpflicht auf das weitere Impfver­halten der Betreffenden auswirkt." Den Ergebnissen zufolge senkt sie die ­Bereitschaft für weitere, freiwillige ­­Impfungen deutlich. Alles oder nichts lautet daher das Fazit der Psycho­login von der Universität Erfurt: "Entweder alle Impfungen verpflichtend oder alle freiwillig."  

Deutschland: Verbesserte Impfquoten durch Aufklärung?

In Deutschland setzt man aktuell weiterhin auf Freiwilligkeit – auch wenn das Bundesgesundheitsministerium im Präventionsgesetz von 2015 ein paar kleine Verpflichtungen und Zwangsmaßnahmen verankert hat. Beispielsweise müssen Eltern nun beim Kita-Eintritt ihres Kindes eine Impfberatung nachweisen. Weigern sie sich hartnäckig, diese vorzulegen, können die Gesundheitsämter Bußgelder von bis zu 2500 Euro verhängen. Darüber hinaus können ungeimpfte Kinder und Jugendliche von Gemeinschaftseinrichtung ausgeschlossen werden, falls dort eine Krankheit ausbricht, gegen die ge­impft werden kann. 

Von diesen milden Zwangsmaßnahmen einmal abgesehen, erhoffen sich Experten hierzulande Verbesserungen vor allem durch mehr Aufklärung – und durch motivierte Ärzte. STIKO-Vorsitzender Mertens: "Wir brauchen noch mehr öffentliche Kampagnen, etwa von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Und wir brauchen die ­Unterstützung der niedergelassenen Ärzte: Wenn sie systematisch bei jedem ihrer Patienten den Impfschutz abklären, beraten und impfen, lassen sich die Lücken schließen. Sicher." 


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