HIV und Aids: Hätten Sie's gewusst?

Über 30 Jahre nach Beginn der Epidemie hat die Aufmerksamkeit für AIDS nachgelassen. Fehlinformationen machen sich breit. 5 häufige Irrtümer
von Dr. Ralph Müller-Gesser, aktualisiert am 30.11.2016

Rote Schleife und Kondom stehen für Solidarität mit HIV-Infizierten und Safer Sex

Fotolia/chatsimo

Berichte über HIV-Infektionen und Aids-Erkrankungen rütteln die Öffentlichkeit heute kaum mehr auf. "Die Aufmerksamkeit hat nachgelassen", sagt Dr. Ulrich Heide. Das Vorstandsmitglied der Deutschen Aids-Stiftung kümmert sich seit Anfang der Epidemie um HIV-Infizierte und ihre Probleme. Wegen der großen Erfolge in Aufklärung, Vorbeugung und Behandlung von HIV überrascht ihn diese Entwicklung nicht. Natürlich war es zu Beginn der Immunschwäche-Epidemie, vor gut 30 Jahren, anders, als die Infektion einem Todesurteil gleich kam.

Doch nachdem die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland lange Zeit gesunken war, stieg sie um die Jahrtausendwende wieder an und stagniert nun seit einigen Jahren: Laut Schätzungen des Robert Koch-Instituts stecken sich hierzulande derzeit rund 3.200 Menschen jährlich mit dem HI-Virus an. Insgesamt lebten hier im Jahr 2014 etwa 83.400 Menschen mit HIV oder Aids. Geschätzt 13.200 Menschen wissen nichts von ihrer Infektion.

Aktuelle Zahlen aus Europa:

  • In der EU wurden im Jahr 2015 rund 30.000 neue Fälle registriert
  • Einer von sieben Infizierten weiß nicht, dass er HIV-positiv ist
  • Zwischen Infektion und Diagnose vergehen im Durchschnitt vier Jahre
  • In Osteuropa stieg die Zahl der Fälle in den letzten zehn Jahren um 80 Prozent an

Etwa 480 HIV-Infizierte sind im Jahr 2014 in Deutschland gestorben. An Sorglosigkeit liege das nicht, stellt Ulrich Heide von der Deutschen Aids-Stiftung klar. Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aids-Hilfe, sieht das genauso: "Das Schutzverhalten ist weiterhin gut – auch unter Jugendlichen." Doch ein paar Fehlinformationen überstehen offenbar alle bisherigen Aufklärungskampagnen. Zeit, damit aufzuräumen. Lesen Sie fünf häufige Irrtümer über HIV und Aids – und was wirklich stimmt.

 

Irrglaube #1: "HIV ist heilbar."

Nein. Moderne Therapien bescheren HIV-Infizierten eine fast normale Lebenserwartung. Heilen lässt sich die Infektion aber bis heute nicht. Richtig ist: Die Einnahme bestimmter Medikamenten hindert die Viren daran, sich zu vermehren. Nach einiger Zeit sind daher meist keine mehr im Blut nachweisbar. "Verschwunden sind die Erreger deshalb aber noch lange nicht", erklärt Heide, Vorstandsmitglied der Aids-Stiftung. Sie ruhen in bestimmten Körperzellen. Um eine HIV-Infektion dauerhaft in Schach zu halten, müssen die Arzneimittel daher lebenslang eingenommen werden. Geschieht das nicht, vermehren sich die Viren wieder, und es entwickelt sich die Immunschwäche AIDS. Heide: "Inzwischen wissen wir aus Studien, dass eine frühzeitige Behandlung umso erfolgreicher ist und wirkungsvoller die Folgen der Infektion verhindert."

Die Medikamente gegen HIV können vor allem zu Beginn der Einnahme Nebenwirkungen wie zum Beispiel Müdigkeit oder Erbrechen auslösen. In manchen Fällen bleiben sie länger bestehen. Bei einigen Patienten entwickeln sich sehr beeinträchtigende Nebenwirkungen auch erst nach länger Zeit. Insgesamt kommen nach Angaben der Aids-Hilfe rund 80 Prozent der Patienten recht gut mit den Nebenwirkungen klar.

Irrglaube #2: "Die Aids-Epidemie ist vorüber."

Keineswegs, aber ein Ende ist in Sicht – vorausgesetzt die weltweiten Anstrengungen halten an. Im Jahr 2030 könne es soweit sein, hofft UNAIDS, eine Organisation der Vereinten Nationen. Das gelingt aber wohl nur, wenn bis bereits bis 2020 das 90-90-90-Ziel erreicht wird: 90 Prozent der HIV-Infektionen sollen bis dahin erkannt sein, 90 Prozent der Infizierten eine Behandlung erhalten und bei 90 Prozent der Behandelten das Virus im Blut nicht mehr nachweisbar sein.

Grund zur Hoffnung besteht tatsächlich, denn in den letzten Jahren hat sich in vielen Ländern der Welt die medizinische Versorgung von HIV-Infizierten stark verbessert. Laut UNAIDS erhielten im Juni 2015 15,8 Millionen der weltweit rund 36.9 Millionen Infizierten jene Medikamente, die die Vermehrung der Viren verhindern. Das ist immer noch weniger als die Hälfte, aber ein Fortschritt.

Irrglaube #3: "HIV-Infizierte dürfen nicht in jedem Beruf arbeiten."

Seit 2013 das letzte Berufsverbot fiel, gibt es für HIV-Infizierte keine gesetzlichen Einschränkungen mehr. "Seitdem können sie auch Piloten werden", erklärt Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aids-Hilfe. Heute kämpfen die Betroffenen nicht mehr gegen Gesetze, sondern gegen falsche Überzeugungen von Arbeitgebern. Manche befürchten, HIV-Infizierte seien weniger belastbar. "Das stimmt nicht", sagt Wicht. "Sie sind im Schnitt nicht häufiger krank als andere Arbeitnehmer." Immerhin: Zwei Drittel aller HIV-Infizierten arbeiten.

Doch Vorurteile und Ausgrenzung widerfahren ihnen nicht nur im Berufsleben, sondern auch im Alltag. Beispiel Zahnbehandlungen: "Für HIV-Infizierte ist es schwer, Zahnärzte zu finden", berichtet Heide. "Und wenn sie es tun, bieten sie oft die letzten Termine des Tages an." "Höherer Hygieneaufwand" lautet eine häufige Begründung. "HIV wird vor allem bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr übertragen, aber nicht beim Friseur oder beim Zahnarzt", stellt Wicht klar. Zwar kennen die meisten Menschen die Übertragungsrisiken, doch viele misstrauen ihrem Wissen. "Beispielsweise ist ihnen klar, dass man gefahrlos aus dem Glas eines HIV-Infizierten trinken kann", sagt Wicht. "Doch wenn es darum geht, es zu tun, machen es die meisten eben doch nicht."

Irrglaube #4: "Eine HIV-Infektion sieht man jemandem an."

Weder die Viren noch die Infektion lassen sich von außen erkennen. Genauso wenig übrigens, wie sie zu spüren sind. Safer Sex ist daher alternativlos für all jene, die den HIV-Status ihres Partners oder ihrer Partnerin nicht kennen. "Kondome schützen außerdem nicht nur vor HIV, sondern auch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis oder Gonorrhoe", erklärt Heide. Da die Infektion nicht zu erkennen ist, wissen auch etwa 13.200 Menschen nichts von ihrem Problem. So viele unwissende HIV-Infizierte gebe es in Deutschland, hat das Robert-Koch-Institut kürzlich mitgeteilt.

Ihre Unkenntnis beenden kann nur ein Bluttest. "Doch leider sehen viele Menschen nicht die Notwendigkeit, sich testen zu lassen", sagt Heide. Der Grund: Sie schätzen ihr eigenes Risiko fälschlicherweise als gering ein – insbesondere dann, wenn eventuelle Infektionsrisiken bereits lang zurückliegen. Am wenigsten Test-interessiert sind übrigens heterosexuelle Menschen. Selbsttests wie in anderen Ländern sind in Deutschland nicht erhältlich. Wicht verweist zum Testen auf Gesundheitsämter, Aids-Beratungsstellen und Arztpraxen. "Eine professionelle Begleitung ist beim HIV-Test wichtig, sowohl bei einem positiven, als auch einem negativen Testergebnis." Denn negativ heißt nicht zwangsläufig, dass keine Infektion vorliegt. Der Test gibt nur Auskunft über jene Risikosituationen, die sechs Wochen oder mehr zurückliegen, und schließt Infektionen jüngeren Datums nicht aus.

Irrglaube #5: "Bald kann man sich gegen HIV impfen lassen."

Bisherige Impfstudien verliefen wenig überzeugend. Daher sind sich Wissenschaftler einig: Ein HIV-Impfstoff zur Vorbeugung ist nicht in Sicht. Zwar steht HIV-negativen Menschen bereits heute eine medikamentöse Prophylaxe zur Verfügung: So senkt die Einnahme einer bestimmten Arznei die Gefahr, sich in Risikosituationen – beispielsweise bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr – zu infizieren. Wie zuverlässig diese sogenannte Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) funktioniert, hängt sehr davon ab, ob man die Tabletten vorschriftsgemäß einnimmt. Teilnehmer der sogenannten iPrEx-Studie, die ausreichend hohe Wirkstoffpegel im Blut erreichten, waren zu 92 Prozent geschützt.

Wicht weist zudem auf den "Schutz danach" hin: die Post-Expositions-Prophylaxe (PEP). Diese mehrwöchige Medikamenteneinnahme nach einem Infektionsrisiko senkt das Risiko für eine Ansteckung um bis zu 80 Prozent. Sie eignet sich also nur im Notfall und muss innerhalb weniger Stunden nach dem riskanten Ereignis begonnen werden. "Wer befürchtet, sich angesteckt zu haben, sollte sich möglichst rasch beraten und behandeln lassen", sagt Wicht.


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