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Allergie: Immuntherapie mit Tabletten

In etwa sieben Prozent der Deutschen reagieren allergisch auf Hausstaubmilben. Eine Immuntherapie mit Tabletten statt wie bisher mit Spritzen zeigt sich in Studien als bemerkenswert wirksam

von Christian Krumm, 05.04.2019
Milben

Unsichtbare Mitspieler: Milben fühlen sich in Betten ganz besonders wohl


Zigtausende Tiere leben in Deutschlands Haushalten – und zwar in jedem einzelnen. Spielen oder kuscheln kann man mit ihnen nicht, sind sie doch im Schnitt gerade mal 0,2 Millimeter groß und damit für das menschliche Auge so gut wie unsichtbar. Dermatophagoides heißen die winzigen Spinnen­tiere. Oder: Hausstaubmilben.

Ihre Anwesenheit ist kein Zeichen mangelnder Hygiene, sondern ganz normal. Milben ernähren sich von den Hautschüppchen, die jeder Mensch verliert. Doch rund sieben Prozent der Bevölkerung reagieren allergisch auf die Spinnentiere – genauer gesagt auf Eiweißbestandteile in deren Ausscheidungen. Und davon gibt es in jedem Bett eine Menge. Dort fühlen sich die Milben aufgrund der Temperatur, der Luftfeuchtigkeit und des reichhaltigen Nahrungsangebots besonders wohl.

Kurzfristige Medikamentenwirkung

Gelangen die Eiweißbruchstücke in die Atemwege, reagieren Allergiker mit Schnupfen, im Rachen juckt es, die Augen schwellen an und tränen. Doch dabei bleibt es oft nicht. Menschen mit einer Hausstaubmilbenallergie entwickeln häufig ein Bronchialasthma, das sich mit der Zeit verschlimmert. Zahlen belegen, dass ein solcher sogenannter Etagenwechsel von den oberen in die unteren Atemwege bei Milbenallergikern deutlich öfter eintritt als bei Gräser- oder Pollenallergikern.

"Die üblichen antiallergischen Medikamente helfen nur kurzfristig gegen die Symptome, bekämpfen aber nicht die Ursache", sagt Professor Timo Buhl, Allergologe an der Uniklinik Göttingen. Den Etagenwechsel oder die Verschlimmerung einer Asth­ma­­erkrankung verhinderten sie nicht. Stattdessen verordnet Buhl anfangs häufig ein Kortikoid-Nasenspray: "Damit bringt man die Nasenschleimhaut zum Abschwellen. Aber es ist in erster Linie eine gute Strategie, um dem Patienten zu zeigen, wie viel besser es ihm mit einer guten Therapie gehen könnte."

An Schnupfen gewöhnt

Während Pollenallergiker je nach Saison eine Verschlechterung bemerken, leiden Milbenallergiker ganzjährig unter Symptomen. So wird der Schnupfen zum Dauerzustand; das durch die verengten Atemwege ausgelöste Schnarchen und die erhöhte Infektanfälligkeit werden ebenfalls als normal hingenommen. "Der Patient merkt durch diesen Gewöhnungseffekt gar nicht mehr, wie schlecht es ihm eigentlich geht", sagt Buhl.

Trotz guter Behandlungsmöglichkeiten profitieren derzeit nur rund zehn Prozent der Milbenallergiker von einer adäquaten Therapie, schätzen Mediziner. Als Goldstandard gilt aktuell die spezifische Immuntherapie.

Dabei werden dem Patienten im Abstand von mehreren Wochen winzige Mengen des auslösenden Allergens unter die Haut gespritzt. Das Immunsystem lernt auf diese Weise, den Eiweißstoff zu tolerieren. Inzwischen sind auch Tabletten und Tropfen auf dem Markt, die der Patient selbst einnehmen kann. Weil die Allergenextrakte dabei über die Mundschleimhaut unter der Zunge aufgenommen werden, heißt das Verfahren sublinguale Immuntherapie.

Tablette oder Spritze?

"Das ist für viele Patienten bequemer, weil sie nicht so oft zum Arzt müssen", sagt Buhl. Allerdings müssen die Präparate in der Regel täglich eingenommen werden. Und die sublingualen Mittel haben häufig örtliche Nebenwirkungen, etwa ein Kribbeln auf der Zunge oder eine leichte Lippenschwellung. Welche Variante man wählt, sei eine Sache der persönlichen Vorliebe, so Buhl. Sie wirken nach heutigem Wissensstand etwa gleich gut.

Das bestätigt Professor Johann Christian Virchow, Leiter der Abteilung für Pneumologie an der Universität Rostock: "Die Studienlage zur sublingualen Immun­therapie wird aufgrund größerer Fallzahlen und dosis­abhängiger Untersuchungen zunehmend besser."

Asthmatikern hilft die Behandlung ebenfalls – sofern sie auch allergisch auf Hausstaubmilben sind. Das belegen die Ergebnisse einer Studie, an der Virchow federführend beteiligt war. Wie der Experte betont, profitierten von dieser Immuntherapie auch Patienten, deren Asthma zuvor nur mittelmäßig unter Kontrolle gebracht werden konnte. Sie benötigten anschließend weniger Kortisonspray.

Belohnung nach langwieriger Therapie

Ob Spritze, Tabletten oder Tropfen – in jedem Fall dauert eine erfolgreiche Immuntherapie rund drei Jahre. Mindestens. Das hält nicht jeder Patient durch. "Vor allem zu Beginn ist die Abbrecherquote leider sehr hoch", beklagt Allergologe Buhl. Ganz besonders gilt das für die orale Therapie, die sich nur schwer überwachen lässt. Manchen Betroffenen mag die Prozedur zu mühsam sein.

"Viele sind auch enttäuscht, weil die Wirkung nicht gleich in den ersten Wochen einsetzt", so Buhl. Doch wer durchhält, wird belohnt. Rund 90 Prozent der Patienten würden durch eine spezifische Immuntherapie eine deut­liche Besserung erfahren, schätzt Buhl.

Zu einem positiven Ergebnis gelangten auch spanische Wissenschaftler, die 112 Studien zu der Thematik ausgewertet haben. Hinzu kommt: Der Effekt hält über viele Jahre an. Und selbst wenn irgendwann erneut Symptome auftreten sollten, lässt sich die Behandlung problemlos wiederholen. Dass Allergiker gar nicht auf die Therapie ansprechen, ist eher ungewöhnlich. Dann liege oft der Verdacht nahe, so Experte Virchow, dass der Patient das Präparat womöglich nicht eingenommen hat.

Hilfe gegen Milben

  • Encasings: Diese Überzüge für Matratzen und Bettdecken (auch die des Partners) halten Milben vom Körper fern. Auf gute atmungsaktive Qualität achten.
  • Hepa-Filter für den Staubsauger: Sie halten den Staub weitgehend zurück. Vor allem im Schlafzimmer auf Teppiche und Wohntextilien verzichten. Wenn möglich, nicht selbst Staub wischen und saugen.
  • Luftwäscher: Geräte, die zusätzlich die Raumluft reinigen und filtern, sind gut geeignet, wenn alle anderen Maßnahmen bereits ausgeschöpft wurden.